Kein Grund zur Scham

Jeder Fünfte macht einmal im Leben eine depressive Episode durch. Eine Depression ist kein Zeichen von Willensschwäche, sondern häufig die Folge einer stressbedingten Stoffwechselstörung im Hirn.

„Ich war 36 Jahre alt, als sich meine Welt in kurzer Zeit und ohne Vorankündigung in eine Achterbahn der Gefühle verwandelte. Niemand wusste, was mit mir los war – ich am allerwenigsten. Ich konnte keine Entscheidungen treffen, hatte Angst vor meinem eigenen Schatten und hatte keinerlei Freude mehr am Leben“, erinnert sich die Diplomdolmetscherin Marylou Selo an den Ausbruch ihrer Depressionserkrankung.

Der Psychiater stellte die Diagnose “Nervenzusammenbruch” und behandelte sie mit Beruhigungsmitteln, Schlafmitteln, Antidepressiva und Psychotherapie. Ohne Erfolg: „All das brachte nichts. Ich setzte die Medikamente ab und begann wieder zu arbeiten“. Eine Zeit lang ging das gut, bis sich Marylou Selo auf einer Reise verliebte. Das Schweben auf Wolke sieben verwandelte sich in eine heftige Manie. „Meine Eltern konnten nicht verhindern, dass ich von der Polizei ins Spital eingeliefert wurde. Dort wurde ich anfangs wieder mit den falschen Medikamenten behandelt, bis eine junge Assistenzärztin durchsetzte, dass mir Lithium als Medikament verschrieben wurde. Das brachte dann die Wende zur Normalität.“

Während dieses Klinikaufenthaltes schwor sich Selo, sich fortan für andere Betroffene einzusetzen und Aufklärungsarbeit zu betreiben. Dies ist bitter nötig, denn Depressionen sind weit verbreitet. Kaum jemand spricht aber offen darüber. Experten gehen davon aus, dass hierzulande zwischen 400‘000 bis 800‘000 Menschen daran leiden. Fünf bis zehn Prozent davon sind Kinder und Jugendliche. Gemäss einer Prognose der Weltgesundheitsorganisation WHO könnte die Depression im Jahre 2030 zur häufigsten Krankheit in Industrienationen avancieren.

Fest steht: Bei einer Depression ist der Nervenstoffwechsel im Gehirn gestört. Die Konzentration der Nervenbotenstoffe (Serotonin, Noradrenalin, Dopamin) ist aus dem Gleichgewicht. Als Ursache gilt – nebst angeborener Veranlagung – eine chronische Überaktivierung des Stresshormonsystems. Probleme am Arbeitsplatz (wie Mobbing, Burnout, Entlassung), materielle Sorgen, eine gefühlskalte Umwelt sowie soziale Isolation (im Alter, nach der Pensionierung) zehren am „seelischen Immunsystem“. Der Schweizer Psychiatrie-Professor Dr. Jules Angst macht klar: „Depression kann jeden treffen, es ist kein Zeichen von Willensschwäche und schon gar keine Schande“.

Beim Psychiater Hilfe holen

Obwohl eine Depression die Lebensqualität massiv beeinträchtigt, befinden sich nur zwei von drei Leidenden in Behandlung. „Viele Betroffene ziehen sich aus Scham über ihre Krankheit zurück, anstatt zum Arzt zu gehen“, bedauert Marylou Selo. Gemäss heutigem Forschungssstand können bis zu 85 % aller Depressionen gelindert werden. Oft bewährt sich eine Kombination von Medikamenten und Psychotherapie mit dem Austausch in einer Selbsthilfegruppe. Je früher mit der Behandlung begonnen wird, desto höher die Heilchancen. „Leider dauert es im Schnitt aber sechs Jahre, bis man einen Therapeuten findet, der das passende Medikament bzw. eine wirksame Kombination verordnet“, so Selo. Jeder Mensch ist anders, die Medikation muss deshalb individuell angepasst werden – nach dem Motto: So viel wie nötig und so wenig wie möglich. „Leider verstehen bisher nur wenige Psychiater diese Kunst.“

Für Depressionskranke gilt deshalb: Schlägt die vorgeschlagene Medikamenten-Therapie nicht an und fühlt man sich vom Therapeuten unverstanden, lohnt sich die Suche nach einem besser qualifizierten Psychiater.  Nicht behandelte Depressionen sind der häufigste Grund, wenn sich Menschen das Leben nehmen.

So kann sie sich äussern

Die Depression hat verschiedene Gesichter:

Typische Anzeichen einer klinischen Depression sind:

  • Andauernde depressive Verstimmung, Leeregefühl
  • Verlust der Freude bei Aktivitäten, die bis anhin Spass machten
  • Gefühle der Hoffnungslosigkeit
  • zu frühes Aufwachen oder zu viel Schlaf
  • Appetitverlust oder zuviel Essen
  • Energieverlust; das Gefühl träge und schwerfällig zu sein
  • Ruhelosigkeit und Irritierbarkeit
  • Konzentrationsschwierigkeiten; Mühe, Entscheidungen zu treffen
  • Todes- und Suizidgedanken

Bei der sogenannten bipolaren Störung treten Depressionen abwechselnd mit Manien auf. Typisch dafür sind:

  •  das Gefühl, grandios zu sein
  • reduziertes Schlafbedürfnis
  • schnelles bzw. zuviel Reden
  • risikoreiches Verhalten (z.B. riesige Geldsummen ausgeben, mit dem Auto rasen, ungeschützter Sex)
  • Aufgeregtheit, überaktiv
  • Konzentrationsprobleme
Engagierte Aufklärerin

In Gedenken an ihren Vater, Werner Alfred Selo (1908 – 1993), der nach einem lebenslangen Leidensweg mit chronischer Migräne und Depression Suizid beging, gründete Marylou Selo (Bild) 1994 eine Stiftung, um anderen Betroffenen zu helfen. Sie engagiert sich für die Erforschung psychischer Erkrankungen in den Bereichen Depression und affektive Störungen. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Zusammenhang zwischen Depression und Kopfschmerz. Durch Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit setzt sie sich zudem für die Enttabuisierung dieser weit verbreiteten Krankheiten ein. Infos: www.selofoundation.ch

PDF des Artikels: Kein Grund zur Scham

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.