Sauber, aber mit Mass

Reinigung und Desinfektion helfen, übertragbare Infektionskrankheiten zu verhindern. Wie viel Hygiene braucht der Mensch aber wirklich? Kann zu viel auch schaden?

Im Zeitalter von Schweinegrippe, Noroviren und Salmonellenvergiftungen sind Putzmittel, die Bakterien und Mikroben abtöten, besonders beliebt. Und an jeder Ecke werden kleine Fläschchen mit Hand-Desinfektionsgel angeboten. Braucht es das wirklich, um sich vor gefährlichen Keimen zu schützen? Die Antwort lautet: ja und nein!

„Tatort“ Küche

In jedem Haushalt tummeln sich Keime, die sich besonders bei hohen, sommerlichen Temperaturen verbreiten. Sie befinden sich allerdings nicht immer da, wo man sie vermutet. Gemäss dem „Hygiene Coucil“ – einer Organisation, der weltweit führende Hygiene-Experten angehören – lauern Keime vor allem in der Küche: Im Spülbecken befinden sich 100‘000 Mal mehr Bazillen als im Badezimmer oder auf der Toilette! Und 52 % der Wasserhähne, die das „Hygiene Council“ untersucht hat, waren mit gesundheitsschädlichen Bakterien infiziert. Auch der Wasserhahn im Bad beherbergt normalerweise mehr Keime als der WC-Sitz! Als besonders verunreinigt gilt zudem der WC-Spülknopf. Nicht ohne ist auch die TV-Fernbedienung: Gemäss einer Untersuchung der US-Universität Virginia werden Infektionen in den eigenen vier Wänden oft auch über die Fernsehknöpfe übertragen.

Zu Hause nicht nötig

So „unappetitlich“ dies alles klingen mag: Es gibt keinen Grund zur Bange. Und es braucht auch keine „Superreiniger“. Denn mit den Bazillen, die normalerweise in Küche, Bad und Stube lauern, werden unsere Abwehrkräfte selber fertig.
Wer im privaten Haushalt Putzmittel mit bakterizider, antibakterieller und antimikrobieller Wirkung benützt, schadet sich und vor allem seinen Kindern vermutlich mehr als ihm bewusst ist. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen übertriebener Hygiene und Allergien, die immer mehr um sich greifen. Tatsache ist: Unser Immunsystem muss lernen, sich gegen verschiedenste Angreifer zu wehren. Tötet man alle Bakterien und Keime ab, kann das Abwehrsystem nicht mehr „trainieren“ und reagiert immer empfindlicher auf eigentlich harmlose Stoffe wie Pollen und Hausstaub. Eine Studie des bayrischen Umweltministeriums zeigt: Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, leider 15 Mal seltener an Heuschnupfen und Asthma als Kinder, die ohne Stalldreck grosswerden. Schmutz hat also auch gute Seiten und schützt vor Allergie.

Andere Länder, andere Bakterien

Vorsicht geboten ist hingegen, wenn man in südliche und tropische Länder verreist. Hier blühen nicht nur wunderschöne Orchideen, sondern auch gefährliche Krankheitserreger. Ausserdem entsprechen die Hygieneverhältnisse nicht immer dem, was wir gewohnt sind.
Gross angelegte Studien haben gezeigt, dass Durchfall-Erreger nicht nur beim Händeschütteln übertragen werden, sondern auch wenn man unsaubere Türklinken in Hotels jeder Kategorie berührt. Infektionsgefahr droht zum Beispiel auch auf öffentlichen Wickeltischen (z.B. in Raststätten), wo sich krankmachende Keime tummeln können.
Die mit Abstand grösste Gefahr lauert im Wasser: einerseits durch unreines Trinkwasser, andererseits durch Baden in unischeren Gewässern. Rund die Hälfte der Infektionen passieren mit Wasser! In einigen Ländern fliessen Abwässer ins nächstliegende Gewässer, da es keine Kanalisation gibt. Und in tropischen Regionen Afrikas, Asiens und Südamerikas kann man sich im Süsswasser Bilharziose einholen. Der Erreger dringt durch die Haut ein und kann unbehandelt zu schweren Leberschäden führen.

So schützen Sie sich:

Waschen Sie sich häufig die Hände!

Mindestens immer vor dem Essen, nach dem Toilettenbesuch und bevor Sie ihren Nachwuchs wickeln. Wirksames Händewaschen dauert so lang, wie zwei Mal das Lied „Happy birthday“ zu singen. Ist kein fliessendes Wasser vorhanden, hilft ein Hände-Desinfektionsgel. Um Oberflächen zu entkeimen (wie WC-Brille, Wickelmatte usw.) gibt es in der Apotheke spezielle Desinfektionssprays.

Kein Leitungswasser trinken

So erfrischend Wasser kühlen mag: Im Ausland ist die Wasserqualität selten so hoch wie hierzulande. Zum Duschen reicht das Leitungswasser, meist aber nicht zum Trinken. Löschen Sie Ihren Durst nur mit Wasser und Limonaden aus industriell versiegelten Flaschen. Eiswürfel sind tabu. Beim Essen gilt die altbewährte Globetrotter-Regel: “Schäl es, koch es, grill es oder vergiss es!“

Nicht in jeden Tümpel springen

Selbst bei grösster Hitze ist Vorsicht geboten, in den nächsten See oder Fluss zu springen, um sich abzukühlen. Wer nicht sicher ist, ob das Gewässer sauber ist, hält sich lieber zurück.

Duschen Sie öfters

In feuchtheissen Ländern übertragen Stechmücken nicht nur Malaria, sondern auch Dengue- und Gelbfieber. Bei grosser Hitze lohnt es sich, häufiger du duschen, da Schweiss Insekten anzieht.

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.