Alles tut weh – ohne Grund

Schmerzen am ganzen Körper – ohne dass man weiss weshalb: Menschen, die an Fibromyalgie leiden, werden oft nicht ernst genommen und zu Unrecht als Simulanten oder Scheininvalide abgestempelt.

Mit chronischen Schmerzen zu leben ist eine Qual. Noch grösser ist die Herausforderung, wenn es keine klaren Ursachen für die unerträglichen Schmerzen gibt und sich die Krankheit weder im Blut noch im Röntgenbild nachweisen lässt. Schnell wird einem unterstellt, man bilde sich das Leiden nur ein oder sei ein Simulant.

So ergeht es vielen Menschen, die an Fibromyalgie erkrankt sind – einer rätselhaften Weichteilrheuma-Erkrankung, die sich im Schultergürtel, im Rücken, im Becken, in den Armen oder Beinen bemerkbar macht. Typisch sind diffuse Muskelschmerzen in Gelenknähe (aber nicht im Gelenk selber). Manche Betroffene vergleichen die Schmerzen mit einem heftigen Muskelkater. Andere umschreiben die Schmerzen als «Migräne am ganzen Körper».

Fibromyalgiker leben nicht nur in einem unsichtbaren Schmerzgefängnis. Zusätzlich kämpfen sie mit Begleitsymptomen wie Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen, Morgensteifigkeit, Wetterfühligkeit, Schwellungen von Händen, Füssen und Gesicht oder gar Angst und Depression.

Experten schätzen, dass in der Schweiz rund 40‘000 bis 400‘000 Personen an Fibromyalgie erkrankt sind – vorwiegend Frauen im mittleren Lebensalter. Es kann aber auch Männer und Kinder treffen.

Was steckt dahinter?

Was das Fibromyalgie-Syndrom so rätselhaft macht, ist die Tatsache, dass bis heute keine eindeutigen körperlichen Ursachen für die Dauerschmerzen gefunden wurden. Forschungen der Universität Heidelberg haben ergeben, dass Betroffene eine deutlich niedrigere Schmerzschwelle haben als andere Menschen. Sie reagieren auch viel empfindlicher auf Geräusche, Licht und Kälte. Da körperliche und seelische Dauerbelastungen vielen Fibromyalgie-Patienten enorm zusetzt, gilt auch eine gestörte Stressverarbeitung als möglicher Auslöser. Dies würde bedeuten: Betroffene spüren Stress als körperlichen Schmerz.

Eine neuere Theorie deutet die Fibromyalgie als eine Erkrankung der Mitochondrien – der „Energiekraftwerke“ in den (Muskel-)Zellen. Demnach würden Viren (z.B. Epstein-Barr-Virus), Bakterien (z.B. Borreliose-Bakterien), Giftstoffe, Allergene, körperliche Traumata (wie Schleudertrauma, Kopfverletzungen) oder seelische Schockerlebnisse den Körperstoffwechsel entgleisen lassen.

Als weitere mögliche Ursachen gelten Nährstoffmangel (Selen, L-Carnitin, Coenzym Q10, Inosin, Magnesium und Vitamin B6) sowie Übersäuerung: „Schlacken“ im Bindegewebe reizen lokale Nerven und lösen Mini-Entzündungen aus, die im Blutbild nicht nachweisbar sind.
Ausserdem: Gemäss Langzeitstudien gibt es einen Zusammenhang zwischen Übergewicht sowie mangelnder Bewegung und der Entwicklung eines Fibromyalgie-Syndroms.
Fasst man den aktuellen Wissensstand der Forschung zusammen, ist Fibromyalgie das Resultat von komplexen Wechselwirkungen zwischen Körper, Psyche und sozialem Umfeld.

Was hilft?

Die gute Nachricht ist: Fibromyalgie hinterlässt keine körperlichen Schäden und setzt die Lebenserwartung nicht herunter. Auch wenn die Schmerzen unerträglich sind, werden die Gelenke und Muskeln im Gegensatz zu anderen Formen von Rheuma nicht geschädigt.
Die schlechte Nachricht ist: Fibromyalgie ist eine unheilbare Krankheit, deren Beschwerden nicht weggezaubert, sondern höchstens gelindert werden können.

Eine immens wichtige Rolle spielt körperliche Bewegung. Wer glaubt, die unerträglichen Schmerzen seien ein Grund, sich sportlich zu schonen, irrt sich. Ideal sind sanfte Trainings wie Tai-Chi, Yoga, Walken, Wandern, Schwimmen, leichtes Krafttraining und Stretching. Regelmässige Bewegung baut Stress ab, steigert die Belastbarkeit und mindert Schmerzen. Auch kurze, alltägliche Bewegungen wie Treppensteigen, Spazieren sowie Haushalts- und Gartenarbeiten erhöhen das Wohlbefinden.

Auch wenn dauerhafte Schmerzen die Lebensfreude beeinträchtigen, lässt sich dagegen angehen – auch wenn dies nicht von heute auf morgen möglich ist und Übung braucht. Als erstes gilt: Plagen Sie sich nicht mit Schuldgefühlen, wenn akute Schmerzen Sie daran hindern, gewisse Aufgaben zu erfüllen, die man bisher selbstverständlich von Ihnen erwartet hat. Teilen Sie Ihrem Chef, Ihrer Familie mit, wo Ihre Grenzen liegen.

Hören Sie auf, sich ständig zu fragen „Wieso bin ausgerechnet ich von dieser Krankheit betroffen?“. Überlegen Sie sich stattdessen, was Ihre Lebensfreude im Hier und Jetzt erhöht – sei es eine entspannende Massage, sei es ein Ausflug mit der besten Freundin, sei es ein wöchentlicher Hobby-Kurs, den Sie schon lange besuchen wollten oder sei es eine mehrwöchige Akupunkturbehandlung zur Schmerzlinderung.

Wer will, kann auch auf Medikamente zurückgreifen – nach Rücksprache mit dem Arzt. Ein eigentliches Heilmittel gegen Fibromyalgie gibt es aber nicht. Manche Antidepressiva können die Schmerzen reduzieren. Schmerzmittel können im Moment helfen. Als langfristige Therapie sind sie in der Regel aber nicht geeignet.

Kurzum: Leider gibt es für Fibromyalgie-Patienten noch kein allgemein gültiges Rezept. Dies bedeutet: Jede und jeder muss sich das herauspicken, was ihm guttut. Die besten Alltag-Tipps dazu erhält man von Menschen, die selbst von Fibromyalgie betroffen sind – beispielsweise in Selbsthilfegruppen.

Selbsthilfe

Der Austausch mit anderen Betroffenen kann Rückhalt geben. Eine Liste von Selbsthilfegruppen in der deutschen Schweiz findet sich auf der Website der Patientenorganisation „Fibromyalgie Forum Schweiz“

Kostenlose Broschüre

Weitere Infos bietet die Website der Rheumaliga Schweiz (www.rheumaliga.ch). Über den Webshop kann zudem die Broschüre „Fibromyalgie“ kostenlos bestellt werden.

PDF des Artikels: Alles tut weh – ohne Grund

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.