Operation gegen die Kilos

Er liegt im Trend und gilt mittlerweile als Routineeingriff. Dennoch ist ein Magenbypass kein «Wundermittel» zum Abnehmen und schlank bleiben.

In Schweizer Spitälern und Privatkliniken haben Magenbypass-Operationen sprunghaft zugenommen. Dies liegt auch daran, dass die Krankenkassen seit Januar 2011 die Operationskosten von rund CHF 30‘000.- (inkl. Vor- und Nachbetreuung) bereits ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 35 übernehmen. Davor konnten sich nur Schwergewichtige mit einem BMI über 40 auf Krankenkassen-Kosten unters Messer legen und sich ein Magenband oder einen Magenbypass einsetzen lassen.

Übergewicht ist gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO eine der grössten gesundheitlichen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. In der Schweiz sind gut ein Drittel der Erwachsenen, also rund 2 Millionen Menschen, zu schwer, da ihr BMI über 25 liegt (siehe Box). Dazu kommen immer mehr Kinder und Jugendliche, die zu viele Kilos auf die Waage bringen.

Auch wenn Übergewichtigen gerne nachgesagt wird, sie seien willensschwach – Fettleibigkeit ist nicht nur die Folge von zu viel Fastfood und Süssgetränken, sondern häufig das Resultat eines gestörten Hormonhaushaltes, der das natürliche Sättigungsgefühl und weitere Körperfunktionen beeinträchtigt. Übergewichtige Menschen haben nicht selten eine lange Diät-Karriere hinter sich. Dennoch schaffen sie es nicht, ihr Gewicht langfristig im gesund-schlanken Bereich zu halten.

Magenband oder Magenbypass?

Für diese Menschen sind magenchirurgische Eingriffe eine effiziente Methode, um das Gewicht stark zu reduzieren. Innerhalb von wenigen Monaten bis zwei Jahren können sie in der Regel 80 Prozent ihres Übergewichts abspecken.

Beim Magenbypass, dem inzwischen häufigsten operativen Eingriff zur Gewichtsabnahme, trennt der Chirurg einen Grossteil des Magens mit einer Heftnaht (Pouch) ab. Die übriggebliebene kleine Magentasche wird direkt mit dem Dünndarm verbunden. Mit der Umleitung gewisser Magensäfte wird zudem die Fettverdauung auf rund 60 Prozent reduziert: Das restliche mit der Nahrung aufgenommene Fett wird unverdaut ausgeschieden. Die Operation kann nicht rückgängig gemacht werden.

Beim Magenband wird der obere Teil des Magens mit einem weichen Kunststoffband abgeschnürt und somit verkleinert. Dadurch kann man weniger essen und ist schneller satt. Zudem kann der Arzt den sogenannten „Port“ mehr oder weniger Salzlösung ins Magenband pumpen, um es enger zu schnallen oder zu lockern. Später, nach erfolgreicher Abnahme, lässt sich der Fremdkörper auf Wunsch wieder entfernen.

Ob mit oder ohne Magenband: Wer seinen Lebensstil nicht ändert – sprich bewusster isst und sich mehr bewegt – nimmt früher oder später wieder zu. Dies hat auch Rita Hirt (49) erlebt. Vor acht Jahren liess sie die dreifache Mutter am Zürcher Universitätsspital ein Magenband einsetzen – trotz grosser Bedenken, da ihre Schwester wenige Jahre zuvor nach einer solchen Operation gestorben war.

Bei einem Gewicht von 118 kg litt Hirt unter schweren Arthrose-Problemen am Rücken und an den Gelenken. Ihr Arzt meinte, sie würde im Rollstuhl landen, wenn sie nicht in kurzer Zeit abnähme. „Die Operation verlief gut, ich nahm innerhalb von vier bis fünf Monaten 30 kg ab“, erinnert sich Rita Hirt. „Ass ich zu viel, musste ich erbrechen, da mein Magen nur noch eine halbe Tasse gross war. Auch vertrug ich nicht mehr alles wie etwa Poulet oder grobfaseriges Fleisch“. Da der Port zweimal kaputt ging, musste er jeweils unter Vollnarkose ersetzt werden. Trotz Magenband nahm die Zürcherin irgendwann wieder zu. „Vermutlich, weil ich mich falsch ernährt und zu wenig bewegt habe“, meint sie.

Nur noch flüssige Ernährung

Vor vier Jahren erhält sie deshalb einen Magenbypass. „Der Vorteil ist, dass man mit dem Bypass nicht wieder zunimmt, ausser man ernährt sich nur noch von Fett und Zucker“, so Hirt. Die Operation verläuft sehr gut. Doch kaum zu Hause, platzt die Bauchwunde wegen einer Infektion. Rita kehrt als Notfall mit dem Krankenwagen ins Uni-Spital zurück und wird erneut operiert. Noch im Krankenhaus muss sie nach jeder Mini-Mahlzeit erbrechen. „Mein Magen schloss sich immer wieder so stark, dass ich nicht mal mehr trinken, geschweige denn essen konnte“. Nach der Operation muss ihr Magen insgesamt achtmal pouchiert (geweitet) werden. Festes Essen ist seither tabu für sie. Sie ernährt sich ausschliesslich flüssig – von Baby-Breis (bis 4 Monate), Vitaminpräparaten, Jemalt mit Milch sowie ab und zu schwachem Kaffee oder einem Gläschen Rotwein. Alles andere muss sie umgehend erbrechen.

Mittlerweile hat Rita Hirt zwar 60 kg abgenommen. Den „Preis“, den sie dafür zahlt, ist aber hoch: Da sie nicht mehr essen kann, erleidet sie immer wieder überfallsartige, gefährliche Unterzuckerung, obwohl sie nicht an Diabetes erkrankt ist. „Was mich rettet, ist ein Gläschen milden Orangensaft ohne Stückli“.

Ausserdem kann sie keine Medikamente mehr schlucken, auch nicht wenn sie gemörsert sind. In Frage kommen deshalb nur Tropfen oder allenfalls Zäpfli, die aber Darmblutungen auslösen. Ein weiteres Handicap ist die Tatsache, dass sie nur noch auf eigenes Risiko verreisen darf. „Es gibt keine einzige Reiseversicherung, die für die Kosten aufkommen würde, falls mir etwas passiert“.

Obwohl der Magenbypass ihre Lebensqualität stark gemindert hat, wirkt Rita Hirt alles andere als verbittert. Im Gegenteil, sie lacht viel und betreibt in ihrer Freizeit einen Gemüse- und Kleintiergarten. „Was mich auf dem Damm hält ist mein starker Glaube an Gott. Psychisch wäre ich sonst schon lange am Ende“, erklärt sie. Oft wird sie gefragt, ob sie die Operation wieder machen würde. „Ich weiss es nicht. Eher ja. Denn seit ich abgenommen habe, werde ich weniger ausgelacht und diskriminiert. Dadurch bin ich zufriedener, ausgeglichener wie auch viel aktiver und bewegungsfreudiger. Genial ist auch, dass ich meine Kleider nicht mehr in Spezialgeschäften kaufen muss, sondern ab Stange auswählen kann. Ich habe von Kleidergrösse 58 auf 38 abgenommen“.

Auch wenn der Grossteil der Magenbypass-Operationen problemlos verläuft und die Geschichte von Rita Hirt ein Extremfall ist, zeigt sie doch auf, dass es sich um einen massiven operativen Eingriff handelt, der mit Risiken behaftet ist und wohl überlegt sein muss. Personen, die sich einer solchen Operation unterziehen möchten, rät Hirt: „Man muss sich bewusst sein, dass man die eingenommenen Kalorien an den wirklichen Bedarf des Körpers anpassen muss – dies gilt insbesondere auch für Süssgetränke, Wein oder Bier – und ein Zuviel auch mit Bewegung kompensieren kann. Ich bin erschrocken, wie wenig Kalorien ich eigentlich zu mir nehmen darf, um nicht wieder zuzunehmen“.

Weitere Infos

Die Schweizerische Adipositas-Stiftung bietet auf ihrer Internetseite (www.saps.ch) die informative Broschüre „Magen-Operation gegen Adipositas: Chancen und Risiken – eine Übersicht“ zum kostenlosen Runterladen an.

Wann zahlt die Krankenkasse?

Damit die Kosten von der Grundversicherung übernommen werden, müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

  • BMI über 35
  • Vorangehende, zweijährige, erfolglose Therapie mit Ernährung, Bewegung und Medikamenten
  • Operation in einem Zentrum, das vom Bundesamt für Gesundheit anerkannt ist.
PDF des Artikels: Magenbypass

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy