Gestörter Farbensinn

Nicht jeder Mensch nimmt Farben gleich wahr: Vor allem Männer haben Mühe, Rot und Grün zu unterscheiden. Komplette Farbenblindheit ist zwar extrem selten, Rot-Grün-Sehschwäche dagegen nicht.

Oranger Kürbis, gelb-rotes Herbstlaub, moorgrüner See, dunkelblaue Trauben oder purpurner Rotkohl – die herbstliche Natur beschenkt uns derzeit mit satten Farben. So anregend, beruhigend oder erheiternd diese Farben auf uns wirken mögen – nicht jeder Mensch nimmt die aktuelle Farbenpracht auf gleiche Art wahr.

Grund dafür sind unsere Augen, besser gesagt die rund sieben Millionen Sinneszellen im Zentrum unserer Netzhaut. Ähnlich wie das Objektiv einer Fotokamera nehmen sie die Farbwellen in unserer Umwelt auf und leiten sie an unser Gehirn weiter, wo dann ein Bild entsteht.

Stäbchen und Zäpfchen

Von diesen Sinneszellen existieren zwei verschiedene Sorten: Die sogenannten Stäbchen sind für das Hell-Dunkel-Sehen zuständig, die sogenannten Zapfen für das Farben-Sehen. Die Zapfen wiederum lassen sich in drei Typen einteilen, je nachdem, was für Lichtwellen (Farben) sie verarbeiten können:

Kurzwellige Lichtstrahlen erscheinen in unserem Gehirn blau, mittelwellige grün und langwellige sehen wir als Rot. Farben wie gelb, orange, lila, braun oder hellblau entstehen durch einen Mix verschieden langer Lichtwellen. Ein Mensch, dessen Zapfen vollständig funktionieren, kann mindestens 5000 verschiedene Farbtöne unterscheiden.

Mühe mit Rot und Grün

Durch einen meist angeborenen Gen-Defekt kommt es vor, dass ein, zwei oder alle drei Zapfentypen in der Netzhaut in ihrer Wahrnehmung gestört sind. Diese Menschen gelten als „farbenblind“, obwohl sind in den seltensten Fällen tatsächlich farbenblind sind.

In etwa 99 Prozent der Fälle handelt es sich um eine Rot-Grün-Sehschwäche: Die Zapfen für Grün oder Rot funktionieren nicht vollumfänglich und die Betroffenen können diese beiden Farben nur schwer oder gar nicht unterscheiden. Sie sind aber durchaus in der Lage, Farben wahrzunehmen. Von der rot-grünen Farbfehlsichtigkeit sind Männer 16 Mal häufiger betroffen als Frauen: Rund 8 Prozent der Männer und 0,5 Prozent der Frauen sind rot-grün-farbenblind. Dies liegt daran, dass diese Fehlsichtigkeit durch ein X-Chromosom vererbt wird.

Weit seltener ist die Blau-Gelb-Sehschwäche: Bei diesen Menschen sind die Zapfen für kurzwellige Strahlen geschwächt, womit sie Mühe haben, einige Blau- und Gelbtöne zu unterscheiden. Haben sie überhaupt keine Blauzapfen in der Netzhaut, sind sie blaublind. Dies beeinträchtigt ihr Farbsehen aber wenig, da die menschliche Netzhaut zu je rund 46 Prozent aus roten und grünen Zapfen besteht und nur ca. 8 Prozent Blau-Zapfen enthält.

Von den Betroffenen wird die angeborene Einschränkung des Farbensinns in der Regel nicht als besonders nachteilig erlebt – ausser zum Teil in der Kindheit, wenn Farben beim Lernen und Zeichnen eine wichtige Rolle spielen.

Leben in Schwarz-Weiss

Anders sieht es bei Menschen aus, die komplett farbenblind sind. Bei der Achromatopsie handelt es sich um eine extrem seltene, schwere Augenkrankheit, die einen von ca. 40‘000 Menschen trifft. In der Schweiz leiden also rund 190 Menschen daran, dass sie überhaupt keine Farben erkennen können, weil die Zapfen in ihrer Netzhaut nicht funktionieren. Was ein total Farbenblinder sieht, lässt sich am besten mit dem Dämmerungs- und Dunkelsehen vergleichen – alles grau in grau. Achromaten – so der Fachbegriff für total Farbenblinde – können nur Kontraste (hell – dunkel) wahrnehmen. Zusätzlich leiden sie unter mangelnder Sehschärfe (nur etwa 10 bis 15 % der normalen Sehschärfe): Was ein Normalsichtiger aus etwa zehn Meter Entfernung scharf sieht, sieht ein Achromat erst scharf, wenn er einen Meter davor steht. Aus diesem Grund dürfen Farbenblinde nicht selber Auto fahren.

Ein weiteres Hindernis ist die Überempfindlichkeit gegen helles Licht. Die starke Blendempfindlichkeit führt dazu, dass ein Farbenblinder im Hellen fast nichts sieht.

Bisher gibt es noch keine Therapie, um Achromatopsie zu heilen. Am hilfreichsten sind Sonnenbrillen und getönte Linsen mit sogenannten Kantenfiltern. Diese filtern UV-Licht und Blaulicht heraus, was die Kontrastwahrnehmung erhöht und das Blenden reduziert.

Weitere Infos

Farbsehtest auf Internet: Möchten Sie wissen, wie es um Ihr Farbsehen steht? Ein einfacher Online-Test gibt Auskunft >>

Insel für Farbenblinde: Website einer Schweizerin, die an Achromatopsie leidet: www.farbenblinde.ch

Vorsicht im Strassenverkehr

Menschen, die an einer Rot-Grün-Sehschwäche leiden, können im Strassenverkehr eine Gefahr sein, weil sie Bremslichter und Ampeln zu spät oder gar nicht sehen. Vor allem nachts kann das Autofahren zum Problem werden: Personen mit einer starken Rotschwäche können nur auf kurze Distanz sicher erkennen, ob eine Ampel rot oder grün anzeigt. Und Personen mit Grünschwäche können weiter weg liegende Ampeln nur schlecht von Strassenlampen und Leuchtreklamen unterscheiden.

PDF des Artikels: Gestörter Farbensinn

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.