Abtanzen, aber sicher!

Street Parade in Zürich – viel Spass, aber auch viele Versuchungen für junge Leute. Was sollte man dazu zum Thema Drogen wissen, und wie können sich Jugendliche vor unangenehmen Erlebnissen schützen?

Auch dieses Jahr werden Hundertausende Jugendliche und Junggebliebene aus der ganzen Schweiz und dem Ausland nach Zürich strömen, um im Gefolge von 30 Love Mobiles rund um das Zürcher Seebecken ausgelassen abzutanzen. Da die grösste Techno-Party der Welt dazu verleiten kann, sich zu berauschen, haben wir bei Alexander Bücheli, stellvertretender Betriebsleiter der Zürcher „Jugendberatung Streetwork“ nachgefragt, wo die Gefahren lauern und wie man sich davor schützt.

Welche Drogen werden heutzutage am meisten konsumiert?

Alkohol ist die wichtigste Party-Droge, auch bei den Jungen. Das liegt an der locker machenden Wirkung: Man ist entkrampfter beim Tanzen, hat weniger Hemmungen und spricht eher jemanden an.

Was wird sonst noch konsumiert?

Mit 15, 16 Jahren fangen die Jungen mit Alkohol, Cannabis und Tabak an. Kokain, Amphetamine (Speed) und Ecstasy werden gemäss unseren Zahlen erst ab 17 bis 19 Jahren ein Thema.

Und was ist mit den „Badesalzen“, die man übers Internet beziehen kann?

Die Vielfalt an Drogen, die man konsumieren könnte, um einen Rausch hervorzurufen, ist riesig. Bei den „Badesalzen“ handelt es sich um neue Substanzen, die teilweise noch nicht verboten sind. Diese „Legal Highs“ – so werden sie genannt – werden bewusst so designt, um die Gesetze zu umgehen. Das Problem ist, dass man praktisch nichts über ihre Risiken, Nebenwirkungen und Langzeitfolgen weiss, im Gegensatz zu Alkohol, LSD oder Ecstasy. Darum ist es wichtig zu wissen: Wird etwas als legal verkauft, muss es nicht weniger gefährlich sein als etwas, das illegal angeboten wird.

Was kann passieren?

Es gibt Substanzen, die psychisch abhängig machen können, weil ihr Konsum das Selbstvertrauen und Wohlbefinden im Moment extrem stärkt. Mephedron ist ein solches Beispiel. Es ist oft in Badesalzen enthalten und hat ein ähnliches psychisches Abhängigkeitspotential wie Kokain. Von dieser Substanz weiss man auch, dass sie zu Durchblutungsstörungen führen oder das Herz-Kreislauf-System belasten kann. Andere Substanzen führen beispielsweise in zu hoher Dosis zu koma-ähnlichem Schlaf.

Muss ich als Mutter Angst haben, dass mein Kind an der Street Parade mit Drogen in Kontakt kommt?

Das Risiko ist etwa gleich wie bei anderen grossen Volksfesten, wo viele Menschen zusammenkommen. Setzt sich ein Jugendlicher nicht schon in irgendeiner Weise mit dem Thema Drogen auseinander, wird er an der Street Parade auch nicht verführt. Befasst sich ein Jugendlicher bereits mit dem Thema, kann es sein, dass er an der Street Parade die Möglichkeit hat, etwas zu kaufen. Die Street Parade ist aber ein schlechter Anlass, um erstmals Drogen zu nehmen. Die Menschenmassen und die vielen Musik- und Lichtreize können psychisch überfordern und schneller zu einer schlechten Drogenerfahrung führen. Das Risiko potenziert sich, wenn man zusätzlich Alkohol trinkt.

Welche Drogen werden an der Street Parade verkauft?

Oft werden Falsifikate verkauft, um Geld zu machen. Dazu zählen etwa normale Medikamente wie Antidepressiva, Schlaf- oder Beruhigungsmittel, die ähnlich aussehen wie Drogen-Pillchen. Dann tauchen auch vermehrt Ecstasy-Tabletten auf, die Medikamenteninhaltsstoffe oder „legal high“-Substanzen enthalten.

Sie bieten die Möglichkeit an, die Drogen analysieren zu lassen. Wie wird das genutzt?

Die Kapazität des mobilen Drug-Checking ist beschränkt. An der Street Parade sind wir jeweils ausgelastet, das heisst wir können etwa 75 bis 90 Analysen durchführen und 350 bis 400 Leuten ausführlich beraten. Im Vorfeld informieren wir auch Sanitäter und Spitäler über die aktuellsten Tendenzen auf dem Drogenmarkt.

Wie oft muss von den analysierten Substanzen abgeraten werden?

Grundsätzlich sagen wir immer: Wenn du kein Risiko eingehen willst, dann konsumiere nicht. Das ist eine wichtige Botschaft, die man auch als Eltern mitgeben kann. An der Parade ist viel Unbekanntes im Umlauf, dessen Wirkung man nicht kennt. Drogen werden in der Regel gezielt gesucht: Es geht nicht um den Rausch per se, sondern um ein bestimmtes Erleben wie Leistungssteigerung (mit Kokain oder Amphetamin), Lockerheit (mit Alkohol), „chilled“ zu sein (mit Cannabis) oder um ein spezielles Körpergefühl (mit Ecstasy). An der  Street Parade müssen wir in etwa 20 Prozent der Fälle sagen: Was du suchst, wirst du mit dieser Substanz nicht erleben. Diese Aufklärung führt oft dazu, dass die Leute auf den Konsum verzichten und zu reflektieren beginnen. Das ist eigentlich das Ziel unserer Arbeit.

Man hat etwas eingenommen und es geht einem nicht gut. Was machen?

Wer Drogen konsumiert, sollte es nicht still und heimlich tun, sondern die Freundesgruppe, mit der er unterwegs ist, darüber informieren. Wenn man merkt, dass es einem schlecht oder komisch wird, ist es vorteilhaft, aus der Menschenmasse herauszugehen und ein ruhigeres Plätzchen im Schatten zu finden, Wasser zu trinken – nicht allein, sondern zusammen mit einer vertrauten Person. Verbessert sich die Situation nicht, gibt es zahlreiche Sanitätsposten, die seit Jahren mit solchen Situationen Erfahrung haben. Man kann sich ungeniert an sie wenden, lieber einmal zu viel als zu wenig. Bei medizinischen Problemen können sie intervenieren.

Die meisten Sanitätseinsätze sind aber nicht wegen Drogen nötig, sondern wegen Schnittwunden und Blasen an den Füssen oder verstauchter Knöchel! Die Street Parade ist ein Outdoor-Anlass und man sollte unbedingt auf das Schuhwerk achten.

Sonst noch ein Tipp?

Kopfbedeckung, Sonnencreme und Wasser nicht vergessen, wenn es heisst ist und die Sonne scheint. Und Ohrenstöpsel: Der Schallpegel in der Nähe der Love Mobiles und Boxen ist extrem hoch.

Drug-Checking

An der Street Parade besteht die Möglichkeit, illegal erworbene Substanzen kostenlos auf ihre tatsächlichen Inhaltsstoffe untersuchen zu lassen – mittels eines mobilen Labors. Das Analyseprozedere dauert rund 30 Minuten oder länger, je nach Andrang. Das Drug-Checking mit Informationsstand befindet sich ab 13 bis ca. 20 Uhr auf dem Marktplatz beim Bürkliplatz, danach die ganze Nacht in der Roten Fabrik. Man kann sich auch im Vorfeld über http://www.saferparty.ch informieren oder per Mail anonym Fragen stellen.

Gefahr durch k.o.-Tropfen?

An der Street Parade und an den Partys danach ist das Sicherheitsdispositiv sehr hoch. Es hat überall Sicherheitsleute, an die man sich vertrauensvoll wenden kann, wenn es einem schlecht geht oder man bedrängt wird. Wichtig ist, dass man auf das eigene Bauchgefühl hört und keine Getränke von Wildfremden annimmt. Wird man eingeladen – was ja eine schöne Geste ist – sollte man das Getränk selber an der Bar entgegennehmen. K.o.-Tropfen sind übrigens nicht geschmacklos. In einer Dosis, die tatsächlich zum K.O. führt, schmecken sie entweder salzig oder nach Lösungsmitteln. Die meist unterschätzte „Vergewaltigungsdroge“ ist aber Alkohol. Man kann jemanden so betrunken machen, dass die Person nicht mehr weiss, was wirklich passiert.

PDF des Artikels: Abtanzen, aber sicher!

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.