Wer rastet, wird rosten

Heilbar ist die Krankheit bisher nicht. Aber das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, lässt sich beeinflussen.

Alzheimer, die meist gefürchtete Krankheit im Alter, breitet sich aus: Heute leiden in der Schweiz rund 100’000 Menschen an einer Demenz. Im Jahr 2030 werden es voraussichtlich schon doppelt so viele sein und im Jahr 2050 bereits mehr als 300’000.

Lange Zeit dachte man, es sei einfach Glück oder Pech, ob man bei guter geistiger Gesundheit altert oder im Alter sehr vergesslich wird. Heute weiss man: Es gibt einige Möglichkeiten, das Gehirn gesund und fit halten und seine Widerstandskraft gegen die Abbauprozesse des Alterns zu erhöhen.

Auch wenn derzeit viel geforscht wird, um wirksame Medikamente gegen die Demenz zu entwickeln: Vorerst bleibt Alzheimer eine unheilbare Krankheit! Wohl gibt es sogenannte Antidementiva – die die Symptome um 6 bis 12 Monate hinausschieben können. Was sehr wertvoll sein kann, um sich noch einen wichtigen Lebenswunsch zu erfüllen. Ausserdem helfen Antidepressiva und Neuroleptika, allfällige Depressionen und Wahnvorstellungen zu lindern.

Dennoch steht fest: Es wird etwa noch 20 Jahre dauern, bis ein Medikament existiert, das das Voranschreiten der Demenz und die massiven Gedächtnisstörungen nachhaltig stoppen kann. Daher konzentriert sich die Wissenschaft derzeit vermehrt auf das Vorbeugen.

Für Prof. Hans Förstl, einem führenden Alzheimer-Experten, steht fest: „Die Möglichkeiten der Prävention und der Frühdiagnose werden in den nächsten Jahren wichtiger werden“. Im Exklusiv-Interview für die GlücksPost erklärt der Münchner Universitätsprofessor, wie sich das eigene Alzheimer-Risiko senken lässt.

Wieso leiden immer mehr Menschen an Alzheimer?

Prof. Förstl: Weil die Menschen in den allermeisten Ländern auf der Erde immer älter werden (Ausnahme: USA und Russland). Hauptrisikofaktor für die Alzheimer-Demenz ist das Alter. Es gab schon immer alte und sehr alte Menschen. Nur machten sie keinen so grossen Anteil der Bevölkerung aus wie heute. Im alten Ägypten und in der Antike wurde die „dementia“ als etwas ganz Normales aufgefasst, das zum Alter gehört und man hat sich darüber in Komödien lustig gemacht.

Kann man sich vor Alzheimer schützen?

Ja, mit Sicherheit – allerdings nicht mit absoluter Zuverlässigkeit. Auch Menschen, die konsequent und erfolgreich immer das Richtige zum Schutz ihres Gehirns getan haben, können trotzdem eine Demenz entwickeln. Wissenschaftlich steht fest, dass es einen ganz eindeutigen Zusammenhang zwischen bestimmten Risiko- und Schutzfaktoren und der Entwicklung einer Demenz gibt. Den Urgrossvater, der immer geraucht und getrunken hat, nie beim Arzt war und angeblich ohne Demenz 100 Jahre alt geworden ist, mag es geben. Er ist aber eine exotische Ausnahme. Für die allermeisten Menschen lautet die Devise: das Gehirn schützen, geistige Reserven aufbauen und konsequent alle Faktoren behandeln, die das Gehirn direkt oder indirekt schädigen können.

Sie bezeichnen unbehandelten Bluthochdruck als eine der grössten Demenzgefahren…

Bluthochdruck ist einer dieser ganz wichtigen Faktoren, die das Gehirn zunächst nicht spürbar beeinflussen. Oft fühlt man sich sogar frischer, vitaler, wenn der Blutdruck ansteigt. Der Mensch gewöhnt sich schnell daran, aber sein Gehirn nimmt über die Jahre Schaden. Der Sauerstoff- und Zuckeraustausch sowie die Entsorgung weiterer Stoffe über die Blut-Hirnschranke funktionieren nicht mehr. Kleine Infarkte kommen dazu und danach auch grosse Schlaganfälle. Damit fehlen dem Gehirn wesentliche Arbeitselemente, um die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen. Dann bedarf es nur noch weniger neurodegenerativer Alzheimer-Veränderungen, um richtig dement zu werden. Gleichzeitig beschleunigen die Durchblutungsstörungen des Gehirns auch direkt die Entwicklung der Alzheimer Plaques und Neurofibrillen.

Was sind die wichtigsten Massnahmen, um das Gehirn zu schützen?

  • mit Freude lernen und arbeiten
  • intensiven Austausch mit anderen Menschen pflegen
  • Depressionen früh behandeln
  • Körperliche Erkrankungen, die das Gehirn indirekt beeinträchtigen, früh erkennen und behandeln. Dazu zählen Rauchen, Bluthochdruck, Altersdiabetes, erhöhte Blutfette und Fettleibigkeit. Wichtig ist auch, sich regelmässig zu bewegen, um die Durchblutung zu fördern.
  • Helm aufsetzen beim Radfahren, nicht boxen etc.

Welche Art von Bewegung tut gut?

Solche die Freude macht und bei der man sich nicht weh tut, vom Spazieren gehen bis zum Triathlon, Kegeln bis Tanzen. Vielleicht bieten neue Computerspiele hier sogar eine Motivation für Menschen, die in ihrer Beweglichkeit bereits eingeschränkt sind. Halma spielen genügt nicht.

Sie raten zu einer Frühdiagnose. Was ist der Vorteil?

Die frühere Behandlung. Mehr Monate mit guter Lebensqualität. Es gibt eine Reihe von Ursachen, die zu einer Demenz führen können, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt werden. Die meisten Patienten mit einer Demenz kommen erst im mittleren Stadium zu einem Arzt, also mehrere Jahre nach dem Auftreten der ersten Symptome. Das muss besser werden.

Woran erkenne ich, dass ich zum Arzt sollte?

Entweder ich habe selbst das Gefühl, dass ich geistig nicht mehr so kann wie ich möchte bzw, wie ich es immer gewohnt war. Spätestens aber wenn jemand anderer sagt, dass ich mehr können sollte, als ich kann oder möchte.

Gut zu wissen

«Demenz» ist die generelle Bezeichnung für rund 50 Krankheiten, bei denen Verluste des Erinnerungsvermögens zusammen mit anderen Funktionsstörungen des Gehirns auftreten. Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz (ca.50%). Demenz ist keine plötzliche Erkrankung, sondern ein Prozess, der sich oft über 30 oder mehr Jahre erstreckt. Es gibt drei Stadien, die Übergänge sind aber fliessend.

Frühstadium: Einschränkung der Merkfähigkeit, Betroffene vergessen Namen oder Verabredungen, Gelesenes oder Erzähltes.

Mittleres Stadium: ca. 3 Jahre nach der Diagnose. Das Neugedächtnis ist stark beeinträchtigt. Soeben Gelerntes wird rasch wieder vergessen. Auch das Altgedächtnis wird unschärfer. Situationen werden häufig fehlgedeutet.

Spätes Demenzstadium: ca. 6 Jahre nach der Diagnose. Sämtliche kognitiven Leistungen sind betroffen. Das Sprachvermögen ist stark eingeschränkt. Patienten brauchen Hilfe bei alltäglichen Verrichtungen wie Waschen, anziehen usw.

Buch-Tipp

Das neue “Das Anti-Alzheimer-Buch” von Prof. Hans Förstl ist jedem zu empfehlen, der sich über die neuesten Erkenntnisse zur Prävention informieren möchte. Kösel Verlag, CHF 31.90.

PDF des Artikels: Alzheimer

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy