Pflanzen statt Pillen für die Seele

Pflanzen für SeelePflanzenmedikamente helfen nicht nur bei körperlichen Krankheiten, sondern auch bei leichteren psychischen Leiden. Neuerdings setzen sogar psychiatrische Kliniken auf Pflanzenheilkunde.

„Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen“, befand der legendäre Schweizer Arzt Paracelsus bereits im Mittelalter. Tatsache ist: Heilpflanzen enthalten zahlreiche Wirkstoffe, die die Gesundung fördern können. Über Jahrhunderte waren sie die einzigen Heilmittel, die die Menschen kannten – auf allen Kontinenten und in allen Kulturen. Daraus entstand ein riesiger Erfahrungsschatz, der vorerst mündlich weitergegeben und später von Gelehrten wie dem griechischen Arzt Dioscurides schriftlich festgehalten wurde. In seinem bekannten Werk „Materia Medica“, das im 1. Jahrhundert entstand, beschreibt er über 800 Arzneimittel pflanzlichen Ursprungs.

Weniger Nebenwirkungen erwünscht

Im 21. Jahrhundert – also 2‘000 Jahre später – ist der Wunsch, mit der Kraft der Natur zu gesunden, immer noch gross: In der Schweiz ist heute jedes vierte verkaufte Medikament ein pflanzliches Heilmittel! Weil synthetische Medikamente in manchen Fällen zu viele unerwünschte Nebenwirkungen verursachen, wünschen sich zahlreiche Patienten sanftere, natürlichere Alternativen. Ein Wunsch, den Ärzte zunehmend ernst nehmen. Nach dem Motto „Wer heilt, hat Recht“, gewinnt die sogenannte „integrative Medizin“ an Bedeutung: Statt die verschiedenen Medizinsysteme gegeneinander auszuspielen, geht es darum, das Beste aus Naturheilkunde und Schulmedizin zu verbinden – zum Wohle des Patienten.

Wissenschaftlich überprüfbar

Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Pflanzenheilkunde, die sogenannte Phytotherapie, ein. Ihre Fertigarzneimittel (Phytopharmaka genannt), die es als Tabletten, Salben, Tinkturen, Tropfen oder Tees gibt, enthalten Wirkstoffe von einer oder mehreren Heilpflanzen, die nach naturwissenschaftlichen Kriterien erforscht werden können. Oder anders gesagt: Die intuitiv und durch Erfahrung entstandenen Pflanzenrezepturen unserer Urahnen werden heutzutage in modernen Forschungslabor auf ihre Heilwirkung überprüft. Deshalb ist die Phytotherapie – im Gegensatz zur Homöopathie oder anthroposophischen Medizin – wissenschaftlich anerkannt.

Pflanzenheilkunde in der Psychiatrie

Interessant ist, dass Kräuterrezepturen nun auch in psychiatrischen Kliniken an Bedeutung gewinnen – als Ergänzung oder Alternative zu den üblicherweise verabreichten Psychopharmaka, deren Nebenwirkungen happig sein können. Eine Vorreiterrolle haben hierzulande die Kliniken der Psychiatrischen Dienste Graubünden (www.pdgr.ch) übernommen. Unter der Leitung von Dr. med. Simon Feldhaus, einem renommierten Facharzt für Allgemein- und Komplementärmedizin, wurden zwischen 2008 und 2010 über 100 Pflegefachpersonen und leitende Ärzte in Phytotherapie weitergebildet. Sie lernten Dutzende von Pflanzen, ihre Wirkungsweise und die Einsatzgebiete in der Psychiatrie kennen – bei Depressionen, Ängsten, Schlafstörungen sowie bei Begleiterscheinungen wie Schmerzen oder Entzündungen.

Ideale Ergänzung zur Schulmedizin

Bei den Patienten in den Kliniken Waldhaus Chur und Beverin Cazis kommen die Pflanzenpräparate sehr positiv an, wie eine freiwillige Umfrage in zwei stationären Therapiestationen zeigte. „Aufgrund ihrer hervorragenden Verträglichkeit, der breiten Anwendbarkeit und der nachgewiesenen Wirksamkeit stellen phytoherapeutische Arzneimittel eine ideale Ergänzung zu schulmedizinischen Therapien dar“, hält Dr. Simon Feldhaus im Erfahrungsbericht fest. „Die verwendeten Medikamente oder Tinkturen sowie die ätherischen Öle können bei der Regulierung von Störungen im den Bereichen Schlaf, Angst und Gemütsverstimmungen mithelfen.“ Die besondere Stärke der Phytotherapie in der Psychiatrie liegt darin, dass auch über die eigentlich psychiatrischen Probleme hinaus behandelt werden kann: Erkältungskrankheiten, Verdauungsstörungen, Hautprobleme, Kreislauferkrankungen, Blasenentzündungen. „Aber auch die Nebenwirkungen, welche beispielsweise durch Neuroleptika oder Antidepressiva entstehen können, sind phytotherapeutisch häufig gut behandelbar“, so Feldhaus.

Grenzen der Phytotherapie

Bei leichten Depressionen, Angstzuständen und Schlafstörungen kann eine Behandlung mit ausschliesslich pflanzlichen Medikamenten ausreichen. Es braucht dabei etwas Geduld, da sie meist erst nach ein paar Tagen zu wirken beginnen. Bei mittleren bis schweren psychischen Krankheiten sowie in Notfallsituationen hingegen bleiben Psychopharmaka meist die einzige Wahl, um massive Panikzustände, akute Selbstmordgefährdung oder Wahnvorstellungen zu lindern.

Pflanzen, die der Seele gut tun
  • Baldrian: beruhigend, schlaffördernd
  • Hopfen: entspannend
  • Johanniskraut: stimmungsaufhellend
  • Lavendel: entspannend, beruhigend
  • Melisse: beruhigend, krampflösend
  • Passionsblume: beruhigend, angstlösend
  • Pestwurz: krampflösend bei Spannungszuständen

Auf die Rohstoff-Qualität kommt es an

Zu den bekanntesten „Psycho-Pflanzen“ zählt Johanniskraut, dessen antidepressive Wirkung wissenschaftlich erwiesen ist. Da es weniger Nebenwirkungen als herkömmliche Antidepressiva zeigt, sind Johanniskrautpräparate bei leichten bis mittelschweren Depressionen und Verstimmungszuständen sehr gefragt. „Bei der Wahl eines Produktes ist aber Vorsicht geboten, denn Billig-Präparate können minderwertiges Johanniskrautextrakt oder nicht näher identifizierte Inhaltsstoffe enthalten“, erklärt Prof. Dr. Jürgen Drewe, Forschungsdirektor beim führenden Schweizer Phytotherapie-Spezialisten Max Zeller AG. Um mögliche Nebenwirkungen auszuschliessen, rät er zu geprüften Qualitätsprodukten. „Zu empfehlen sind Johanniskrautpräparate mit gesenktem Hyperforingehalt. Denn dieser Inhaltsstoff kann unerwünschte Wechselwirkungen auslösen und beispielsweise die verhütende Wirkung der Anti-Baby-Pille beeinträchtigen.“ Ziel der Forschung und Entwicklung war es deshalb, einen Johanniskrautextrakt zu entwickeln, dessen Wirksamkeit hoch, der Hyperforingehalt aber niedrig ist.

PDF des Artikels: Pflanzen statt Pillen

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.