Höhenkrankheit: Hoch hinaus zu den Gipfeln

Im Sommer lockt die Bergwelt zu Touren und Gletscher-Trekkings. Doch nicht jeder verträgt problemlos grosse Höhen! Besonders wenn man mehrere Tage weit oben bleibt, kann dies der Gesundheit zu schaffen machen.

Die Schweiz ist reich an imposanten Berggipfeln, die hoch in den Himmel ragen – bis zu 4‘600 Meter über Meer. Im Sommer lockt unser Alpenraum mit tiefblauen Bergseen, frischer Luft, gewaltigen Granithängen, unendlicher Weitsicht und spektakulären Sonnenuntergängen. Eine Bergtour zum „Vrenelis Gärtli“ im Glarnerland, ein Trekking über den Grossen Aletschgletscher, dem längsten Eisstrom der Alpen, oder eine anspruchsvolle Alpintour – das sind eindrückliche Erlebnisse. Oft gehört dazu auch das Übernachten in einer hoch gelegenen Hütte. Zum Beispiel in der neuen Monte Rosa-Hütte auf 2‘883 Meter über Meer.

Für die Seele sind ausgedehnte Bergtouren Balsam. Für den Körper können sie aber zur unerwarteten Herausforderung werden.

Schon ab 2500 Meter

Dass nicht jedermann Höhen wie im Himalaja-Gebiet oder am Kilimandscharo verträgt, ist uns bewusst. Viele Berggänger wissen aber nicht, dass bereits hierzulande Formen von Höhenkrankheit möglich sind. Mit zunehmender Höhe wird die Luft stets dünner, da die Sauerstoffkonzentration abnimmt. Auf 5‘000 Meter beispielsweise enthält die Luft nur noch halb so viel Sauerstoff wie auf Meereshöhe.

Typische Anzeichen einer beginnenden Höhenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Abgeschlagenheit, Schlafstörungen oder Schwindel. Möglich sind auch Schwellungen an Händen, Füssen und Augenlidern. Experten schätzen, dass der „Höhenkoller“ 20 bis 40 Prozent der Bergtouristen befällt, auch wenn er nicht als solcher erkannt wird. Allfällige Beschwerden werden stattdessen der Erschöpfung, der starken Sonneneinstrahlung oder einer möglichen Wetterfühligkeit zugeschrieben. Tatsache ist: Gelangt man innerhalb weniger Stunden vom Tiefland auf über 2500 m, hat der Körper kaum Zeit, sich auf die dünnere Luft einzustellen. Für einen gesunden Organismus ist der kurzfristige Sauerstoffmangel in der Regel leicht auszugleichen. Dennoch leidet jeder dritte Tieflandbewohner, der mit der Bahn aufs Jungfraujoch (3454 m) hinauffährt, nach vier Stunden an Symptomen der Höhenkrankheit. Fährt man gleichentags wieder runter, besteht keine gesundheitliche Gefahr.

Richtig anpassen oder sofort absteigen

Vorsicht geboten ist hingegen bei mehrtägigen Bergtouren. Der Körper braucht seine Zeit, um sich an die niedrige Sauerstoffkonzentration zu akklimatisieren. Damit genügend Sauerstoff ins Blut gelangt, ergreift er Massnahmen: Der Atem geht schneller, das Herz arbeitet auf Hochtouren und die roten Blutkörperchen, die den Sauerstoff transportieren, vermehren sich. Bei ungenügender Anpassung droht eine akute Höhenkrankheit, die lebensgefährlich werden kann, wenn Wasser in die Lungenbläschen (Höhenlungenödem) oder gar ins Gehirn (Höhlenhirnödem) gedrückt wird, weil die Zellwände wegen des Sauerstoffmangels undicht werden. Typische Symptome sind dann Kurzatmigkeit (auch in der Ruhe), Engegefühl in der Brust, (Blut-)Husten sowie Bewusstseinsverlust.

Bemerkt man auf der Bergtour akute Symptome der Höhenkrankheit, gilt: Auf keinen Fall weiterwandern oder klettern, sondern sofort auf eine geringere Höhe absteigen! Bei leichten Beschwerden können einige 100 Höhenmeter mit einer anschliessenden Ruhephase genügen. In schweren Fällen, sollten es mindestens 500 bis 1000 Höhenmeter sein. Zusätzlich kann dem Patient über eine Nasensonde bzw. Atemmaske Sauerstoff abgegeben werden. Oder es wird mit einer sogenannten hyperbaren Kammer Überdruck erzeugt, der einem Abstieg um etwa 2‘000 Meter entspricht.

Höhenkrankheit vorbeugen
  • Das A und O ist ein langsamer Aufstieg mit Pausen. Der Körper braucht mehrere Tage, um sich zu akklimatisieren. Wer grosse Höhen erreichen will, plant ausreichend Zeit ein.
  • Ab 3‘000 Meter ü.M. gilt: Die Schlafhöhe sollte täglich nicht mehr als 300 Meter gesteigert werden.
  • Bei Anzeichen der Höhenkrankheit darf man auf keinen Fall weiter aufsteigen – bis man sich besser fühlt und die Symptome komplett verschwunden sind.
  • Ist man mit einer (geleiteten) Gruppe unterwegs: allfällige Beschwerden weder verharmlosen noch verheimlichen, aus Angst zur Last zu fallen oder als „Weichei“ abgestempelt zu werden. Die Gesundheit geht vor.
  • Viel trinken, aber keinen Alkohol.
  • Es gibt Medikamente, die Höhenkrankheit vorbeugen sollen. Wegen ihrer Nebenwirkungen sind sie umstritten.
  • Bei schweren Lungenerkrankungen und Herzkrankheiten zuerst beim Arzt abklären, bis zur welchen Höhe man wandern darf.
Tibeter haben keine Probleme

In den südamerikanischen Anden, wo zahlreiche grosse Städte über 3000 Meter liegen, leiden nicht nur Touristen, sondern auch Einheimische an „Soroche“, wie die Höhenkrankheit dort genannt wird. Als Gegenmittel wird Tee aus Coca-Blättern getrunken.

Anders sieht es auf dem Dach der Welt aus: Die Tibeter, die auf über 4000 Meter leben, bekommen nie Höhenkrankheit. Ihr Erbgut hat sich so verändert, dass ein Leben in dünner Höhenluft möglich ist.

PDF des Artikels: Höhenkrankheit

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.