Sanftes für Sensibelchen

Empfindliche Haut ist auf dem Vormarsch. Bereits ein „falscher“ Zusatz in einem Pflegeprodukt kann genügen, um sensible Haut aus dem Gleichgewicht zu bringen und sie zu irritieren. Was sie dringend benötigt, ist eine reizstoffarme Pflege, die ihre natürliche Schutzfunktion reaktiviert.

Die Anzahl der Menschen, deren Haut gereizt reagiert, hat in den vergangenen 30 Jahren massiv zugenommen. In den 80er-Jahren litten rund 30 Prozent der Bevölkerung nach eigenen Aussagen unter sensibler Haut und Hautirritationen. Heute schätzen 50 bis 60 Prozent der Bevölkerung ihre Haut als empfindlich ein.

Was genau ist aber unter sensibler Haut zu verstehen? Was kennzeichnet sie? „Der Begriff ‚empfindliche oder sensible Haut‘ ist noch nicht klar umrissen, es gibt keine allgemein gültige Definition dafür“, erklärt der Zürcher Apotheker Bahram Ziaie. Der Grund: Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es nur wenig messbare Kriterien, um das Phänomen klar zu objektivieren.

Tatsache ist, dass Menschen mit empfindlicher Haut eine tiefere Reizschwelle haben und ihre Haut auf äussere Stimuli intensiver reagiert als normale Haut – mit Rötungen, Schwellungen, Hautschuppen, Kribbeln, Juckreiz, Brennen oder Spannungsgefühl. Alltägliche Einflüsse wie kalkhaltiges Wasser, trockene Heizungsluft oder Zigarettenrauch, die normale Haut problemlos verträgt, wird bei Betroffenen zur alltäglichen, unangenehmen Herausforderung. Wichtig zu wissen: Sensible Haut ist kein Zeichen von Allergie, sondern zeugt von Überempfindlichkeit gegenüber Umwelteinflüssen und Inhaltsstoffen in Alltagsprodukten.

Gestörte Schutzbarriere

Bei Personen, die unter empfindlicher Haut leiden, ist häufig der Säureschutzmantel der Haut aus dem Gleichgewicht geraten. Die Haut ist nicht mehr in der Lage, sich selbst zu regulieren. Mit fatalen Folgen: „Funktioniert die Hautbarriere nicht mehr, verliert die Haut zu viel Feuchtigkeit. Dadurch können Schadstoffe leichter in die Haut eindringen“, so Bahram Ziaie. Dringen die Fremdkörper tief in die Haut, fordern sie das Immunsystem heraus; der Organismus reagiert mit Rötungen auf Stoffe, die bei intakter Haut problemlos vertragen werden.
Ist der Hydro-Lipidfilm geschwächt, der sich aus hauteigenen Fetten (Lipiden), Wasser und Feuchthaltefaktoren zusammensetzt, fehlt der „Kitt“, der die oberste Hautschicht zusammenhält und schützt. „Die hauteigene Lipidproduktion lässt mich dem Alter nach, weshalb ältere Menschen oft unter empfindlicher Haut leiden. Was der Haut heutzutage aber enorm zusetzt, ist häufiges Waschen mit aggressiven Seifen und Reinigungsmitteln“, hält Ziaie fest.

Ursachen der Empfindlichkeit

Die Ursachen für sensible Haut sind von Mensch zu Mensch verschieden. Bei manchen Personen ist die empfindliche Veranlagung vererbt. Bei gewissen Betroffenen reagieren die Blutgefässe übermässig beim Genuss scharfer Speisen oder von Alkohol. Anderen wiederum setzen Umwelteinflüsse wie Wind, plötzliche Temperaturveränderungen, Trockenheit, Sonnenexposition oder Umweltverschmutzung zu. Unerwünschte Hautreaktionen entstehen oftmals auch dann, wenn Pflegeprodukte mit irritierenden Wirkstoffen verwendet werden. Nicht auszuschliessen ist, dass Stress, ständige Hetze und Nervosität die Hautbeschaffenheit beeinträchtigen.

Auf die richtige Pflege kommt es an

Oberste Priorität bei der Pflege empfindlicher Haut hat die Stärkung der natürlichen Hautschutzbarriere. Sensible Haut möchte sanft und behutsam behandelt werden, damit sie die Kraft findet, sich zu regenerieren. Dies bedeutet in erster Linie möglichst alles zu vermeiden, was unsere Körperhülle übel nehmen könnte. Zu intensive Reinigung mit Duschgels bzw. Schaumbädern und zu heisses Wasser entfernen den natürlichen Fettfilm der Haut. „Am besten benützt man alkalifreie Seifen und fettet die Haut regelmässig mit Hand- oder Körpercreme nach“, rät Bahram Ziaie.
Empfindliche Haut dürstet nach Feuchtigkeit und Fett und muss laufend von aussen versorgt werden – mit milden Pflegeprodukten, die speziell für ihre Bedürfnisse formuliert wurden. Diese beruhigenden und hautschützenden Cremen, Lotionen und Gels zeichnen sich durch möglichst wenige, dafür gut verträgliche Inhaltsstoffe aus, die das Wohlbefinden der Haut wiederherstellen. Sie enthalten nur ein absolutes Minimum an Zusatz- und Konservierungsstoffen, die die Haut reizen könnten.

Das tut der Haut gut:
  • Spannt die Haut sehr, erfrischt und beruhigt Thermalwasser rasch. Für den Sofortgebrauch gibt es in der Apotheke praktische, kleine Spraydosen, die in jede Handtasche passen.
  • Kalte Umschläge mit schwarzem Tee helfen und kühlen bei akut gereizter Haut: So geht’s: Tee 10 Minuten ziehen lassen und anschliessend in den Kühlschrank stellen, bis er kalt ist. Getränkte Kompressen auf die gereizte Haut auflegen.
  • Bewegung an der frischen Luft stärkt das Immunsystem und verbessert die Hautgesundheit.
  • Stress vermeiden: Empfindliche Haut kann mit Rötungen und Spannungsgefühlen aus Stress reagieren. Dagegen hilft ausreichend Entspannung und Schlaf.
  • Empfindliche Haut ist oft auch trockene Haut. Wer mindestens 1,5 Liter Wasser oder ungesüssten Kräutertee pro Tag trinkt, hilft der Haut, nicht noch mehr auszutrocknen.
  • Beim Putzen und Wäschewaschen schützen Handschuhe vor den Reizstoffen in Reinigungs- und Waschmitteln.
Das stresst die Haut:
  • Zu grosse Mengen an Duschgel und Schampoo. Sparsam dosieren!
  • Schaumbäder und langes, heisses Duschen.
  • Deos mit Aluminiumsalzen.
  • Aggressive Reinigungsmittel und grobe Peelingprodukte.
  • Alkohol in Pflegeprodukten.
  • Inhaltsstoffe wie Konservierungsmittel, Duftstoffe und chemische UV-Filter.
  • Starke Temperaturschwankungen, Hitze, Kälteschocks, Wind und UV-Strahlen.

Experten-Interview:

„Die Hautpflege aufs Wesentliche reduzieren“

Interview mit Bahram Ziaie, Fachapotheker FPH in Offizinpharmazie und Geschäftsführer der Apotheke 11 in Zürich-Oerlikon über die Bedürfnisse der Haut.

 

Offenbar leiden immer mehr Menschen unter empfindlicher Haut. Stellen Sie das in Ihrer Apotheke auch fest?

Das ist tatsächlich so. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass sich die Reinigungskultur der Menschen verändert hat. Man wäscht sich häufiger, oft zu heiss, und verwendet zu viel (aggressive) Seife.
Eine Rolle spielt sicher auch die Umwelt: Die Ausdünnung der Ozonschicht, die seit Anfang der 80er-Jahre zu beobachten ist, lässt mehr Sonnenstrahlung durch, auf die Menschen mit empfindlicher Haut mit Irritationen reagieren.

Wer leidet unter empfindlicher Haut?

Bei manchen Menschen besteht eine genetische Disposition, grundsätzlich kann es aber jede und jeden betreffen. Häufig betroffen sind ältere Personen – wegen der Hautalterung verliert ihre Haut zunehmend an Lipiden. Anfällig sind auch Menschen, die viel mit Chemikalien und Reinigungsmitteln arbeiten, wie Coiffeure oder Putzkräfte.

Worauf müssen Betroffene bei der Körperpflege achten?

Personen mit sensibler Haut sollten ihre Hautpflege aufs Wesentliche reduzieren. Dies bedeutet, sich pro Tag maximal zwei Mal mit Seife zu reinigen, ansonsten nur mit Wasser. Dies gilt auch für die Hände. Da Peelings die Haut ebenfalls angreifen, sollte man sich auf ein Peeling pro Woche beschränken.
Zu bevorzugen sind Pflegeprodukte, die kein Alkohol, Parfümstoffe und Konservierungsstoffe wie Parabene enthalten, da sie Rötungen und Juckreiz auslösen können.

Welchem Mehrwert bringen dermokosmetische Pflegeprodukte aus der Apotheke bei empfindlicher Haut?

Die Rohsubstanzen dermokosmetischer Produkte müssen hohen pharmazeutischen Standards entsprechen und sind zumeist dermatologisch getestet. Pflegeprodukte für sensible Haut sind in der Regel parfümfrei, viele von ihnen enthalten auch keine Parabene.

Welche Wirkstoffe eignen sich für empfindliche Haut?

Ziel ist die Haut zu reparieren oder zumindest ihre Feuchtigkeit zu bewahren. Das schafft man vor allem mit Harnstoff (Ureum), der in viele Körperlotionen enthalten ist. Milchsäure findet man in Waschlotionen für empfindliche Haut, da sie alkalifrei ist. Zum Baden eignen sich Alpha Hydroxysäure und Ammoniumlactat. Generell zu empfehlen sind Omega-3-Fettsäuren und Rapsöl, da sie freie Radikale neutralisieren.

Wie sieht es mit Naturkosmetik aus?

Naturkosmetik ist kein geschützter Begriff. Es gibt verschiedene Labels – zum Beispiel für Veganer – die ein Produkt als Naturkosmetik ausweisen. Grundsätzlich kann man Naturkosmetik auch bei sensibler Haut verwenden. Dabei gilt es aber zu bedenken, dass sie vielfach ätherische Öle und Pflanzenextrakte enthalten, die Allergien auslösen können. Ich empfehle Produkte, die wirklich völlig frei sind von Duftstoffen und Pflanzenextrakten.

Ihr persönlicher Spezialtipp?

Nicht zu viele unterschiedliche Produkte zu benützen! Je weniger die Haut mit unterschiedlichen Inhaltsstoffen konfrontiert wird, umso kleiner ist das Risiko, mit Irritationen zu reagieren. Eine überschaubare Anzahl an Inhaltsstoffen hilft, den Wirkstoff schneller zu eruieren, auf den man allenfalls allergisch reagiert.

Pflegeprodukte für eine stärkere Hautbarriere

Wer unter empfindlicher Haut leidet, lässt sich am besten in der Apotheke beraten. Die Auswahl an dermatologisch getesteten Pflegeprodukten ohne irritierende Inhaltsstoffe ist hier am grössten. Dazu zählen beispielsweise:

  • Intensiv rückfettendes Handwaschöl mit pH5 Citratpuffer, das den hauteigenen pH-Wert stabilisiert und den Säureschutzmantel der Haut stärkt.
  • Extra sanft reinigendes Duschöl mit hohem Anteil pflegender Lipide, die die Haut selbst bei häufigem Duschen vor Austrocknen schützen.
  • Mildes Gesichtspeeling für alle empfindlichen Hauttypen mit hornlösenden Jojoba-Mikrokügelchen
  • Intensiv beruhigende Gesichtspflege für überempfindliche und allergische Haut – mit minimal wenigen Inhaltsstoffen und völlig frei von Konservierungs- und Duftstoffen, Parabenen, Alkohol, Farbstoffen, Lanolin.
  • Hoch verträgliches Puder-Rouge aus gereinigten Pigment-Mikroperlen ohne Duftstoffe, in 3 Farbnuancen.
  • Beruhigende Feuchtigkeitsmaske für gereizte, strapazierte Haut, mit Thermalwasser und Färberdistelöl, frei von Konservierungsstoffen.
  • Enthaarungscrème für empfindliche Haut mit Thermalwasser und Mandelöl.
  • pH-neutrales Rasiergel mit Calcium für Männer mit empfindlicher Haut
  • 100 % natürlicher, wasserfester Roll-on-Deo mit Ysop und Nelke, ohne Alkohol und Aluminiumsalze, der bis zu 72 Stunden hält.
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Erschienen in astreaAPOTHEKE. © Marie-Luce Le Febve de Vivy