Ein gesunder Rausch

Sie wirkt wie eine berauschende Droge auf unser Belohnungszentrum: Musik ist Balsam für Körper und Seele. Wer seinen Lieblingsklängen lauscht oder selber singt, setzt im Gehirn Glückshormone frei.

Im Zug zur Arbeit, in der Badi beim «Sünnele» oder beim Einkauf im Supermarkt – heutzutage trifft man überall auf Menschen mit kleinen Stöpseln in den Ohren oder trendigen Musikhörern auf dem Kopf. Sie lauschen ihrer Lieblingsmusik, die sie auf dem Handy oder i-Pod gespeichert haben, und scheinen entrückt.
Was auf Aussenstehende unhöflich oder arrogant wirken mag, ist im Grunde genommen gar nicht so übel. Denn Musikgenuss ist gesunder Balsam für Körper und Seele. Eine neue Studie der McGill University in Montreal belegt: Musiktöne können höchste Glücksgefühle auslösen! Im Kopf wird der Glücksbotenstoff Dopamin ausgeschüttet – eine Substanz, die sonst bei lustbringenden Stimuli wie Drogen, Geld, köstlichem Essen oder gutem Sex freigesetzt wird.
Um die Dopamin-Ausschüttung zu verfolgen, setzten die Forscher bildgebende Verfahren ein (Hirn-Scan). Gleichzeitig massen sie Körperreaktionen wie Herzschlag, Atmung und Hautwiderstand, um zu erkennen, wie stark die vorgespielte Musik die Studienteilnehmer ergriff.

Die Lieblingsmusik macht richtig happy

Das Resultat: Um Glücksgefühle zu erzeugen, spielt es keine Rolle, ob man lüpfige Ländler, herzergreifende Schlager, hämmernden Hip-Hop, sphärische Meditationsklänge, fetzigen Jazz oder klassische Klavierkonzerte hört. Wichtig ist, dass die gehörten Klänge emotional berühren. Denn je stärker die Musik mitreisst, desto mehr wohltuendes Dopamin wird im Belohnungszentrum des Gehirns – dem sogenannten mesolimbischen System – ausgeschüttet. Oder anders gesagt: Lustgefühle entstehen dann, wenn man die persönlichen Lieblingsstücke hört. Musikklänge, die einen kalt lassen, erzeugen keinen Glücksrausch.

Singen macht friedlicher

Wer lieber selber Melodien erzeugt, statt passiv Musik zu hören, kann sein Belohnungszentrum ebenfalls anregen: Beim Singen wird das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet. Es entspannt und stärkt die Fähigkeit, anderen Menschen zu vertrauen und bindende Beziehungen einzugehen.
Beim regelmässigen Singen im Kirchenchor oder Trällern unter der Dusche sinkt zudem der Testosteron- und Kortisol-Gehalt im Körper. Die Folge: Man reagiert weniger aggressiv und ist weniger stressanfällig. Singen macht nicht nur friedlicher, sondern stärkt auch die Abwehrkräfte des Körpers. Nach einer einstündigen Probe fanden Frankfurter Wissenschaftler im Speichel von Chorsängern deutlich mehr Immunglobulin A als vor der Gesangsstunde. Deutlich gestiegen war auch die Stimmung.

Musik wirkt bereits bei Ungeborenen

Ungeborene können ab dem vierten Schwangerschaftsmonat Geräusche wahrnehmen – wie den Herzschlag, das Gurgeln der inneren Organe oder die Stimme der Mutter. Wissenschaftlich erwiesen ist, dass sie auch auf Musik reagieren können. Passt ihnen die Musik nicht oder ist sie zu laut, bekunden sie ihren Stress meist durch heftiges Strampeln.
Musikklänge können während der Schwangerschaft gezielt eingesetzt werden, um die Entspannung zu fördern. Besonders erholsam ist Musik, die genau im Rhythmus von 60 Schlägen pro Minute aufgenommen wurde. Denn tiefe Entspannung tritt dann ein, wenn der Puls eine längere Weile auf rund 60 Schläge pro Minute sinkt. Experimente mit Neugeborenen in einer Pariser Klinik haben gezeigt: Spielt man Babies Musikstücke vor, die sie bereits im Mutterleib gehört haben, nuckeln sie ganz entspannt an ihren Nuggis.
Im Handel gibt es heutzutage zahlreiche CD’s mit Musik für Schwangere und Kleinkinder. Mehrfach preisgekrönt sind die „Lovely Baby“-CD’s des holländischen Komponisten Raimond Lap, der mit seinen einfachen Melodien und Spezialeffekten auch das Gehirn der Kleinsten anregen will. Ursprünglich kreierte er die Babymusik für seine eigenen vier Kinder. Gemäss seinen Aussagen waren alle seine Sprösslinge später sehr gut in der Schule und besonders kreativ.
Weitere Infos und Hörproben: www.lovelybaby.de

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy