Panik statt Mutterglück

Sie sollte eigentlich rundum glücklich sein. Doch jede siebte Mutter erleidet nach der Geburt ihres Kindes eine postnatale Depression. Dauert das Stimmungstief länger als zwei Wochen, ist fachliche Hilfe angesagt.

Monatelang lebte Julia C. (36) in einem permanten Hoch und fühlte sich körperlich so beschwingt wie selten zuvor in ihrem Leben. Endlich wuchs in ihr das Wunschkind, nach dem sie sich so gesehnt hatte. Die Schwangerschaft verlief problemlos und obwohl die Geburt 17 schmerzhafte Stunden dauerte, waren sämtliche Strapazen im Nu vergessen, als Julia ihren Sohn endlich in den Armen hielt. „Von ersten Augenblick an genoss ich es, ihn zu stillen“, erinnert sie sich.

Das junge Mutterglück währte nicht lange und kippte – langsam und schleichend. Der kleine Bub wollte tagsüber ständig herumgetragen werden und nachts immer wieder an die Mutterbrust. Die Mütterberaterin meinte, dies sei typisch für besonders aufgeweckte, intelligente Babys. Diese Aussage war wenig hilfreich: Julia schlief nachts oft nur noch ein bis zwei Stunden, war erschöpft und fühlte sich völlig unverstanden. Als eine Kollegin meinte, sie leide möglicherweise an einer Depression und brauche Hilfe, wurde Julia wütend. Wie konnte man ihr, einer bisher erfolgreichen Berufsfrau, nur sowas unterstellen?

„Insgeheim litt ich aber zunehmend an akuten Ängsten. Selbst das Einkaufen im Supermarkt nebenan löste Panikattacken aus“, so Julia. „Ich fühlte mich als völlige Versagerin“.

Eines Abends, als ihr Mann ausser Hause war, geschah dann das Unfassbare:

„Ich glaubte, die Kontrolle über mich zu verlieren und verspürte den unheimlichen ‚Zwang‘, meinen über alles geliebten, zweimonatigen Sohn aus dem Fenster zu werfen“.

In ihrer panischen Verzweiflung schaffte Julia es gerade noch, ein Taxi zu bestellen, um sich mit dem Baby umgehend in die Notfallstation des Spitals fahren zu lassen, wo sie Wochen zuvor geboren hatte.

Hier wurde sie gründlich durchgecheckt, doch keiner der Ärzte erkannte die Ursache ihrer Probleme. Im Gegenteil:

„Trotz meiner Schilderungen wurde ich für völlig gesund befunden und nach Hause geschickt“.

Kurz darauf verliess ihr Mann sie, da er ihre „Stimmungsschwankungen“ satt hatte. Julia sah keinen anderen Ausweg mehr, als sich selber in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, ihr Baby von heute auf morgen abzustillen und es vorübergehend in eine Pflegefamilie zu geben.

„Es zerreisst mir heute noch das Herz, wenn ich mich daran erinnere“.

Angst vor dem „Irrenhaus“

Die Geschichte liegt einige Zeit zurück, Julias Sohn ist mittlerweile 14 Jahre alt, völlig fit und tatsächlich sehr intelligent – wie es die Mütterberaterin vorausgesagt hatte.

„Rückblickend frage ich mich, wieso weder Ärzte noch Mütterberaterin erkannten, dass ich mitten in einer postnatalen Depression steckte. Möglicherweise lag es aber auch an mir: Die Vorstellung, ich könnte psychisch krank sein, passte nicht in mein Weltbild. Zu gross war meine Angst, als ‚Verrückte‘ abgestempelt zu werden, wenn ich zugegeben hätte, was für ein Chaos an irrationalen Ängsten in meinem Inneren tobte. Ich gab mir deshalb grosse Mühe, möglichst gut zu funktionieren.“

Julia wusste damals nicht, dass Wochenbettdepressionen jede frisch gebackene Mutter treffen können und dass sie kein Einzelfall ist. Gemäss Experten fallen 10 bis 15 Prozent der Frauen nach einer Geburt in dieses tiefe Loch. Die genauen Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Nebst gewaltigen Hormonveränderungen gelten auch psychische und soziale Faktoren als Auslöser. Fest steht: Dauern die Symptome länger als 14 Tage, ist schnelle fachliche Hilfe angesagt. Die Fassade einer glücklichen Mutter aufrecht erhalten zu wollen, verschlimmert alles nur noch mehr.

Heute gibt es in der Schweiz Kliniken mit speziellen Mutter-Kind-Stationen, in denen Mütter mit postnatalen Depressionen gemeinsam mit ihrem Säugling oder Kleinkind in liebevoller Atmosphäre aufgenommen werden. Die grauenhafte Trennung von Mutter und Baby, wie Julia sie erlebt hat, ist nicht mehr nötig.

So zeigt sich die postnatale Depression

Wochenbettdepressionen sind häufig: In der Schweiz erleiden jährlich 8‘000 bis 12‘000 Frauen eine postnatale Depression – innerhalb von einem bis zwölf Monate nach der Entbindung. Die Symptome entwickeln sich meist schleichend:

  • Erschöpfung
  • Antriebslosigkeit, Leere
  • Stimmungsschwankungen, Hoffnungslosigkeit, häufiges Weinen
  • Schuldgefühle
  • Verlust des Selbstvertrauens
  • Schlafstörungen
  • Appetitmangel
  • Konzentrationsprobleme
  • Ängste, Panikattacken
  • Zwangsgedanken
  • Sozialer Rückzug
  • Zwiespältige Gefühle dem Kind gegenüber
  • Selbstmordgedanken
Kompetente Hilfe

Ausführliche Infos bietet der „Verein Postnatale Depression Schweiz“ auf seiner Website: www.postnatale-depression.ch

Hier findet man auch eine Liste von Fachleuten, die auf postnatale Depression spezialisiert sind, sowie die Adressen der Kliniken, die über Mutter-Kind-Plätze verfügen.

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.