Räume helfen heilen

Die Harvard-Professorin Esther M. Steinberg hat es wissenschaftlich erforscht: Es gibt Räume, in denen wir schneller gesund werden, andere Umgebungen schaden eher. Woran liegt das genau?

Jede und jeder kennt es aus eigenem Erleben: Man betritt eine Wohnung, einen Büroraum, ein Hotelzimmer oder einen Spitaltrakt und fühlt sich augenblicklich wohl. Oder das Gegenteil tritt ein: Man fühlt sich derart unbehaglich, dass man auf der Stelle umkehren möchte.

Tatsache ist: Die Räume, in denen wir uns täglich aufhalten oder aufhalten müssen, können einen heilsamen oder einen unheilsamen Einfluss auf den Menschen ausüben. Wer seine privaten Räume harmonisieren will, kann beispielsweise auf die uralten Lehren von Feng Shui oder Vasati (indische Wissenschaft des gesunden Wohnens) zurückgreifen und mit Entrümpeln, Möbelrücken, ausgewählten Möbelformen und -materialien, frischen Wandfarben oder Symbolgegenständen das Wohlfühl-Klima erhöhen. Von der fernöstlichen Lehre der Raumgestaltung lassen sich heutzutage auch immer mehr Apotheken, Arztpraxen, Boutiquen, Unternehmen und Wellness-Hotels inspirieren, um ihren Kunden ein ansprechendes Ambiente anzubieten.

Spitalstress verlangsamt die Heilung

In Spitälern hingegen wird noch viel zu wenig Wert auf Wohlgefühl gelegt, obwohl es gerade hier wichtig wäre, eine Umgebung zu schaffen, die den Heilungsprozess optimiert.

Während Tagen oder gar Wochen lebt man in einer Umgebung, die man nicht selber auswählen kann, und hofft auf rasche Genesung. Doch zahlreiche Krankenhäuser sind nach wie vor nach den Prinzipien des 19. Jahrhunderts gestaltet. Damals ging es in erster Linie darum, Infektionskrankheiten zu dämmen. Beim Bau standen deshalb Materialien wie Metall, Stein und Kacheln im Vordergrund, da sie leicht zu desinfizieren sind. Ergänzt wurden diese „kalten“ Materialien in den vergangenen Jahrzehnten durch immer mehr aufwendige Apparaturen zur Diagnose. Kurzum: Spitäler sind so eingerichtet, dass sie bei Patienten eher Furcht und Stress als Wohlbefinden auslösen.

„Eine Krankenhausumgebung, die das Ziel verfolgt, zur Genesung zu verhelfen, sollte tun, was möglich ist, um Stress auszuschalten“, so die Ärztin Dr. Esther M. Sternberg (Bild). Denn: „Stress beeinträchtigt deutlich die Fähigkeit der Immunzellen, Infektionen zu bekämpfen und Heilung zu fördern“.

Ein nicht zu unterschätzender Stressfaktor in Spitälern ist beispielsweise Lärm. „Blanke, leicht zu reinigende Oberflächen reflektieren und verstärken Geräusche“, so Sternberg. „Viele Studien haben gezeigt, dass solcher Lärm die Herzfrequenz beschleunigt, den Blutdruck steigert und auch andere Stress-Messwerte erhöht. Mit Gewissheit stört er auch den Schlaf.“

Seelenwohl fördert die Genesung

Die Harvard-Professorin Esther Sternberg hat nun die erste wissenschaftliche Studie über den gesundheitlichen Einfluss von Räumen verfasst. Es ging darum klar zu stellen: Welche Faktoren sind es genau, die den Heilprozess verlangsamen bzw. beschleunigen? Ist es der Ausblick aus dem Fenster? Das Hören von Vogelgezwitscher? Mehr frische Luft? Die Farben der Natur?

Mit den Resultaten ihrer Untersuchung sollen auch Entscheidungsträger und Krankenhaus-Architekten überzeugt werden, dass sich „heilende Räume“ lohnen. Weil sie nicht nur das emotionale Wohlbefinden des Patienten steigern, sondern zusätzlich die Gesundheitskosten senken, weil ein Patient schneller gesund wird und weniger lang im Spital bleiben muss.

Stressfördernde Faktoren sind laut Prof. Sternberg:

  • Lärm
  • enge Korridore
  • Krankenzimmern neben lauten Stationszimmern
  • Zimmer mit deprimierender Aussicht

Folgende Faktoren entspannen den Patienten und können die Genesung beschleunigen:

  • Gartenanlagen und Balkone
  • Aussicht in die Natur
  • Naturpfade
  • Kunst
  • beruhigende Musik
  • Naturgeräusche und –klänge
  • beruhigende Farben
  • gemütliche Räume, in denen sich Familienangehörige treffen und gegenseitig unterstützen können
  • umweltfreundliche Baumaterialien.

Dass solche Massnahmen einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden haben, ist erwiesen. Um ein Beispiel zu nennen: Patienten mit Aussicht ins Grüne benötigen weniger mittelstarke und starke Schmerzmittel und können das Krankenhaus schneller wieder verlassen als Patienten, die von ihrem Bett aus auf eine Backsteinmauer blicken müssen.

Das Buch zum Thema

„Heilende Räume – Die Wirkung äusserer Einflüsse auf das innere Wohlbefinden“ von Esther M. Sternberg (Crotona-Verlag, CHF 33.90)

PDF des Artikels: Räume helfen heilen

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.