Zucker der Zukunft?

Die Blätter der südamerikanischen Pflanze Stevia sind eine gesunde Alternative zum kalorienreichen Haushaltzucker und zu künstlichen Süssstoffen – und schonen erst noch die Zähne.

Unsere Liebe zu Süssem ist heutzutage immens. Ob Guetzli, Ketchup oder Softdrinks – jeden Tag verspeisen wir durchschnittlich 27 Würfelzucker pro Person! Wir vertilgen fünf Mal mehr Zucker als unsere Urgrosseltern vor hundert Jahren. Kein Wunder leiden bereits Jugendliche an Übergewicht und Altersdiabetes.
Gut zu wissen, dass dagegen ein Kraut gewachsen ist! Es könnte helfen, in Zukunft ohne Reue zu naschen. Gemeint ist die Pflanze „Stevia rebaudiana“, die in Wildform im Grenzgebiet zwischen Paraguay und Brasilien wächst. Entdeckt wurde das Honigkraut, wie die Pflanze auch heisst, vom Schweizer Botaniker Moisés Giacomo Bertoni, der 1884 mit seiner Familie nach Südamerika auswanderte.
Bei der Urbevölkerung werden Stevia-Blätter seit Jahrhunderten als Süssstoff wie auch als Medizin verwendet – zur Herzstärkung sowie gegen Übergewicht, Bluthochdruck und Sodbrennen. Die Süsskraft der Staude entsteht durch sogenannte Stevioside, die sich in den Pflanzenblättern befinden. Sie sind 300 Mal süsser als Zucker. Der Geschmack ähnelt dem eines synthetischen Süssstoffes, mit einem leicht bitteren, lakritzartigen Nachgeschmack.

Hilfreich bei Stoffwechsel-Erkrankungen

In den vergangenen 20 Jahren wurde Stevia wissenschaftlich intensiv erforscht. Dabei stellte sich heraus, dass Zubereitungen aus Stevia-Blättern auch eine starke antioxidative Wirkung haben. In Studien wurden blutdrucksenkende, blutzuckersenkende, antimikrobielle und gefässerweiternde Eigenschaften beobachtet.
Fest steht:

Der natürliche Zuckerersatzstoff ist praktisch frei von Kalorien und auch für Diabetiker bestens verträglich,

so der Agrarwissenschaftler Dr. Udo Kienle von der deutschen Universität Hohenheim.

Verglichen mit unserem Haushaltzucker hat Stevia noch einen weiteren Vorteil: Der natürliche Süssstoff verhindert die Neubildung von Plaque (Zahnbelag) und reduziert Bakterien, die Parodontitis und Karies verursachen.
Kurzum: Stevia hat das Zeug zum gesunden und zahnschonenden Zucker der Zukunft.

Gefährlich oder gesund?

Dennoch wurde das Wunderkraut in den neunziger Jahren aus den Verkaufsregalen gezogen, auch in der Schweiz. Experimente an Ratten hatten ergeben, dass Stevia-Extrakte die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können und ein Abbauprodukt von Steviosid potentiell krebserregend wirkt. Die Studie gilt heute als umstritten, denn sie wurde von einem führenden Hersteller chemischer Süssmittel finanziert.
Der Verkauf des natürlichen Süssmittels Stevia ist in zahlreichen europäischen Ländern nach wie vor nicht erlaubt. Und dies obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits 2008 Stevia-Extrakte als sicher eingestuft hat, wenn bestimmte Verzehrmengen nicht überschritten werden (vier Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht). Auch die toxikologischen Tests der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) ergaben, dass die Substanzen weder Krebs erregend sind, noch das Erbgut schädigen.
Weltweit nutzen 150 Millionen Menschen täglich Stevia – nicht nur in Südamerika sondern auch in Japan, Malaysia, Korea, China, Thailand, Israel, Neuseeland, Mexiko und in den USA. In Europa hat die Schweiz eine Vorreiterrolle übernommen:Seit August 2008 erteilt das Bundesamt für Gesundheit Einzelbewilligungen für den Einsatz von Stevia als Süssstoff. Von Eistee, Kräuterbonbons über Schokolade, Getreidestängel bis zu Kinderglace und Ketchup sind hierzulande aktuell 76 Produkte mit Stevia-Extrakt im Handel erhältlich (die komplette Liste gibt es im Internet: www.bag.admin.ch

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Stevia auch im weiteren Europa wieder zugelassen wird – für alle Schleckmäuler, die einen natürlichen Süssstoff wünschen, der weder der Linie noch den Zähnen gesundheitlich zusetzt.

Das Buch zum Thema

Der neue Schweizer Ratgeber „Stevia – Rezepte aus der Naturküche“ von Sabine Hagg und Heinz Knieriemen erklärt, wie man Stevia verwendet und enthält über 60 Rezepte (AT Verlag, CHF 29.90).

Erschienen in GlücksPost: © Marie-Luce Le Febve de Vivy