In Schweiss gebadet

Manchen Menschen läuft der Schweiss in Bächen hinunter – ohne erkennbare Ursache. Ihnen bietet die Medizin verschiedene Methoden an, um krankhaftes Schwitzen, die sogenanannte Hyperhidrose, zu drosseln.

Anton W. (48) ist Geschäftsleiter einer Kommunikationsagentur, die namhafte Unternehmen berät. Er ist fitter, gepflegter Gentleman mit Manieren – stets piekfein angezogen mit hochwertigen, akkurat gebügelten Hemden, passender Fliege und polierten, handgenähten Schuhen. Manchmal aber, wenn Anton an seinem Schreibtisch sitzt und an einem neuen Projekt tüftelt, passiert es: Er lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück, hebt die Arme an und schränkt seine Hände hinter dem Hinterkopf zusammen – um besser überlegen zu können. Und dann, oh Schreck, werden tellergrosse Schweissflecken unter seinen Achseln sichtbar, die überhaupt nicht zu seinem eleganten Auftritt passen.

Anton W. ist einer von rund 200‘000 Menschen hierzulande, die an sogenannter Hyperhidrose leiden, wie krankhaftes Schwitzen medizinisch genannt wird. Betroffene schwitzen nicht nur bei hitzigen Sommertemperaturen oder bei körperlicher Anstrengung – sie triefen auch beim Faulenzen auf dem Sofa oder im klimatisieren Büro – wie Anton.

Dass ihr Schweiss zeitweise in Strömen fliesst, liegt an ihren überaktiven Schweissdrüsen. Messungen haben ergeben, dass sie bis zu 100 Mal mehr Schweiss produzieren als andere Menschen – insbesondere in den Achselhöhlen, an den Händen und Füssen wie auch auf der Stirn. Ob patschnasse Hände, müffelnde Füsse oder hässliche Schweissränder auf den Kleidern: Hyperhidrose kann psychisch enorm belasten, insbesondere auch im Berufsleben.

Ursache unbekannt

Für übermässiges Schwitzen lässt sich häufig keine organische Ursache finden. Möglicherweise liegt es in den Genen, da Hyperhidrose in gewissen Familien gehäuft vorkommt. Heftige Schweissattacken ohne klare Ursache treten meist lokal begrenzt an Handflächen, Fusssohlen sowie in den Achselhöhlen und im Stirnbereich auf. Als auslösende Faktoren gelten Stress, Angst und Nervosität.

Rinnt der Schweiss am ganzen Körper zu intensiv, kann sich dahinter eine Krankheit oder Störung verbergen, die medizinisch abgeklärt werden sollte. Dazu zählen etwa Schilddrüsenüberfunktion, Bluthochdruck, Übergewicht, Hormonbehandlungen, Wechseljahre, emotionaler Stress, Angst- und Panikstörungen, Krebserkrankungen oder gewisse Medikamente.

Medizinische Schwitzbehandlungen

Steckt hinter übermässigem Schwitzen keine andere Erkrankung, stehen verschiedene ärztliche Therapien zur Wahl, um die Symptome der Hyperhidrose zu verringern und den Schweiss „trockenzulegen“, zumindest für eine gewisse Zeit. Vollständige Heilung ist bisher nicht möglich.

Die moderne Medizin bietet derzeit folgende Methoden zur Schweissreduktion an:

Spezialdeo: Bei leichter Hyperhidrose und täglicher Anwendung haben sich Deodorants mit einer hohen Konzentration an Aluminiumsalzen bewährt, die die Schweissporen verschliessen. Bei Menschen mit sensibler Haut können sie Juckreiz und Hautirritationen auslösen.

Spritzen mit Botulinum Toxin A: Im Trend zur Unterdrückung extremer Schweissproduktion liegt derzeit Botox, insbesondere im Achselbereich. Das Nervengift, das in der Schönheitschirurgie gerne gegen Gesichtsfalten gespritzt wird, bremst auch die Nervensignale, die zur Schweissproduktion anregen. Der Wirkstoff, der mit feinen Nadeln lokal injiziert wird, versetzt die Schweissdrüsen während rund 4 bis 9 Monaten in einen Dämmerschlaf. Danach muss die Behandlung wiederholt werden.

Wasserbäder mit Gleichstrom (Iontophorese): Bei übermässig schwitzenden Händen und Füssen wird 20 bis 30 Minuten in Leitungswasser gebadet, durch das ungefährlicher Strom fliesst, der die Schweissdrüsen verschliesst. Bei gewissen Patienten wirkt diese Methode sehr gut, bei anderen weniger. Das Bad muss alle paar Tage wiederholt werden.

Absaugen der Schweissdrüsen: Wer extrem schwitzt, kann seine Schweissdrüsen (in den Achseln) auch operativ entfernen bzw. absaugen lassen. Dabei werden rund 80 bis 95 Prozent der Schweissdrüsen mit 2 mm dünnen Mini-Kanülen entfernt. Es kann allerdings passieren, dass Schwitzdrüsen nachwachsen oder sich das übermässige Schwitzen auf einen anderen Körperteil verlagert, etwa im unteren Rücken oder an den Oberschenkeln, was allerdings als weniger belastend erlebt wird.

Das hilft gegen das Schwitzen
  • Meiden Sie schweisstreibende Nahrungs- und Genussmittel wie Salz, scharfe Gewürze, rotes Fleisch, heisse Suppen, Alkohol, Kaffee, Zigaretten.
  • Salbei (als Tee oder in Tropfenform) hilft, den Schweiss in Schach zu halten.
  • Tragen Sie locker-luftige Kleidung aus Baumwolle oder Seide, meiden Sie synthetische Fasern. Von „inoka“ gibt es speziell gefertigte T-Shirts und Polo-Shirts: Sie vermindern Schweissflecken, wirken kühlend und neutralisieren Körpergeruch (ab CHF 49.- über http://www.schweissperlen.ch).
  • Bevorzugen Sie Schuhe aus atmungsaktiven Materialien.
  • Besser sind lauwarme Duschen als heisse Vollbäder.
  • Stress heizt ein: Entspannungsübungen (z.B. Autogenes Training oder Tai-Chi) helfen „abzukühlen“.
Sprechstunden für Hyperhidrose

Wer unter seinen Schweissattacken leidet, kann sich von Spezialisten beraten lassen: Hyperhidrose-Sprechstunden gibt es beispielsweise am UniversitätsSpital Zürich, im Inselspital Bern, am Universitätsspital Basel sowie in zahlreichen Dermatologie-Praxen.

PDF des Artikels: In Schweiss gebadet

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy