Schuld ist nicht die Schokolade!

Schmerzforscher räumen mit gängigen Migräne-Mythen auf: Schuld am Gewitter im Gehirn sind weder übermässiger Schoggi-Verzehr noch Partnerzwist, sondern die Gene.

Malträtieren bohrende und pulsierende den Kopf, weiss der Geplagte aus Erfahrung: Jetzt hilft nur noch Vorhänge zuziehen, kühlender Eisbeutel auf die Stirn legen, die Augen schliessen und hoffen, dass der Tumult im Schädel bald wieder vorbeigeht. Denn eine Migräne-Attacke kann bis zu 72 Stunden dauern!
In der Schweiz leiden rund 1 Million Menschen am Nervengewitter im Kopf, der oft in den frühen Morgenstunden beginnt. Frauen sind rund doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Familiäre Vorbelastung

Der meist halbseitige Kopfschmerz, der mit Übelkeit, Erbrechen sowie Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit eingehen kann, ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen.
Das Risiko, an Migräne zu erkranken, wird von Generation zu Generation vererbt. Es ist also kein Zufall, wenn Oma, Mutter, Tochter und Enkelin von Kopfweh-Attacken geplagt werden. Mit grosser Wahrscheinlichkeit liegt die Krankheit in den Genen: Forscher haben letztes Jahr ein erstes Risiko-Gen entdeckt. Es reguliert vermutlich den Nervenbotenstoff Glutamat im Hirn. Kommt es an den Kreuzungen von Nervenbahnen (sog. Synapsen) zu einem Glutamat-Überschuss, löst dieser „Stau“ vermutlich die Migräne aus.

Neue Erkenntnisse über Auslöser

Fest steht: Das Hirn von Migränikern reagiert super-sensibel auf innere wie auch äussere Einflüsse. Was eine Attacke letztendlich auslöst, ist bei jedem verschieden. Zu den sogenannten Trigger-Faktoren, wie die Auslöser genannt werden, zählen Stress, Schlafmangel, Reizüberflutung, hormonelle Veränderungen, Wetterwechsel wie auch Alkohol, Koffein, gewisse Nahrungsmittel (Käse, Schokolade) und der Geschmacksverstärker Glutamat (z.B. im Aromat).

Einige dieser vermeintlichen Migräne-Auslöser haben sich nun als Irrtum erwiesen. Neueste Erkenntnisse führender Schmerzexperten zeigen:

  1. Es ist falsch, Trigger-Faktoren strikt zu meiden – wie es bisher empfohlen wurde. Wer sie aus seinem Leben verbannt, verstärkt die Symptome und bekommt erst recht Migräne, weil immer neue Auslöser dazu kommen. Wer zum Beispiel durch Rotwein Migräne bekommt, sollte erst recht ab und zu ein kleines Gläschen geniessen, um den Kopf an den Auslöser zu gewöhnen.
  2. Schokolade ist erlaubt! Da bis zu 70 Prozent der Migräniker vor einer Attacke Heisshunger auf Süsses haben, glaubte man bisher, Schokolade würde eine Migräne auslösen. Eine Studie hat nun gezeigt: Es ist genau umgekehrt! Die Lust auf Süssigkeiten ist ein Signal für eine bevorstehende Migräne-Attacke: Das Hirn braucht Energie für den bevorstehenden Anfall.
  3. Zoff mit dem Liebsten, der Liebsten löst auch keine Migräne aus, wie oft behauptet. Auch hier verhält es sich genau umgekehrt: Die Gereiztheit, Nervosität und Müdigkeit, die vor einem Anfall auftreten, führen zum Streit.

Was Sie selber tun können

Medikamente alleine genügen nicht, wenn Migräne-Attacken regelmässig plagen. Hilfreich ist, im Alltag optimistisch gegen das Leiden vorzugehen.
Besonders heilsam wirkt sanfter Ausdauersport wie Walking, Schwimmen oder Velofahren Das haben zahlreiche Studien belegt. Wichtig: Die Bewegung soll entspannen und nicht allzu sehr anstrengen.
Pausen einbauen: Migräne-Patienten sind oft ehrgeizig und leistungsorientiert. Stressmindernd wirken Entspannungstechniken wie autogenes Training, Progressive Muskelentspannung oder Meditation.
Viel Wasser oder Kräutertee trinken ist ein Muss, denn Flüssigkeitsmangel kann Kopfschmerzen verursachen.
Ist die Migräne da, können feucht-kalte Lappen auf Stirn und Nacken, ein kalter Gesichtsguss oder feucht-kalter Brustwickel die Qual lindern.

Immer mehr Kinder betroffen

Was viele nicht wissen: Auch Kinder werden von Migräne-Attacken geplagt. Die Beschwerden können sich auch als Bauchschmerzen oder Übelkeit manifestieren. Die Zahl Migräne-kranker Kinder hat sich in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht. Zu den Krankmachern zählen Leistungsdruck und Probleme mit den Eltern. Etwa ein Drittel der Kinder mit Migräne leiden an Laktose-Intoleranz.
Die gute Nachricht: 40 Prozent der Patienten zwischen zehn und 14 Jahren hatte zehn Jahre später keine Migräne mehr – so eine italienische Studie.

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.