Unseren Geist zur Ruhe bringen

© EastWest Imaging - Fotolia.com

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Wechseljahrbeschwerden beruhen gemäss Traditioneller Tibetischer Medizin meist auf einem Übermass des anregenden „Wind-Elementes“. Erholung bringen natürliche Massnahmen, die
diese nervöse Energie mindern.

Die hormonelle Umstellung während den Wechseljahren ist ein natürlicher Vorgang und keine Krankheit. Dennoch erleben zahlreiche Frauen diesen Lebensabschnitt als penibel, weil sie unter Beschwerden wie Hitzewallungen, Schweissausbrüche, Stimmungsschwankungen, Gereiztheit, Schlafstörungen oder Herzrasen leiden. Im Gegensatz zur Schulmedizin, die die Symptome bekämpft – beispielsweise mit einer Hormonersatztherapie – befassen sich asiatische Heilmethoden wie die Traditionelle Tibetische Medizin (TTM) hauptsächlich mit den Ursachen der Beschwerden.

Dr. Bettina KneipWas das für die Wechseljahre bedeutet, wollten wir von Dr. med. Bettina Kneip (Bild) wissen. Die Fachärztin für allgemeine Innere Medizin FMH zählt zu den raren Schulmedizinern in der Schweiz, die ihre Patienten mit ayurvedischer und tibetischer Medizin behandeln. Sie arbeitet am Institut für Naturheilkunde des Universitätsspital Zürich sowie in eigener Praxis in Niederrohrdorf (www.praxis-kneip.ch).

Worauf legen asiatische Heilmethoden den Fokus bei den Wechseljahren?

Dr. med. Bettina Kneip: Bei asiatischen Medizinformen stehen die Urelemente im Vordergrund, das heisst die Urkräfte Raum, Luft, Erde, Feuer und Wasser. Jeder Mensch wird mit einer individuellen Grundkonstitution geboren – seinem ganz persönlichen Mix an diesen Urenergien. Krankheiten und Störungen entstehen, wenn diese Urelemente aus dem Gleichgewicht geraten. Beschwerden in den Wechseljahren entwickeln sich vor allem durch Veränderungen im Bereich des Wind- und des Feuer-Elementes.

Was heisst das konkret?

Bildlich stellt man sich das am einfachsten so vor: Je mehr Wind ins Feuer bläst, desto stärker wird das Feuer.

Wie ist das zu verstehen?

Veränderungen des Wind-Elementes können psychisches Leiden begünstigen. Frauen in den Wechseljahren sind anfälliger für Depressionen, Ängste, Schlafstörungen und Unruhezustände, die sich auch auf der organischen Ebene manifestieren können, etwa als Herzrasen. In unserer schnelllebigen Zeit kann man davon ausgehen, dass die Wind-Energie beim Grossteil der Menschen aus dem Gleichgewicht ist. In den Wechseljahren bedeutet dies aber eine zusätzliche Erschwernis, da man gemäss tibetischer Medizin von der Feuer- in die Wind-Lebensdekade wechselt.

Was ist mit Lebensdekaden gemeint?

Grob gesagt gibt es drei Lebensdekaden. Bis zur Pubertät herrscht das schwere Erdelement vor. Darauf folgt die Dekade des Feuerelementes. In dieser Zeit geht es darum, Geld zu verdienen und die Familie zu ernähren. Es braucht also viel Energie. In der dritten Lebensdekade nimmt das Wind-Element zu, im Vordergrund stehen Loslassen, Leichtigkeit und Weisheit.

Wie behandeln Sie Wechseljahrbeschwerden?

Zuerst untersuche ich den Puls – ich habe die ayurvedische Puls-Diagnose gelernt, die sehr ähnlich ist wie diejenige der tibetischen Medizin. Damit kann ich die Störungsfelder bestimmen. Je nach Störungsbild schaue ich mir die Ernährung an. Es gibt Nahrungsmittel, die den Wind bzw. die Hitze im Körper verstärken können – wie Rotwein oder Chili.

Und was verstärkt das Wind-Element?

Leichte Nahrungsmittel wie beispielsweise Salat, Rohkost und Trockenfrüchte.

Kein Salat in den Wechseljahren?

Nur als Beilage nicht als Hauptmahlzeit. Wir haben in Europa die Angewohnheit, uns toll zu fühlen, wenn wir mittags einen grossen Salatteller essen. Die klassischen Blattsalate wie Kopfsalat, Endivien usw. enthalten aber kaum sekundäre Pflanzenstoffe und haben wenig Nährwert. Für Frauen, die unter Angststörungen, Unruhezuständen und Schlafstörungen leiden, ist das kontraproduktiv. Da sind warme Suppen mit ein wenig Fett (Ghee, Olivenöl, Leinöl) viel besser, weil sie nähren, die typischerweise trockenen Schleimhäute aufbauen und dem Windelement entgegenwirken.

Was hilft neben der richtigen Ernährung?

Eine Therapie mit östlichen oder westlichen Kräutern. Besonders gute Erfahrungen habe ich mit der tibetischen Rezeptur „Srog ‚zin 10“ (im Handel als „Padma Nerven-Tonikum“) gemacht, vor allem bei Schlafstörungen, Unruhezuständen und teilweise auch bei Hitzewallungen, wenn das Windelement die Ursache dafür ist, dass die Hitze zunimmt. Ich setze es auch bei Herzrasen und Herzrhythmusstörungen ein.
Das Vielstoffgemisch, das unter anderem Mombinpflaumen, Bockshornsamen, Guajakholz, Muskatnuss und Myrobalanenfrüchte enthält, gleicht das Wind-Element im Körper aus. Die Rezeptur, die bereits in uralten tibetischen Schriften beschrieben wird, wirkt genau da, wo die Ursache der Störung liegt.

Welche weiteren Massnahmen empfehlen Sie bei Wechseljahrbeschwerden?

Beruhigend wirken (Ganzkörper)-Massagen mit Lavendelöl, fixe Schlafenszeiten sowie eine gute Schlafhygiene. Bevor man ins Bett geht, sollte man keine spannenden Krimis lesen oder Horrorfilme anschauen, besser ist ein Spaziergang an der frischen Luft. Um den Geist zu beruhigen helfen Meditationen, Mantra-Gesänge oder Schlafmantren. Bei Störungen des Wind-Elementes ist das Ziel, übermässige Angeregtheit zu mindern.
In den Wechseljahren ist es auch relevant, Veränderungen zu akzeptieren. Die Energie nimmt ab und man ist vielleicht nicht mehr ganz so agil wie früher. Manche Frauen möchten so funktionieren und aussehen wie bisher. Wohltuender ist, ab und zu eine Pause einzulegen und nicht mehr so viel durchboxen zu wollen.

Im Einklang mit der Grundkonstitution

Gemäss der tibetischen Medizin wird jeder Mensch mit einer individuellen Grundkonstitution geboren, die aus Wind- (rLung), Feuer- (Tripa) und Erde-Energie (Beken) besteht. Gesund ist, wer körperlich, seelisch und geistig in Einklang mit seiner angeborenen Veranlagung lebt. Krank wird, wessen Energien durch unpassende Ernährung, falsche Lebensweise oder vergiftende Gedanken aus dem Gleichgewicht geraten. Ziel der tibetischen Medizin ist es, das gesunde Gleichgewicht der Körperenergien individuell wieder herzustellen.

Erschienen in GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy