Keine Angst vor dem Bohrer

Rund 250‘000 bis 350‘000 Personen in der Schweiz machen einen grossen Bogen um Zahnarztpraxen – aus Angst. Eine Verhaltenstherapie kann ihnen helfen, diese Phobie abzubauen.

Spitze Geräte und saugende Schläuche im Mund, Panik vor dem Bohrer oder die Schmerzen danach: Die meisten Menschen verknüpfen einen Zahnarztbesuch mit eher unerfreulichen Gedanken. Bei einigen Personen ist die Furcht aber derart immens, dass sie ihren Zahnarzttermin immer wieder absagen und irgendwann überhaupt nicht mehr zum Zahnarzt und zur Dentalhygienikerin gehen. Lieber nehmen sie schwere Schäden an Zähnen und Zahnfleisch in Kauf, als sich auf den Behandlungsstuhl zu setzen.

Mit einer spezifischen Verhaltenstherapie hilft die Psychologin Dr. Ursula Galli  betroffenen Personen, ihre starken Angstreaktionen abzubauen, bis sie wieder in der Lage sind, sich beim Zahnarzt behandeln zu lassen.

Wie verbreitet ist die Angst vor dem Zahnarzt?

Dr. Ursula Galli: Man muss zwischen Zahnbehandlungsangst und Zahnbehandlungsphobie unterscheiden. Menschen mit einer Phobie gehen höchstens im Notfall zum Zahnarzt, wenn es unvermeidbar ist oder die Schmerzen extrem sind. Es gibt Menschen, die seit 10 oder 15 Jahren nie mehr beim Zahnarzt oder den Dentalhygienikerin waren. Internationale Studien gehen davon aus, dass etwa 3 bis 5 Prozent der Bevölkerung an einer Zahnbehandlungsphobie leiden.

Was ist mit den anderen?

Etwa 40 bis 50 Prozent der Patienten gehen mit einer gewissen Angst zum Zahnarzt, die aber überwindbar ist. Sie haben einfach ein mulmiges, ungutes Gefühl, möchten den Termin am liebsten hinausschieben. Manche Frauen finden, eine Zahnbehandlung sei schlimmer als eine Untersuchung beim Gynäkologen. Nur rund 20 Prozent suchen den Zahnarzt völlig problemlos auf. Einige wenige erleben die Zeit auf dem Liegestuhl gar als Entspannungsmoment.

Worin genau besteht die Angst?

Das ist ganz unterschiedlich. Manche haben Angst zu ersticken, nicht mehr richtig durchatmen zu können – mit all den Geräten und dem Gummi-Kofferdam im Mund. Bei anderen kommt Panik auf, wenn etwas in den Mund geschoben wird, um einen Abdruck für eine Zahnspange oder Prothese zu machen. Verbreitet ist auch die Angst vor Schmerz, dass ein Nerv angebohrt wird. Betroffene haben dies manchmal tatsächlich erlebt, etwa beim Schulzahnarzt, der trotz Schmerzen einfach weiter behandelt hat. Wiederum andere – und das sind viele – haben das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Sie liegen da, über ihnen beugt sich jemand und sie können nicht einfach weg. Für Betroffene, die missbräuchliche Übergriffe erlebt haben, ist die liegende Körperposition besonders heikel.

Wann ist eine Therapie angebracht?

Wenn ich mehrfach einen Zahnarzttermin aus Angst abgesagt habe und das Gefühl habe, dass es meine eigenen Kräfte übersteigt, zum Zahnarzt zu gehen. Oder wenn ich merke, dass mein ganzes Denken tagelang im Voraus nur noch um den zukünftigen Zahnarztbesuch kreist, ich deshalb nicht mehr schlafen kann oder körperlich, z.B. mit Appetitlosigkeit reagiere.

Manche Zahnärzte bieten Behandlungen unter Vollnarkose an. Ist das keine Option?

Die Vorstellung ist eigentlich schön: Ich lege mich hin, werde behandelt und wenn ich aufwache, sind meine Zähne gemacht. Aus psychologischer Sicht ist eine Vollnarkose dann sinnvoll, wenn die Angst massiv ist und schnell interveniert werden muss.

Doch Behandlungen unter Vollnarkose lösen das Problem nicht: Die Angst vor Zahnbehandlungen bleibt bestehen und kann sich sogar verstärken, weil der Eindruck entsteht, man könne sich nur unter Narkose behandeln lassen. Was passiert dann mit den Nachkontrollen und dem jährlichen Besuch bei der Dentalhygienikerin? Wer sich Zeit nimmt für eine Angsttherapie, entwickelt mehr Sicherheit und wird fähig, die Zahnbehandlung aus eigener Kraft zuzulassen.

Wie wird man seine Angst in der Therapie los?

Man bekommt die Angst nicht immer ganz weg. Es geht darum, mit der Angst besser umgehen zu können. Nach dem Motto: „Ich habe die Angst im Griff und nicht sie hat mich im Griff“.

Für eine erfolgreiche Behandlung ist es sehr wichtig, den Kern der Angst klar zu erkennen. Mit dem Patienten suche ich die kritischen Punkte, die die Angst ausgelöst haben. Es können Horrorerlebnisse aus der Kindheit sein, wie etwa ein Zahnarzt, der trotz Schmerzen weitergebohrt hat. Manche Betroffene haben selber nichts Schlimmes erlebt, malen sich in ihrer Fantasie aber aus, was alles passieren könnte, nachdem sie Schauergeschichten gehört haben.

Was passiert nach dieser Abklärung?

Wir arbeiten mit Zahnärzten zusammen, die vorsichtig mit Angstpatienten umgehen können und bereit sind, den ersten Termin als Kennenlern-Gespräch durchzuführen, damit der Patient Vertrauen aufbauen kann. Dann besprechen wir detailliert: Wie sähe eine Idealbehandlung aus? Was gibt mir Sicherheit? Zum Beispiel: Ich darf die Behandlung mit einem Handzeichen sofort abbrechen und der Zahnarzt hält sich daran. Oder ich darf meine Lieblingsmusik mitbringen, usw. Es geht darum, dass der Patient das Gefühl erhält, dass ER die Behandlung kontrolliert und mitbestimmt. Denn Angstpatienten erleben sich oft als „Objekt“, die in Situationen gesteckt werden, die sie durchhalten müssen. Sie lernen, vom erduldenden Objekt wieder zum handelnden, mitbestimmenden Subjekt zu werden.

Wie sieht es mit Angst fördernden Gedanken aus?

Wir schauen an, welche katastrophisierenden und überwältigenden Gedanken da sind. Und sortieren aus: Was ist realistisch, was nicht? Ich hatte eine Patientin, die das Gefühl hatte, dass das Abdruckmaterial flüssig sei und ihr in den Hals hinunterlaufe. Es hat ihr sehr geholfen, das Abdruckmaterial in die Hand zu bekommen und zu spüren: das ist ja wie Knetmasse, ganz fest.

Lehren Sie auch Entspannungstechniken?

Die körperliche Entspannung ist ebenfalls ein wichtiger Faktor – mit progressiver Muskelrelaxation, autogenem Training oder Atemtechniken. Die Übungen sollten regelmässig zu Hause durchgeführt werden, um sich selber wieder beruhigen zu können, wenn sich Angst aufbaut und das Herz rast. Dies gibt ebenfalls das Gefühl, die Situation zu kontrollieren.

Wie lange dauert die Therapie?

Wenn jemand in wirklich stabilen Verhältnissen lebt, der letzte Zahnarztbesuch nicht allzu lange zurück liegt und die Angst vor der Zahnbehandlung die einzige Phobie ist, reichen manchmal 4 bis 6 Sitzungen. Je länger der letzte Zahnarztbesuch zurückliegt und je mehr weitere Ängste vorliegen, desto länger dauert es. In der Regel sind 15 bis 25 Sitzungen nötig, teilweise auch parallel zur Zahnbehandlung. Verbergen sich hinter der Zahnarztphobie sehr belastende Ereignisse oder Traumata, kann es länger gehen. Das gibt es auch.

Am besten wartet man nicht allzu lange mit einer Therapie. Nicht nur aus Gesundheitsgründen, sondern vor allem auch, weil Ängste leichter zu behandeln sind, wenn sie noch nicht so verfestigt sind.

Therapie und Kosten

Therapien gegen Zahnbehandlungsangst und –phobie bietet Dr. Ursula Galli im Ambulatorium für kognitive Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin der Universität Zürich an. Anmeldung über Tel. 044 634 52 75.

Die Kosten sind einkommensabhängig (zwischen CHF 80 und 200.-) und können über die Zusatzversicherung, nicht aber über die Grundversicherung abgerechnet werden. Weitere Infos >>

Sind mehr Frauen oder Männer betroffen?

Da gibt es keine Unterschiede. Es geht querbeet durch alle Schichten. Früher glaubte man, es seien vor allem Leute betroffen, die sich eine Zahnarztbehandlung nicht leisten können oder sich generell eher vernachlässigen. Das ist aber nicht der Fall.

PDF des Artikels: Keine Angst vor dem Bohrer

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.