Ein Gewitter im Hirn

EpilepsiePlötzliches Wegtreten oder unkontrollierte Muskelzuckungen sind typisch für epileptische Anfälle. Meistens sind sie harmloser, als sie aussehen: Verursacht werden sie durch eine vorübergehende Fehlfunktion der Nerven.

Muskelkrämpfe, Zuckungen, unkontrollierte Bewegungen, versteifte Arme und Beine, Bewusstlosigkeit, Augenverdrehungen, Bisswunden an der Zunge oder Erbrechen – und das aus heiterem Himmel: Ein grosser epileptischer Anfall wirkt auf Aussenstehende oft sehr dramatisch. Weil Betroffene während eines Anfalls „wie besessen“ wirken können, geisterte lange Zeit das Vorurteil herum, es handle sich um eine Geisteskrankheit. Das Wort „Epilepsie“, das aus dem Griechischem stammt, bedeutet so viel wie „von etwas befallen oder erfasst sein“.

Gewitter im Kopf

Mittlerweile steht wissenschaftlich längst fest, dass es sich bei den Krampfanfällen keineswegs um eine geistige Behinderung handelt, sondern vielmehr um eine Fehlfunktion der Gehirn-Nervenzellen. Epilepsie zählt zu den häufigsten chronischen Krankheiten des zentralen Nervensystems. Ein epileptischer Anfall ist eine vorübergehende Funktionsstörung im Hirn, bei der die Nervenzellen unkontrollierte, schnelle Signale abfeuern, die den Organismus durcheinander bringen – einem Gewitter gleich. Bei einem Anfall entladen sich die Neuronen bis zu 500 Mal in der Sekunde, viel schneller als die normale Rate von etwa 80 pro Sekunde. Die Abstände zwischen zwei Anfällen können zwischen Sekunden und Jahren oder sogar Jahrzehnten schwanken.

Verschiedene Ausprägungen

Epilepsie hat verschiedene Gesichter, das Krankheitsbild lässt sich nicht auf einheitliche Symptome reduzieren und ist von Mensch zu Mensch individuell geprägt. Die Medizin unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Anfallsformen, je nach dem welche Gehirnareale betroffen sind:

Fokale Epilepsie: Der Anfall entsteht an einem bestimmten Ort im Gehirn (zum Beispiel von einem Tumor oder einer Narbe aus). Bei den Anfällen, die meist nur wenige Sekunden dauern, bleibt das Bewusstsein erhalten bzw. wird nur kurz gestört. Betroffene können plötzliche, unerklärliche Gefühle, traumähnliche Zustände oder seltsame, wiederholte Verhaltensweisen wie Zwinkern, Zucken und Mundbewegungen (Automatismen) erleben. Ungefähr 60 Prozent der Patienten leiden fokaler Epilepsie.
Generalisierte Epilepsie: Hier ist das ganze Gehirn betroffen. Die Anfälle reichen von Absencen (in die Luft starren, „Petit mal“ genannt) über kurze unwillkürliche Zuckungen bei erhaltenem Bewusstsein (Myoklonie) bis zu hin zu ausgeprägten Krampfanfällen mit Bewusstlosigkeit (sogenannte „Grand mal“-Anfälle).

Wer ist betroffen?

Jeder zwanzigste Mensch erleidet in seinem Leben einen epileptischen Anfall. Doch nicht jeder, der einen oder mehreren epileptischen Anfall erleidet, hat auch eine Epilepsie. Davon gesprochen wird erst nach mindestens zwei, spontan aufgetretenen Anfällen im Abstand von mindestens 24 Stunden.
In der Schweiz sind knapp ein Prozent der Bevölkerung an Epilepsie erkrankt, das sind rund 70‘000 Personen. 15‘000 davon sind Kinder. Das Risiko für die Krankheit ist in den ersten Lebensjahren und dann erst wieder ab dem 60. Lebensjahr erhöht.
Bei einem Teil der Betroffenen treten die Anfälle ohne jede Vorwarnung wie aus heiterem Himmel auf. Bei anderen kündigen sie sich manchmal schon Tage vorher durch unterschiedliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel oder eine vermehrte Reizbarkeit an.

Ursache oft unbekannt

Trotz modernster Untersuchungsmöglichkeiten lassen sich die Ursachen einer Epilepsie nur bei etwa der Hälfte der Erkrankten eindeutig bestimmen. Häufigste Ursachen sind bei der Geburt erlittene Hirnschädigungen, Hirntumore, schwere Kopfverletzungen sowie Entzündungen des Gehirns. Im höheren Lebensalter spielen auch Schlaganfälle, Hirnblutungen und Alzheimer eine Rolle. Vererbt wird Epilepsie selten, nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle. Auch völlig gesunde Menschen können einen epileptischen Anfall erleben – etwa durch Flackerlicht, Übermüdung, Sauerstoffmangel sowie Alkohol- oder Drogenkonsum.

Antiepileptika können helfen

Ein Leben mit chronischer Epilepsie ist mit alltäglichen Einschränkungen verbunden. Autofahren und gewisse Sportarten – wie Reiten, Velofahren, Fallschirmspringen oder Schwimmen in offenen Gewässern – sind nur möglich, wenn der Betroffene über Jahre anfallsfrei gelebt hat. Zudem gibt es Berufe, die für Epileptiker tabu sind, weil die Gefahr besteht, dass sie sich selbst oder andere Personen bei einem Anfall verletzen könnten.
Die gute Nachricht ist: Mit Hilfe von täglichen Medikamenten können fast zwei Drittel der Betroffenen ein normales, anfallfreies Leben führen. Heutzutage stehen mehr als 20 Epilepsie-Arzneien zur Wahl, die individuell auf den Patienten eingestellt und dosiert werden können. Ihre Aufgabe ist es, die Erregungsbereitschaft der Hirnzellen zu stabilisieren.

Erste Hilfe

Die meisten Anfälle dauern nur einige Minuten, gehen von allein vorüber und sind nicht lebensbedrohlich. Falls Sie als aussenstehende Person einen epileptischen Anfall erlebt, können Sie so helfen:

  • Ruhe bewahren und den Kranken sanft unterstützen. Festes Halten oder Drücken hingegen kann den Krampfenden verletzen.
  • Gegenstände entfernen, mit denen sich der Betroffene verletzen könnte.
  • Auf die Uhr schauen, um die Länge des Anfalls zu protokollieren. Dauert der Anfall länger als 15 Minuten, muss sofort ein Notarzt alarmiert werden.
  • Den Betroffenen nach dem Anfall in eine stabile Seitenlage bringen und bei ihm bleiben, bis er wieder klar ansprechbar ist.
  • Fragen, ob jemand angerufen werden soll.

Weitere Informationen

Auf der Website der Schweizerischen Liga gegen Epilepsie finden sich zahlreiche Informationen sowie Publikationen, die direkt herunterladen werden können: www.epi.ch

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy