Nicht nur die Behinderung sehen

Ein Down-Syndrom gilt als schwere, kostspielige Behinderung. Schwangere, die ein Kind mit Trisomie 21 erwarten, dürfen deshalb legal abtreiben. Für Tamara Pabst, selbst Mutter eines Down-Syndrom-Kindes, steht fest: „Diese Kinder werden unterschätzt, sie sind eine wahre Bereicherung!“

Die Psychologin Tamara Pabst (47) ahnte nicht, dass sie unter ihrem Herzen ein Kind mit Down-Syndrom trug, als sie ihr drittes Kind erwartete. Keine der Ultraschall-Untersuchungen hatten darauf hingedeutet. Auf eine invasive Fruchtwassserpunktion hatte sie bewusst verzichtet. „Während der Schwangerschaft hatte ich wunderschöne Träume. Deswegen dachte ich, dass es ein besonderes Kind werden würde“. Tamara Pabst nahm an, dass sie ein hochbegabtes Kind oder ein Musiktalent zur Welt bringen würde. Als ihr der Arzt nach der Geburt von Rishi (heute 5) mitteilte, ihr Sohn habe das Down-Syndrom, zweifelte sie an sich. Nicht etwa, weil ihr Neugeborenes behindert war, sondern weil sie sich unter einem „speziellen Kind“ etwas anderes vorgestellt hatte.
Heute steht fest: Rishi ist tatsächlich ein spezielles Kind. Mit seiner Wesensart hat er Papa, Mama und seine beiden Geschwister verzaubert. Die bereichernden Erfahrungen haben die Psychologin veranlasst, in Winterthur ein Zentrum für Kinder mit besonderen Bedürfnissen zu eröffnen. Die GlücksPost unterhielt sich mit der Expertin.

Was raten Sie einer Schwangeren, die erfährt, dass ihr Kind womöglich ein Down-Syndrom hat?

Tamara Pabst: Ich kann nur von meiner persönlichen Erfahrung sprechen. Ich habe es wirklich nie bereut, ein Kind mit Down-Syndrom geboren zu haben, auch wenn der Alltag unbestrittenermassen anstrengender geworden ist. Das Plus an menschlichen Werten, das diese Kinder mitbringen, lässt sich durch nichts aufwiegen.

Was meinen Sie damit?

Down-Syndrom-Kinder rücken einfache menschliche Werte wie Fürsorge, Unterstützung und Präsenz ins Zentrum des Lebens. Darüber hinaus sind sie meist liebevoll und bringen viel Wärme. Rishi hat unsere Familie zusammengeschweisst. Er geht mit einer fröhlichen Liebenswürdigkeit auf die Menschen zu, so dass ihm die Herzen überall nur zufliegen.

Liegt das nicht einfach an seiner Behinderung?

Nein. Es liegt an seiner Wesensart. Er weiss noch nicht, dass er anders ist. Ganz einfach und direkt geht er auf alle zu und lädt sie ein, sich Zeit zum Spielen, Lachen und für den Austausch zu nehmen. Er ist unverfälscht, immer sich selbst und berührt so alle Herzen. Die Mädchen im Kindergarten reissen sich um ihn, kommen zu uns nach Hause, um mit ihm zu spielen.

Dennoch: Kinder mit Down-Syndrom leiden in der Regel an zahlreichen Gesundheitsproblemen…

Auch bei Rishi wurden Herzfehler und Schilddrüsenprobleme festgestellt. Ich glaube, es ist wichtig, sich nicht von Diagnosen und Prognosen erschrecken zu lassen. Stattdessen habe ich von Anfang nach Wegen gesucht, Rishi nicht nur als medizinischen Krankheitsfall zu sehen, sondern als Kind, das ich mit verschiedenen Mitteln ganzheitlich und liebevoll fördern will. Parallel zur Schulmedizin habe ich auf Naturheiler, Homöopathie sowie Craniosacral- und Musiktherapie gesetzt. Später kam noch Yoga dazu. Fest steht: die Löcher in seinem Herzen sind zugewachsen, ohne dass eine Operation nötig war. Und seine Schilddrüsenwerte normalisierten sich ohne Zugabe von Medikamenten.

Was schliessen Sie daraus?

Bei einem behinderten Kind wird man oft dazu verleitet, nur die Behinderung zu sehen. Es ist mir ein Anliegen, dass „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ nicht nur als Patienten gesehen werden, die Unterstützung benötigen, sondern als einzigartige Individuen, die ihre ganz eigene Art haben, zu wachsen und sich zu entwickeln. Mit ihrem Leben und ihrem Wesen tragen sie Werte in unsere Gesellschaft hinein, auf die wir als Gemeinschaft nicht verzichten können.

Welche Rolle spielt das Zentrum, das Sie eröffnet haben?

Das Zentrum soll zu einer Plattform werden, die sichtbar macht, wie viel Können in Menschen mit einer Behinderung steckt, beispielsweise mit Ausstellungen von behinderten Künstlern oder mit Anlässen, die Begegnungen zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten fördern. Gleichzeitig bieten wir Kindern mit Down Syndrom, ADHS, cerebralen Bewegungsstörungen oder Lernschwierigkeiten einen geschützten Raum an, in dem sie sich unbeschwert und freudevoll ausdrücken können – sei es mit Yoga, Musik oder Malerei. Es geht hier nicht um richtig oder falsch, sondern darum, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen in ihrer Einzigartigkeit wahr- und ernstgenommen werden. In Indien, wo mein Mann herkommt, sagt man von Down-Syndrom-Kindern: „Sie stehen Gott besonders nahe“.

Zentrum „om for kids“ in Winterthur

Tamara Pabst bietet gemeinsam mit weiteren Therapeutinnen Folgendes an:

  • Yoga für Kinder mit und ohne besonderen Bedürfnisse
  • Musiktherapie
  • Kunsttherapie und freies Malen
  • Beratung für Eltern und Angehörige

Weitere Infos: Tel. 079 753 38 86 oder http://www.om-for-kids.com

Was ist ein Down-Syndrom?

Menschen mit Down-Syndrom haben infolge einer Chromosomen-Veränderung 47 statt 46 Chromosomen. Das Chromosom 21 ist drei- statt zweimal vorhanden. Deshalb wird die Krankheit auch Trisomie 21 genannt. Vereinfacht gesagt bewirkt diese Anomalie eine Verlangsamung in der Entwicklung – sowohl auf intellektueller Ebene als auf körperlicher Ebene. Down-Syndrom-Kinder lernen viel später zu gehen und zu sprechen als andere Kinder. Rund die Hälfte leidet an einem Herzfehler, typisch sind auch Atembeschwerden im ersten Lebensjahr, ein tiefer Muskeltonus sowie Schilddrüsenprobleme.

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy.