Das Heilwissen vom Dach der Welt

TibeetDie Traditionelle Tibetische Medizin zählt zu den ältesten Heilsystemen der Welt. Obwohl sie hierzulande noch wenig bekannt ist, steht fest: Bei chronischen Erkrankungen ist sie eine ernstzunehmende Ergänzung zur westlichen Schulmedizin – sei es bei Durchblutungsstörungen, Verdauungsproblemen oder Burnout.

Um es gleich vorwegzunehmen: Mit unserer westlichen Sichtweise von Gesundheit ist es nicht ganz einfach, den holistischen Heilansatz der Traditionellen Tibetischen Medizin (TTM) zu verstehen. Vereinfacht gesagt gilt: Gemäss TTM wird jeder Mensch mit einer sogenannten Grundkonstitution geboren, die aus 3 Körpersäften besteht: Wind (rLung), Galle (Tripa) und Schleim (Beken). Der Anteil der einzelnen Körpersäfte ist bei jedem Menschen individuell. Bei manchen Personen herrscht die bewegende rLung-Energie vor, die vor allem das vegetative Nervensystem, die Psyche, Herz, Lunge, Dünn- und Dickdarm tangiert. Steht die hitzige Tripa-Energie im Vordergrund, spielen Verdauung, Infektionen, Körperwärme, Stoffwechsel wie auch Entschlusskraft und Selbstvertrauen eine wichtige Rolle. Dominiert das kalte Beken-Element geht es bei der Gesundheit um Themen wie Knochen, Gelenkprobleme, Schilddrüse, Schlaf, emotionales Gleichgewicht oder Toleranz. Gesund ist, wer nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und geistig in Einklang ist mit seiner angeborenen Grundkonstitution.
Krank wird, wessen Körpersäfte durch unpassende Ernährung, falsche Lebensweise oder vergiftende Gedanken aus dem Gleichgewicht geraten. Die tibetische Medizin unterscheidet sehr fein und kennt 84‘000 Krankheitsbilder!

Was bringt TTM westlichen Menschen?

Dönkie_EmchiWeltweit gibt es rund 2‘000 akademisch gebildete Ärztinnen und Ärzte der Traditionellen Tibetischen Medizin. Eine von ihnen ist Dr. tib. med. Dönkie Emchi, die in Zürich und Schaffhausen praktiziert (www.tibetmedizin.org). 1960 flüchtete sie mit ihrer Familie aus Tibet nach Indien. 1969 zog die Familie weiter, ins Schweizer Tösstal. Ihre 6-jährige Ausbildung zur Ärztin absolvierte Emchi in Lhasa (Tibet) an der Hochschule für Traditionelle Tibetische Medizin. astreaAPOTHEKE wollte von ihr wissen, was uns die Medizin vom Dach der Welt bringt.

TTM behandelt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Was heisst das genau?

Dönkie Emchi: Die tibetische Medizin betrachtet einerseits die physische Ebene. Hier geht es um Ernährung, Stoffwechselprobleme, Bewegung oder zu viel Schleim. Genauso wichtig ist aber auch die Geisteshaltung eines Menschen. Jeder Mensch hat gewisse Erwartungshaltungen – an andere Menschen, ans Leben usw. Ist diese Erwartung übertrieben, entsteht zwangsläufig Enttäuschung. Um ein Beispiel zu nennen: Ich erwarte von meinem Partner, der beruflich voll eingespannt ist, dass er mehr Zeit mit mir verbringt. Verhält er sich nicht so, habe ich das Gefühl, er ignoriere mich. Das löst eine Kettenreaktion von Enttäuschung über Ärger bis zu Hass aus. Das eigentliche Problem ist aber: ich ignoriere die realen Zustände. Mein Partner hat schlichtweg nicht mehr Zeit für mich. Auch wenn er mich liebt, braucht er abends beispielsweise noch Zeit für sich zum Joggen, um fit zu bleiben.
Aus Sicht der TTM können Ignoranz, Gier und Hass – die sogenannten drei Geistesgifte – krank machen.

Beziehen Sie die geistige Komponente auch bei westlichen Patienten ein?

Auf jeden Fall. Vor allem bei seelischen Problemen spielen die Geistesgifte eine wichtige Rolle. Selbstverständlich gilt das nicht für jeden Patienten. Bei manchen Menschen stehen Verdauungsprobleme, Durchblutungsstörungen oder ein übermässige Verschleimung im Vordergrund.

Wie untersuchen Sie eine Person, die erstmals zu Ihnen kommt?

Ich halte mich an die klassische Reihenfolge der tibetischen Medizin. Erste Informationen liefert der erste optische Eindruck, wenn der Patient in die Praxis hineinkommt. Meistens lässt sich seine Grundkonstitution bereits erkennen. Beim Anamnese-Gespräch gehe ich bis in die Kindheit zurück, frage nach Operationen, wichtigen Geschehnissen usw. Dann folgt die Pulsdiagnose, um den aktuellen Zustand des Körpers zu messen bzw. zu eruieren, was zur Krankheit geführt hat. Eine weitere Untersuchungsmethode ist die optische Urindiagnose.

Wie ist es möglich, über den Puls eine Krankheit festzustellen?

Behauptet jemand aufgrund einer Pulsdiagnose, einen bösartigen Tumor zu erkennen, würde ich dies nicht gleich für bare Münze nehmen. Dies „nur“ an Hand eines Pulses zu diagnostizieren ist sehr schwierig. Es braucht jahrelange Erfahrung, um die 48 verschiedenen Basis-Pulsarten und die 368 differenzierten Pulsarten zu unterscheiden. Je älter und erfahrener ein Arzt ist, desto tiefgründiger werden seine Diagnosen. In der tibetischen Kultur wird diese Fähigkeit in Familientradition von Generation zu Generation weitergegeben. Ein guter traditioneller Arzt wird nicht nur an seinem „intellektuellen“ Wissen gemessen, sondern auch an seinem Mitgefühl gegenüber den Patienten.

Stammen Sie aus einer Ärztefamilie?

Ja, in 9. Generation. Als wir 1969 in die Schweiz kamen, war mein Vater der erste ausgebildete tibetische Arzt im deutschsprachigen Raum. Er behandelte nicht nur tibetische Flüchtlinge, auch berühmte Persönlichkeiten aus Russland suchten ihn auf. Und Karl Lutz, der Gründer der PADMA AG, holte sich oft Rat bei meinem Vater betreffend tibetischer Rezepturen.

Für wen ist die tibetische Medizin geeignet?

TTM ist eine gute Ergänzung zur Schulmedizin. Ihre Stärke liegt in der Behandlung von chronischen Krankheiten. Im akuten Bereich ist die Schulmedizin besser. Hilfreich ist TTM auch bei subtilen Krankheiten, die sich mit schulmedizinischen Methoden und Apparaten nicht messen lassen – wie beispielsweise eine atypische Herzkrankheit. Gemäss EKG ist alles in Ordnung, dennoch leidet der Patient an Ängsten und Schmerzen, die oft fälschlicherweise als Simulation dargestellt werden.
Zentrale Themen in meiner Praxis sind zudem Burnout, Verdauungsprobleme, Schlafstörungen oder Beziehungskonflikte.

Wie sieht die Therapie aus?

In der TTM beginnt man klassischerweise mit der sanftesten Medizin und das ist die Ernährung. Es geht aber nicht nur um sogenannt gesunde und ungesunde Lebensmittel wie in der Schulmedizin. Sicher ist es ein Plus, wenn man vitaminreich und viele Gemüse isst. Wichtiger ist, welche Grundkonstitution ich habe, wie ich die Nahrung zu mir nehme (mental oder von der Kochweise her), wann ich gewisse Lebensmittel esse und welche Zutaten ich kombiniere.
Gewisse Lebensmittel vertragen sich von Natur aus nicht. Gemeinsam genossen verschlechtern sie die Darmaufnahme.

Zum Beispiel?

In der Schweiz ist Müesli mit Früchten sehr beliebt. Aus TTM-Sicht ist das kein gutes Gericht. Man kann die einzelnen Zutaten über den Tag verteilt wohl essen, aber nicht gleichzeitig. Die Lösung liegt in der Einfachheit, in der schlichten Zubereitung, indem man nicht alles zusammen mischt. In der TTM geht es nicht nur um die Inhaltsstoffe der Nahrung, sondern darum, ob der Mensch die zugeführte Nahrung gut verdauen kann oder nicht.

Was kommt nach der Ernährungsberatung?

Liegt ein seelisches Problem vor, helfen Gespräche, Klarheit zu finden. Es geht um die Geistesgifte. Hass kann beispielsweise eine Leberstauung verursachen. Es macht wenig Sinn, fettarm zu essen oder eine Leberkur zu machen, wenn das Hass-Thema nicht mitbehandelt wird.

Und was ist mit Kräuterpillen?

Die kommen ergänzend dazu, um dem Körpersystem die Impulse zu geben, die zur Gesundung fehlen – um das Gleichgewicht der Körpersäfte wiederherzustellen. Weitere Massnahmen sind Massagen, Schröpfen oder Bäder, je nach Patient. Das Therapie-Angebot der TTM dient auch der Prävention: Tibeter suchen den Arzt auch vorsorglich auf, nicht erst wenn sie krank sind. Menschen im Westen hingegen warten oft zu lange, bis sie Hilfe holen.

Von Tibet in die Schweiz

Die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) entstand vor über 1000 Jahren in Lhasa, als Ärzte und Gelehrte das Beste aus der chinesischen, ayurvedischen und persisch-griechischen Medizin zusammenführten und mit der lokalen Schamanentradition anreicherten. Die hochstehende Heilkultur fand weite Verbreitung – bis in die Mongolei und ins sibirische Burjatien. 1850 wurde der burjatische Mönch und tibetische Arzt Sul Tim Badma vom Zaren nach St. Petersburg eingeladen. Hier eröffnete Badma die erste Tibetische Apotheke und Arztpraxis des Westens. Gut 100 Jahre später gelangte seine umfangreiche Sammlung tibetischer Kräuterrezepturen über Polen in die Schweiz – zum Zürcher Pharma-Manager Karl Lutz. 1969 gründete dieser die PADMA AG, um tibetische Kräutertabletten nach westlichen pharmazeutischen Standards zu produzieren. Seine Pionierarbeit trug Früchte: Die Produkte werden mittlerweile weltweit vertrieben. Die PADMA AG ist die einzige Firma, welche westliche Arzneimittelzulassungen für Tibetische Rezepturen erhalten hat (www.padma.ch).

Tibetische Rezepturen

TTM_IngredienzenTypisch für die tibetische Medizin sind sogenannte Vielstoffgemische. Im Gegensatz zu schulmedizinischen Monopräparaten (Medikamente mit nur einer Wirksubstanz) enthalten sie zwischen 3 und 50 verschiedene pflanzliche und mineralische Ingredienzen in kleiner Dosis. Wie in einem Schachspiel gibt es sogenannte Königssubstanzen, die für die Hauptwirkung sorgen, und Nebenspieler, die ausbalancieren. Durch das ausgeklügelte Zusammenspiel der verschiedenen Ingredienzen heilen tibetische Medikamente besonders schonend und verursachen in der Regel kaum Nebenwirkungen.
Von der Wirksamkeit der uralten tibetischen Rezepturen zeugen mittlerweile moderne, wissenschaftliche Studien. Am besten erforscht ist die Rezeptur „PADMA 28“, die bei Arteriosklerose entzündungshemmend wirkt und die Durchblutung fördert.

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Erschienen in astreaAPOTHEKE. © Marie-Luce Le Febve de Vivy