Uralte Übungen für moderne Menschen

Was vor 3500 Jahren asketischen Männern in Indien vorbehalten war, ist weltweit zum Trendsport avanciert: Yoga. Keine Bewegungsform hat in den vergangenen 20 Jahren derart an an Beliebtheit zugelegt wie die Körper- und Atemübungen, die ursprünglich der spirituellen Erleuchtung dienten.

Die Yoga-Welle rollt um den Erdball und erfasst immer mehr Menschen. Täglich schiessen neue Yoga-Studios aus dem Boden – auch in der Schweiz. Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. Was aber macht Yoga so speziell?

Ein Blick zurück

Im antiken Indien war Yoga vorerst ein rein spiritueller Weg. Mit Meditation, Atemübungen und einem an geistigen Werten orientierten Lebensstil versuchten asketische Männer ihre Begierden zu zügeln, um die Erleuchtung zu erlangen.
Die zahlreichen Körperübungen (Asanas) kamen später dazu. Ihr vorrangiges Ziel war, den Körper zu kräftigen, um möglichst lange beschwerdefrei im Meditationssitz zu verharren. Als man erkannte, dass die körperliche Betätigung das gesamte Wohlbefinden steigert, bekamen die Asanas einen immer höheren Stellenwert. Daraus entstand das sogenannte Hatha Yoga, das in unserem westlichen Kulturkreis als klassisches Yoga gilt.
Als grösster Förderer von Yoga in Europa gilt Selvarajan Yesudian, Sohn eines indischen Arzt-Ehepaares, der als Kind oft krank war und an Muskelschwund litt. Zusammen mit der ungarischen Künstlerin Elisabeth Haich, Autorin des mystischen Kultromans „Einweihung“, eröffnete er 1948 in Zürich die erste Yogaschule der Schweiz. Sie blieb bis in die achtziger Jahre die bedeutendste Yogaschule in unserem Land.

Yoga erobert alle Lebensbereiche

Im Westen wandelte sich Yoga von einem spirituellen zu einem gesundheits- und fitnessorientierten Weg. Die Körperübungen wurden in den vergangenen 20 bis 30 Jahren von diversen Yoga-Lehrerinnen und -Lehrern laufend weiter verfeinert. Im Zuge des Wellness-Trends kreierten sie „neue“ Yoga-Arten, die auf die Bedürfnisse und Wünsche der modernen Welt zugeschnitten sind.
Mittlerweile gibt es Yogaformen für jeden Lebensabschnitt (von Kinderyoga über Schwangerschaftsyoga bis Seniorenyoga), für spezielle Bedürfnisse (Yoga für Blinde, Yoga für Kinder mit Trisomie 21 oder Hormonyoga in den Wechseljahren) und für jeden Geschmack (Yoga für Umweltbewusste, Yoga für Nudisten oder Yoga für Skifahrer).
Ob Sonnengruss, Kamel oder Baum: Die uralten Körperübungen locken immer mehr Menschen auf die Yoga-Matte, um Alltagsstress abzubauen und den Körper sanft und ganzheitlich zu kräftigen. In der Schweiz praktizieren derzeit Hunderttausende regelmässig Yoga – vom Rentner mit Rückenschmerzen über die erschöpfte Managerin bis zu bewegungsfreudigen Lehrlingen und Studierenden.

Sieben erfahrene Yoga-Lehrerinnen erklären, wie ihre Lektionen wirken:

Senioren-Yoga: im Alter beweglich bleiben

Silvia Fuchs-Mani (57), Thun, praktiziert seit 20 Jahren Yoga. Sie unterrichtet Senioren-Yoga seit 15 Jahren und erlebt die Lebensweisheit von Senioren als grosse Bereicherung. Ihre älteste Kursteilnehmerin ist 90 Jahre alt. Weitere Infos: www.stillerraum.ch

Senioren-Yoga ist eine körper- und gelenkschonende Methode, die sich eigentlich kaum vom klassischen Hatha-Yoga unterscheidet. Sie richtet sich an Männer und Frauen ab 60. Die Übungen sind langsamer, weniger anstrengend und nehmen immer Rücksicht auf körperliche Beschwerden – wie Schulterprobleme oder künstliche Hüftgelenke. Ich arbeite in meinen Kursen viel mit Hilfsmitteln wie Kissen oder Gurten. Es gibt immer die Möglichkeit, auf einem Stuhl statt auf dem Boden zu sitzen.
Die Übungen bewirken eine grosse Beweglichkeit bis ins hohe Alter und einen kraftvollen Körper, so dass man beispielsweise noch lange ohne Hilfe vom Boden aufstehen kann. Dies wiederum fördert die Selbständigkeit – im Alter ein wichtiges Thema. Immer wieder erzählen mir Kursteilnehmende, dass ihre Ärzte erstaunt seien über ihre grosse Beweglichkeit.
Wichtig sind mir auch Atem- und Entspannungsübungen, so dass Stille entsteht und sich der Blick nach innen richtet. Gerade im Alter, wo der Körper abbaut, entsteht oftmals eine tiefe innere Freude über das Üben und die Fortschritte.»

Vinyasa-Yoga: kreativ und dynamisch abheben

Maira Bliggenstorfer (36), Lausanne, praktiziert seit 10 Jahren Yoga. Stetig in Bewegung zu sein und Neues auszuprobieren, entspricht ihrem kreativen Charakter. Weitere Infos: www.coloresens.ch

Vinyasa ist ein bewegungsfreudiges Yoga. Die verschiedenen Stellungen (Asanas) gehen fliessend ineinander über. Sie werden manchmal länger gehalten, manchmal verweilt man nur einige Sekunden darin. Es ist wie ein kreativer Tanz, der Übende kann seine Sequenzen selber aufbauen, wie eine Choreografie.
Vinyasa Yoga eignet sich für alle, die keine besonderen körperlichen Probleme haben, spricht aber vor allem jüngere Leute an. Auch bekannte Persönlichkeiten wie Madonna, Sarah Jessica Parker, Drew Barrymore und Christie Turlington pflegen diesen dynamischen Yoga-Stil. Besonders profitieren können Menschen mit schwacher Muskulatur und tiefem Blutdruck, auch wenn diese Yoga-Form anfangs eine Herausforderung ist.
Vinyasa Yoga ist ein Ganzkörpertraining, das Energie schenkt und das Herz-Kreislauf-System stimuliert. Durch das Schwitzen werden zudem Giftstoffe eliminiert.»

Yoga Nidra – erholsamer als Schlaf

Michèle Mombelli (44), Biberist, praktiziert seit 15 Jahren Yoga. Es freut sie, dass die wohltuende Entspannung des Yoga Nidra bei ihren Kurs-Teilnehmenden mehrere Tage lang anhält. Weitere Infos: www.yoga-raum.eu

Yoga Nidra ist eine Tiefenentspannung und wird auch „Schlaf der Yogis“ genannt. Bei der sanften und zugleich sehr wirkungsvollen Technik legt man sich – warm zugedeckt – auf den Rücken, schliesst die Augen und hört der Stimme der Kursleiterin, des Kursleiters zu. Während rund 45 Minuten werden zuerst körperliche, dann Gefühls- und Gedankenverspannungen gelöst. Das bringt Körper und Geist wieder in Harmonie. Yoga Nidra wirkt viel tiefer und ganzheitlicher als unser Schlaf, bei dem wir nicht immer ganz entspannen und uns richtig erholen können. Eine Yoga Nidra-Lektion entspricht etwa 4 Stunden unbewussten Schlafs. Es spielt keine Rolle, ob wir gerade voll im Arbeits- und Familienleben stecken oder bereits in Pension sind. Wir können uns top-fit fühlen, gestresst und ausgelaugt, in Prüfungen stecken oder ein Zappelphillip sein: Yoga Nidra hilft in allen Lebens-Phasen und allen Menschen auf gleiche Weise.
Als Anfänger ist es ganz natürlich und normal, dass man während der Lektion einschläft. Dies ist nicht weiter schlimm, da die Übungen genauso im Unterbewusstsein wirken.»

Hormonyoga – revitalisierend für Frauen UND Männer

Isabella Zumbühl (53), Meggen bei Luzern, praktiziert seit 23 Jahren Yoga. Von ihren verjüngenden Hormonyoga-Kursen profitieren Frauen und Männer ab dem 38. Lebensjahr bis ins hohe Alter. Weitere Infos: www.hormonyoga.ch

Hormonyoga ist ein Programm mit zwanzig Übungen aus verschiedenen Yogarichtungen, welche die Hormonproduktion natürlich anregen. Entwickelt wurde die Methode von der brasilianischen Yogalehrerin Dinah Rodrigues. Vorerst waren die Übungen speziell für Frauen vor, während und nach den Wechseljahren bestimmt. In dieser Lebensphase ist der Hormonspiegel meist zu tief und viele Frauen leiden unter Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gefühlsschwankungen, Kopfschmerzen usw.
Die Übungen werden von einer besonderen Atemtechnik begleitet, der sogenannten Blasebalg- oder Bhastrika-Atmung. Dadurch wird die eigene Energie aktiviert und gezielt in die hormonproduzierenden Drüsen gelenkt. Bei regelmässiger Praxis fühlen sich die Frauen schon nach kurzer Zeit energievoller, die Beschwerden werden weniger oder lösen sich gar vollständig auf.
Inzwischen gibt es auch eine Hormonyoga-Therapie speziell für den Mann. Seine Testosteronproduktion verringert sich ab dem 40. Altersjahr, oft sogar noch früher. Die dynamischen Körperübungen regen die Produktion der männlichen Hormone an, steigern Wohlbefinden, Vitalität und Beweglichkeit. Reifere Männer können dank Hormonyoga wieder eine verbesserte Erektion erlangen.»

Jivamukti Yoga – für umweltbewusste Trendsetter

Angela Croce (51), Zürich, praktiziert seit 9 Jahren Yoga. Das locker-moderne Jivamukti Yoga hat sie von einer längeren Angsterkrankung befreit und ihre Stressresistenz wie auch ihre Lebensfreude deutlich gesteigert. Weitere Infos: www.yogaforlife.ch

Jivamukti Yoga wurde 1984 in New York vom Yogalehrer-Paar Sharon Gannon und David Life entwickelt. Zu ihren engen Freunden zählt der Musiker Sting und auch Uma Thurman praktiziert regelmässig in ihrem Yoga Zentrum.
Bei dieser physisch und intellektuell herausfordernden Yoga-Form zu anregenden Musikklängen (von Mantren über Beatles bis zu Moby) geht es nicht nur um fliessende Körpersequenzen, Atemübungen (Pranayama), Meditation, Sanskrit Chanting und Tiefenentspannung. Ebenso wichtig sind yoga-philosophische Unterweisungen, denn oberstes Ziel ist die Befreiung der Seele in diesem Leben.
Jivamukti ist eine Lebenshaltung (in Englisch „Spiritual Activism“ genannt), die sich für eine bessere Welt, Gewaltlosigkeit sowie Respekt für Menschen, Tiere und Mutter Erde engagiert. Die Jivamukti-Lehre empfiehlt die vegane Ernährung, um Tiere vor Ausbeutung und Schlachtung zu schützen. Mit meiner italienischen Identität dachte ich, dass ich da nicht mitmache. Mittlerweile bin ich glückliche Veganerin und fühle mich viel leichter mit rein pflanzlicher Ernährung.
Jivamukti Yoga harmonisiert, regeneriert und entspannt die körperliche, emotionale, mentale und energetische Ebene des Menschen. Eine meiner Kursteilnehmerinnen – eine Richterin, die viel am Schreibtisch arbeitet – hat im Sommer eine Yoga-Pause eingelegt. Soeben hat sie mir erzählt, sie schlafe besser und habe keine Rückenschmerzen mehr, seit sie wieder in die Yogastunden kommt.»

Yoga für Kinder mit besonderen Bedürfnissen

Tamara Pabst (47), Winterthur, praktiziert seit 6 Jahren Yoga. Die Geburt ihres Sohnes Rishi, mit Trisomie 21, hat die Psychologin dazu bewegt, nach Aktivitäten zu suchen, die ihn stärken und ihm gleichzeitig Freude bereiten. Weitere Infos: www.om-for-kids.com

‚Yoga for the special child‘ ist hierzulande noch wenig bekannt, im Gegensatz zu Amerika, wo diese spezielle Yoga-Form weit verbreitet ist. Die Yogaübungen sind so angepasst, dass auch Kinder im Rollstuhl, mit leichten Lähmungen, autistische oder in der Wahrnehmung eingeschränkte Kinder sie einfach und mit Freude ausführen können. Entwickelt wurde ‚Yoga for the special child“ vor 25 Jahren von Sonia Sumar, für ihre Tochter mit Trisomie 21.
Kinder mit speziellen Bedürfnissen zeigen oft eine verzögerte motorische Entwicklung. Je nach Bewegungsübung werden der Muskeltonus, das Gleichgewicht oder die Stabilität trainiert. Bei verkrampften Gliedern setze ich sanfte Bewegungen zur Lockerung ein, zum Teil unterstützt von kleinen Massagesequenzen. So werden Bewegungskoordination und Körperwahrnehmung angeregt. Verbessern sich die motorischen Fähigkeiten, nehmen die Kinder ihren Körper und den Raum besser wahr. Dies festigt ihr Vertrauen in sich.
Durch Spiele, die auf den Atem fokussieren, wird die Sauerstoffzufuhr zu den Muskeln und zum Gehirn erhöht. Dies kann sich in besserem Lernverhalten, grösserer Konzentrationsfähigkeit und besserer Stimmbildung ausdrücken.
Im ‚Yoga for the special child‘ ist das Kind in einer bejahenden und geschützten Gruppenatmosphäre aufgehoben, in der nicht Leistung sondern Anerkennung der eigenen Möglichkeiten im Mittelpunkt steht.»

Schwangerschaftsyoga – sanfte Vorbereitung auf die Geburt

Daniela von Arx (49), Bern, praktiziert seit 30 Jahren Yoga. Nebst Schwangerschaftsyoga bietet sie auch Rückbildungsyoga nach der Geburt an – zusammen mit dem Baby. Weitere Infos: www.yogakaya.ch

Die Schwangerschaft ist eine wichtige Zeit für die Mutter und das Kind. Ob die Mutter während der Schwangerschaft gestresst oder entspannt, traurig oder glücklich ist, hinterlässt auch Spuren beim Kind. Schwangere Frauen brauchen deshalb Unterstützung.
Schwangerschaftsyoga hilft als Form der Selbstfürsorge. Es fördert das Wohlbefinden der werdenden Mutter und bereitet mit Yogaübungen in natürlichen Geburtspositionen auf eine aktive Geburt vor. Im Zentrum steht die Kunst der tiefen Entspannung. Durch bewusste Wahrnehmung des Körpers und der Atembewegung werden Spannungen gelöst, der Atem fliesst frei und kräftig. Mentale Übungen bauen eine innere Ruhe und Kraft auf. Die Körperübungen stärken zudem die aufrichtende Muskulatur.
Schwangerschaftsyoga eignet sich für alle schwangeren Frauen ab der 13. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.»

So fördert Yoga die Gesundheit

Modernes Yoga fördert das eigene Wohlbefinden und die Vitalität umfassend. Wer mindestens einmal pro Woche übt, betreibt ein Ganzkörpertraining, das u.a. folgende Gesundheitsvorteile schenkt:

  • stärkere Muskeln, mehr Kraft: Yoga sorgt für einen durchtrainierten, elastischen Körper und stimuliert auch die Tiefenmuskulatur. Die Übungen steigern zudem die Ausdauer und die Koordination.
  • Stressabbau: die Übungen machen ausgeglichener, fördern die innere Ruhe und stabilisieren das vegetative Nervensystem. Bereits eine einstündige Lektion kann den Spiegel des Stresshormons Cortisol im Körper signifikant sinken lassen. Ausgleichend wirkt Yoga auch bei Schlaflosigkeit, Stimmungsschwankungen und Depression.
  • Schmerzlinderung: Bei Rückenschmerzen fördern Yoga-Übungen die Beweglichkeit und lindern die Beschwerden. Dies haben u.a. zwei wissenschaftliche Studien aus den USA belegt.
  • Entzündungsprozesse eindämmen: Mediziner der Ohio State Universität haben nachgewiesen, dass regelmässiges Yoga die Konzentration entzündungsfördernder Proteine im Blut senkt. Damit lassen sich Risiken für Herzerkrankungen, Diabetes und andere altersbedingte Erkrankungen senken.
  • Ausserdem: Yoga hält die Verdauung in Schwung, stärkt die Flexibilität der Wirbelsäule, steigert die Konzentration, verbessert die Atmung und erhöht die Lebensfreude und das Wohlbefinden.

Weitere Informationen:

Yoga-Kurse werden in jeder Stadt wie auch in zahlreichen Dörfern angeboten. Qualifizierte Yoga-Lehrer Ihrer Region finden Sie über die Website der beiden führenden Yoga-Verbände der Schweiz:

Erschienen in: astreaAPOTHEKE. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.

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