Wenn es die Jüngsten trifft

© Frantab - Fotolia.com

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Erschreckend: In der Schweiz erkranken jedes Jahr rund 220 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren neu an Krebs. Die gute Nachricht ist: Die Heilchancen sind in diesem Alter besonders hoch.

Die Diagnose Krebs verändert das Leben von einer Sekunde auf die andere. Der Schock sitzt immer tief. Noch tiefer sitzt er aber, wenn ein (Klein-)Kind, das noch das ganze Leben vor sich hat, an einem bösartigen Tumor erkrankt.

Felix_Niggli_webWir haben bei Prof. Dr. Felix Niggli (Bild), Abteilungsleiter Kinderonkologie am Kinderspital Zürich, nachgefragt, weshalb Kinder überhaupt an Krebs erkranken und wie ihre Heilchancen aussehen.

Kinder rauchen nicht und „bräteln“ auch nicht stundenlang an der Sonne. Es gibt kaum äussere Faktoren, die einen Krebs begünstigen könnten. Was ist es dann?

Prof. Dr. Felix Niggli: Kinder haben üblicherweise ganz andere Krebserkrankungen als Erwachsene. Es gibt gewisse Krebsformen, die nur bei Kindern vorkommen.

Zum Beispiel?

Dazu zählen Geschwülste, die aus noch nicht vollständig entwickeltem Gewebe entstehen, z.B. aus unreifem Nieren- oder Nervengewebe. Sogenannte Neuroblastome sind der häufigste bösartige Tumor bei ganz kleinen Kindern. Diese Krebsform kommt bei Erwachsenen höchst selten vor. Krebserkrankungen, die bei Erwachsenen häufig auftreten – wie Lungen-, Brust-, Prostata- oder Magen-Darm-Krebs – sind bei Kindern hingegen ein Rarität.

Weshalb erkranken Kinder an Krebs?

Dies ist mehrheitlich unbekannt. Manchmal begünstigen angeborene Veränderungen, wie Erbfaktorveränderungen, dass ein Kind an Krebs erkrankt. Ein bekanntes Beispiel ist Trisomie 21 (Down-Syndrom): Kinder mit dreifachem Chromosom 21 entwickeln deutlich häufiger eine Leukämie, als Kinder, bei denen diese Anomalie nicht vorhanden ist.
Bei Leukämien gibt es Hinweise, dass Infektionen eine Rolle spielen könnten. Das weiss man aus grossen epidemiologischen Untersuchungen, bewiesen ist es aber nicht.
Als auslösende Faktoren gelten auch Strahlen: Krebskranke Kinder, bei denen der bösartige Tumor mit einer Strahlentherapie bekämpft wird, neigen eher dazu, eine zweite Krebserkrankung zu entwickeln.

Wie sieht es aus, wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht?

Man hat dies untersucht, insbesondere bei Leukämie, aber keine Hinweise gefunden, dass dadurch beim Kind Krebs ausgelöst wird.

Krebs bei Kindern ist ja eher unüblich. Woran erkennt man, dass ein Tumor wächst?

Das ist nicht ganz einfach. Bei der Leukämie werden Kinder im allgemein zunehmend müde, fühlen sich abgeschlagen, manchmal bekommen sie Blutergüsse, andere haben wechselhafte Gelenksschmerzen. Das können Hinweise sein, es ist aber nichts Spezifisches. Bei Hirntumoren gibt es Kinder, die zunehmend in den Morgenstunden erbrechen. Manchmal wächst an einer Körperstelle ein Knoten. Es gibt aber immer wieder Kinder, die kaum oder keine Beschwerden zeigen. Der Krebs wird vom Kinderarzt beim Impfen oder bei einer Routine-Kontrolle entdeckt.

Ist die Therapie bei Kindern anders als bei Erwachsenen?

Zum grossen Teil sind es andere Krebsarten und somit auch andere Therapien. Die Elemente sind die gleichen: man hat Chemotherapie, Operationen und Strahlentherapie zur Verfügung. Die meisten Kinder brauchen eine Chemotherapie. Sie reagieren aber empfindlicher darauf als Erwachsene.

Das heisst?

Die Tumore bzw. die Leukämie bilden sich besser zurück. Die Heilungschancen bei Kindern sind höher, obwohl sich Krebs bei ihnen rasant verbreitet: Es gibt Nierentumore, die innert drei Monaten von unsichtbar auf Orangengrösse heranwachsen können.

Wie viele Kinder werden geheilt?

¾ aller Kinder überleben ihre Krebserkrankung. Es sind wirkliche Heilungen. Ein paar wenige Kinder erleiden verspätet einen Rückfall. Der Grossteil der Kinder erreicht das Erwachsenenalter gesund und bleibt es die nächsten 20 bis 40 Jahre.
Trotz Heilung sind langfristige Folgeschäden der Therapie leider nicht so selten. Dazu zählen beispielsweise Unfruchtbarkeit, Hormonausfälle, gelegentlich auch Wachstumsstörungen oder Beeinträchtigungen des Bewegungsapparates. Für die Betroffenen bedeutet es eine grosse Beeinträchtigung der Lebensqualität.

Wie lange dauert die Therapie?

Bei den meisten Krebserkrankungen dauert die Behandlung 1 bis 2 Jahre. Bei Leukämie wird dem Kind zwei Jahre lang fast täglich Chemotherapie verabreicht – über Infusion, Spritzen oder Medikamente zum Schlucken. Der Grossteil der Therapie erfolgt ambulant, die Kinder verbringen insgesamt nur etwa vier bis sechs Wochen stationär im Spital.
Wir unterstützen die Kinder, die Schule zu besuchen und möglichst am normalen Leben teilzuhaben.

Was beschäftigt betroffene Kinder?

Dies hängt vom Alter ab. Kleine Kinder verstehen nicht so recht, was ihnen geschieht. Das macht es manchmal schwierig, weil die Eingriffe, die wir vornehmen müssen, Schmerzen herbeiführen. Zudem macht die Chemotherapie die Kinder zum Teil krank: Sie werden müde, haben ein erhöhtes Infektionsrisiko und müssen im Falle einer Infektion hospitalisiert werden. Der Haarverlust beschäftigt vor allem grössere Mädchen, für Kleinkinder ist es kein Problem.
Jugendliche begreifen, dass sie eine lebensbedrohliche Krankheit haben und dass sie daran sterben können. Das macht es nicht einfach für sie, denn sie wollen sein wie die andern, wollen spielen, in den Ausgang gehen. Und das ist nicht mehr gleich möglich.

Was ist mit den Eltern?

Für sie bricht eine Welt zusammen. Sie haben das Gefühl: „Jetzt stirbt mein Kind!“ Beginnt man die Therapie, sehen sie, dass der Krebs weggeht, dass die Leukämiezellen verschwinden. Das gibt Vertrauen und Hoffnung. Dennoch ist ein krebskrankes Kind für jedes Familiensystem eine riesige Erschütterung.

Häufigste Krebsarten bei Kindern
  • Leukämien: 33% aller Krebserkrankungen bei Kindern in der Schweiz
  • Tumore im Hirn und Rückenmark: 20%
  • Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphome: 13%
  • Tumore des sympathischen Nervensystems: 7%
  • Weichteilkrebs: 7%
  • Nierenkrebs: 5%
  • Knochenkrebs: 4%
  • Augenkrebs: 3%
Infos

In der Schweiz existieren neun, zum Teil sehr kleine Stationen für krebskranke Kinder und Jugendliche. Die grösste Station befindet sich im Kinderspital Zürich (www.kispi.uzh.ch), hier werden ein Drittel aller krebskranken Kinder behandelt. Zur Verfügung stehen neun stationäre Plätze sowie vier Plätze für Knochenmark-Transplantationen.

Unterstützung / Selbsthilfe für betroffene Familien bietet die Kinderkrebshilfe Schweiz: www.kinderkrebshilfe.ch

Die Schweizer Forschungsstiftung „Kind und Krebs“ engagiert sich für die Kinderkrebsforschung: www.kindundkrebs.ch und die Schweizerische pädiatrische Onkologiegruppe versucht im Rahmen von Therapiestudien die Heilungschancen krebskranker Kinder zu verbessern (www.spog.ch)

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy