Ein gesunder Darm – der Psyche zuliebe

Darm und PsycheSeelische Probleme und Stress schlagen auf den Darm, das weiss man. Oder ist es etwa umgekehrt? Steckt hinter Stress, Angst und Depression möglicherweise eine gestörte Darmflora? Neue Studien besagen dies.

Unser fünf bis sechs Meter langer Darm vollbringt jeden Tag Höchstleistungen zum Wohl unserer Gesundheit. Fleissigste Mitarbeiter sind die Bewohner unseres Darmes – rund 400 bis 500 verschiedene Bakterienarten, die unsere sogenannte Darmflora bilden. Zu ihren Hauptaufgaben zählen die Stärkung des Immunsystems sowie die Verdauung und Aufnahme von Nährstoffen.
Im Darm tummeln sich aber nicht nur gesundheitsfördernde und neutrale Mikroorganismen, sondern auch krankmachende Keime, die sich vermehren können – je nachdem, welchen Lebensstil wir pflegen und was wir täglich essen. Gerät die sensible Darmflora aus dem Gleichgewicht und übernehmen „böse“ Bakterien die Oberhand, leiden einerseits unsere Abwehrkräfte, die uns beispielsweise vor winterlichen Erkältungen schützen sollten. Andererseits können Blähungen, Verstopfung, Durchfall, Bauchschmerzen oder Pilzerkrankungen den Alltag vergällen.

Wechselspiel in beide Richtungen

Neueste Untersuchungen zeigen nun: Eine gestörte Darmflora kann auch das seelische Wohlbefinden beeinträchtigen! Längst bekannt ist, dass Stress auf den Magen schlagen kann. Ob Termindruck bei der Arbeit, anstrengender Besuch von Verwandten oder Zoff mit dem Partner: Jeder reagiert anders. Dem einen schnürt es den Magen zu, dem anderen helfen Unmengen von Süssigkeiten, sich zu beruhigen. In beiden Fällen gilt: Verdauung und Darm leiden meistens mit.
Doch nicht nur das gestresste Gehirn im Kopf sendet Signale an den Bauch. Auch der Verdauungstrakt (Bauchhirn) sendet Signale an die Kopfzentrale, wenn das Gleichgewicht im Darm nicht mehr stimmt. Verantwortlich dafür ist die sogenannte Darm-Hirn-Achse.

Darmflora beeinflusst die Psyche

Neueste Studien deuten darauf hin, dass das Wechselspiel zwischen unserem „Kopfhirn“ und unserem „Bauchhirn“ weit komplexer ist, als bisher angenommen: Möglicherweise ist der Darm – und nicht der Kopf – Auslöser für seelische Verstimmungen, Stress, Ängste und Depressionen! Peter Holzer, Neurogastroenterologie-Professor in Graz hat herausgefunden: Unser Verdauungstrakt beeinflusst unser Gehirn und damit unsere Gemütszustände. Für ihn ist klar: „Der Darm beeinflusst unsere Emotionen und unser Verhalten viel stärker, als wir uns das haben je träumen lassen“. Gemäss Prof. Holzer könnten psychische Krankheiten wie Angststörungen und depressive Verstimmungen die Folge – und nicht die Ursache – einer gestörten Darmflora sein. Fest steht: Personen, die unter Entzündungen im Magen-Darm-Trakt oder unter einem Reizdarm leiden, sind oft von psychischen Leiden betroffen.
Noch ist das Wechselspiel zwischen Bauch und Psyche wissenschaftlich zu wenig erforscht, um die Erkenntnisse therapeutisch zu nutzen. Prof. Holzer geht aber davon aus, dass falsche Ernährung, Stress und Antibiotika die Darmflora beeinträchtigen und somit das Risiko einer psychischen Erkrankung erhöhen können. Eine Studie an 3000 australischen Teenagern zeigte beispielsweise: Wer oft Fastfood und Süssigkeiten ass, litt häufiger an depressiven Verstimmungen.

Ballaststoffe und Probiotika

Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch unklar ist, welche Rolle die Darmflora tatsächlich für das psychische Wohlbefinden spielt: Es lohnt sich jetzt schon, den Darm in Form zu halten – der Immunabwehr und der Verdauung zu liebe. Das hilft:

  • Gesunde Ernährung mit viel frischen Gemüsen und Früchten
  • Ballaststoffreiche Nahrungsmittel (Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte, Leinsamen)
  • Möglichst wenig Zucker und Weissmehl
  • Probiotische Bakterien (z.B. in Joghurts mit Bifidus-Bakterien oder „Lactobacillus acidophilus” sowie in Sauerkraut)
  • Viel Wasser trinken
  • Regelmässige Bewegung
Verdauungsfeuer im Mittelpunkt

Eine weitere Möglichkeit, die Darmflora natürlich zu regenerieren, bieten traditionelle asiatische Heilsysteme. Hier spielt das sogenannte „Verdauungsfeuer“ – unsere Verdauungskraft – seit Jahrhunderten eine zentrale Rolle für die Gesundheit. Beim indischen Ayurveda kommt unter anderem abgekochtes Wasser mit entgiftendem und verdauungsförderndem Ingwer zum Einsatz, um die Darmflora zu stärken.
Die tibetische Medizin TTM setzt auf die pflanzliche Vielstoff-Formel „Se’bru 5“, die seit über 1000 Jahren überliefert ist. Die Mischung aus Galgant, Granatapfelsamen, Kardamon, langem Pfeffer und Zimtkassia fördert nicht nur die Verdauung. Eine Studie am Kantonsspital Liestal hat gezeigt: Das pflanzliche Arzneimittel kann auch das psychische Wohlbefinden anheben.
Die chinesische Medizin TCM ihrerseits unterscheidet zwischen Nahrungsmittel, die heisse, neutrale oder kalte Energie liefern. Um das Verdauungsfeuer gesund lodern zu lassen, gilt es – je nach persönlicher Konstitution und Jahreszeit – die richtigen Speisen zu verzehren, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Erschienen in: GlücksPost. ©  Marie-Luce Le Febve de Vivy