Haarpracht: «Erhalten statt wieder herstellen!»

HaareVolles, glänzendes und kräftiges Haar wünscht sich jede und jeder. Dennoch ist niemand vor Haarausfall gefeit, im Gegenteil: Übermässiger Haarverlust zählt zu den häufigsten Haarproblemen. Was dahinter steckt und dagegen hilft, erklärt der führende Schweizer Haarspezialist und Dermatologe Prof. Ralph Trüeb.

Prof. Dr. med. Ralph M. Trüeb arbeitet in eigener Praxis in Wallisellen.

Prof. Dr. med. Ralph M. Trüeb arbeitet in eigener Praxis in Wallisellen.

Niemand mag es, wenn seine Haare ausfallen. Dennoch ist es ist völlig normal, dass ein Mensch mit gutem Haarwuchs bis zu 100 Haare pro Tag verliert (siehe unten: „Wachstumsphasen des Haares“). Prof. Ralph Trüeb hält aber wenig vom Haarzählen. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung mit Haarausfall-Patienten weiss er, dass die meisten Betroffenen instinktiv spüren, wann es nicht mehr stimmt. Wer das Gefühl hat, zu viele Haare zu verlieren, ist deshalb gut beraten, sich an eine Ärztin, einen Arzt zu mit profunder Erfahrung bei Haarproblemen zu wenden.

Wieso fallen Haare aus?

Prof. Ralph Trüeb: Dafür gibt es viele Gründe. In 95 Prozent der Fälle fallen sie wegen einer Störung im Haarwachstumszyklus aus. Bei den anderen fünf Prozenten liegt dem Haarausfall eine Erkrankung der Kopfhaut zu Grunde: die Haarwurzeln entzünden sich und vernarben.

Was ist unter einer Störung im Haarwachstumszyklus zu verstehen?

Jedes Haar durchläuft einen Zyklus – bestehend aus einer Wachstums- und einer Ruhephase. Es fällt aus, bevor eine neue Wachstumsphase einsetzt. Die Haare gehen diesen Zyklus gestaffelt durch, damit wir ständig Haare auf dem Kopf haben. Ansonsten hätte man abwechslungsweise einen Kopf mit Haaren oder eine Glatze.
Die häufigste Störung – sowohl bei Männern wie auch bei Frauen – ist die Verkürzung der Haarwachstumsphase, die hormonell-genetisch bedingt ist. Der anlagebedingte Haarausfall setzt bei Männern früh ein, bereits in der Pubertät, und erreicht zwischen 25 und 35 Jahren einen Höhepunkt, entsprechend dem Spiegel der männlichen Hormone. Die Geschwindigkeit des fortschreitenden Haarverlustes ist individuell und kann zur Glatze führen.

Und bei Frauen?

Der Haarausfall beginnt im Schnitt zehn Jahre später. Die Haare dünnen im Scheitelbereich allmählich aus, eine Glatze ist aber nicht zu befürchten.

Manchmal fallen die Haare vermehrt gleichzeitig aus. Was ist dann die Ursache?

Hier handelt es sich um eine Teilsynchronisierung des normalerweise asynchron verlaufenden Haarzyklus. Es gilt zwischen physiologischen und krankhaften Teilsynchronisationsphänomenen zu unterscheiden. Als krankhaft bezeichnet wird vermehrter Haarausfall, der drei Monate nach einer allgemeinen, fiebrigen Krankheit auftritt. Physiologisch ist zum Beispiel der saisonale Haarwechsel.

Was ist das?

Im Herbst gehen mehr Haare aus, dafür wachsen im Winter zunehmend Haare. Das konnten wir mit einer Studie belegen, bei der wir während sechs Jahren die Haarwurzeln von über 800 Frauen untersucht haben. Auf die Idee für diese Studie bin ich gekommen, weil mir aufgefallen war, dass mich immer dann, wenn mein Jack Rusell Terrier haarte, vermehrt Patientinnen aufsuchten, die über Haarausfall klagten.

Weshalb passiert das im Herbst?

Dies wird vermutlich durch Änderungen im Lichteinfall gesteuert, die auf das Hormonsystem wirken und damit den Haarzyklus beeinflussen. Der Sinn ist wahrscheinlich, dass unser Haarboden gedeckt bleibt, wenn es am nötigsten ist – nämlich im Hochsommer, als Schutz vor UV-Strahlen, und im tiefsten Winter als Schutz vor der Kälte.Der merkbare saisonale Haarwechsel ist übrigens ein Frühsymptom des anlagebedingten Haarausfalles.

Sind nur Frauen davon betroffen?

Nein. Doch Frauen merken es eher, aus zwei Gründen: erstens haben sie eine höhere Sensibilität für den Zustand ihrer Haare und zweitens tragen sie ihre Haare in der Regel länger und sehen darum, wenn sie Haare verlieren.

Was passiert beim kreisrunden Haarausfall?

Er wird durch eine Entzündung im Bereich der Haarzwiebel verursacht, die das Haarwachstum örtlich stoppt. Der Haarschaft bricht innerhalb des Haarkanals ab und die Haare gehen aus – meistens fleckenförmig. Da die Entzündung nicht auf die Haarwurzeln übergreift, bleiben diese erhalten. Dies im Unterschied zu er anderen kleinen Gruppe (5 %) von Haarbodenerkrankungen, bei denen die Entzündung auf die Stammzellen der Haarfolikel übergreift und diese zerstört. Da entstehen Narben und die Haare wachsen nicht mehr nach.

Wie lange dauert es beim kreisrunden Ausfall, bis die Haare nachwachsen?

Generell gilt: auch ohne Behandlung wachsen die Haare spontan wieder nach – in 30 % der Fälle innerhalb eines halben Jahres, in 50 % innerhalb eines Jahres und in 80 % spätestens innerhalb von drei Jahren.

Wann sollte man bei Haarausfall einen Arzt aufsuchen?

Grundsätzlich ist es so, dass man in der Behandlung von Haarausfall viel mehr erhalten als wiederherstellen kann. D.h. je früher man den Spezialisten aufsucht, desto grösser ist die Chance auf einen guten Erfolg.
Ich sage generell: Wenn eine Frau das Gefühl hat, dass sie vermehrt Haare verliert, hat sie meistens recht. Führt man die entsprechenden Untersuchungen durch – wie mikroskopische Untersuchung und Trichogramm (Analyse des Haarwurzelzustandes) – kann man die Diagnose stellen und eine entsprechende Behandlung einleiten.
Bei den Herren ist es in der Regel so, dass man meistens dann anfängt, wenn der Herr merkt, wie sich eine Stelle sichtlich zu lichten beginnt.

Wie sieht die Behandlung für Männer aus?

Dies hängt vom Alter sowie von der Aktivität und Ausprägung des Haarausfalls ab. Handelt es sich um einen jungen Mann mit sehr aktivem, anlagebedingtem Haarausfall, werden bevorzugt Finasterid-Tabletten zum Einnehmen verschrieben. Sie hemmen die Umwandlung von männlichem Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT), der den Haarausfall verursacht. In 90 % der Fälle erreicht man einen Stopp des Haarausfalls und in 50 bis 60% der Fälle verbessert sich das Erscheinungsbild innerhalb von sechs Monaten, die Haare wachsen nach.Bei geringem Haarausfall oder bei Herren ab 40 Jahren, die noch einen Restbestand an Haaren haben, die man anregen kann, empfehle ich Minoxidil zum Auftragen. Das stoppt den Haarausfall in 50 bis 60 Prozent und verbessert das Erscheinungsbild in 10 bis 30 Prozent der Fälle.Beim anlagebedingten Haarausfall achtet man auch darauf, ob es zusätzliche Faktoren gibt, die eine Rolle spielen – wie Erkrankungen des Haarbodens oder Ekzeme, die mit entsprechendem Shampoo oder lokalen Cortison-Tinkturen behandelt werden. Thematisiert wird heutzutage auch der Lebensstil (allgemeiner Gesundheitszustand, Ernährung, Rauchen, UV-Schutz usw.)

Was erwartet Frauen?

Bei Frauen steht der Wirkstoff Minoxidil im Vordergrund. Es ist das Haarwuchsmittel der ersten Wahl für Frauen, es wirkt besser als bei Herren. In 2/3 der Fälle hat man Erfolg damit. Auch bei Damen werden selbstverständlich weitere Faktoren analysiert, wie Zustand der Kopfhaut, Eisenmangel, Schilddrüsenfunktionsstörungen, Einnahme von Medikamenten oder Hormonpräparaten.

Ist mit Nebenwirkungen zu rechnen?

Minoxidil zum Auftragen ist sehr unproblematisch, es verkürzt die Haarruhephase und verlängert die Haarwachstumsphase. Dadurch verschiebt sich der Anteil der Haare von der Ruhe- in die Wachstumsphase, prozentual sind mehr Haare am Wachsen und gleichzeitig werden die Haare länger und dicker. Aufgrund der Verkürzung der Haarruhephase werden am Anfang der Therapie alle Haare, die in der Ruhephase sind, innerhalb von 4 bis 6 Wochen ausgehen. Es gibt zu Beginn also einen paradoxen verstärkten Haarausfall. Die Therapie greift erst nach acht Wochen.Da Minoxidil den Haarwuchs stark fördert, können auch im Stirn-, Schläfen- und seitlichen Wangenbereich Haare spriessen, vor allem wenn man die höherdosierten Minoxidil-Produkte (5%) anwendet. Darum steigt man bei Frauen mit einer 2%-Lösung ein.

Wie sieht es mit Irritationen der Kopfhaut aus?

Das kommt vor allem bei vorgefertigten polypropylenglykol-haltigen Minoxidil-Präparaten vor. Darum verschreibe ich eine Magistral-Rezeptur ohne Polypropylenglykol, dafür mit Glyzerin. Die Apotheke fertigt sie gemäss meiner Rezeptur an. Die Rezeptur ist in meinem Standardwerk „Haare“ nachzulesen.Da zahlreiche Menschen eine reizbare Kopfhaut haben, ergänze ich die Therapie mit einem hochwertigen Shampoo auf Basis von Hamamelis, weil es die Kopfhaut beruhigt und stärkt. Zum Programm gehören auch Nahrungsergänzungsmittel auf der Basis von L-Cystin und Vitaminen des B-Komplexes.

Erfolgt die Behandlung lebenslang?

Nach der Einleitungsbehandlung, die sechs bis zwölf Monate dauert, geht man zur Erhaltungsbehandlung über, die einfach aussieht: zum Beispiel einmal täglich eine Tinktur auftragen. Aber es ist natürlich eine Dauerbehandlung. Hört man auf, fallen die Haare wieder aus. Und bei den Herren bis 40 Jahren gilt das gleiche mit Finasterid.

Kann man dem Haarausfall vorbeugen?

Haarausfall ist zu vergleichen mit der Alterung von anderem Gewebe. Man hat herausgefunden, dass Haarwurzelzellen beim anlagebedingten Haarausfall empfindlich reagieren auf oxidativen Stress, d.h. auf freie Radikale. Die Theorie besagt, dass freie Radikale das Gewebe schädigen und es vorzeitig altern lassen. Auf den anlagebedingten Haarausfall bezogen würde das bedeuten, dass es sich um eine vorzeitige Alterung des Haares handelt. Darum werden all die Massnahmen, die die Alterung ein wenig hinausschieben auch für das Haar als sinnvoll erachtet. Das heisst: ausgewogen essen, extreme UV-Einwirkung vermeiden, Zigarettenrauch vermeiden, zu starken Stress vermeiden. Ein gesunder Lebensstil wird die Genetik aber nicht austricksen können.

Wachstumsphasen des Haares

Das Wachstum unserer Haare ist genetisch sowie hormonell bedingt und unterliegt drei Phasen.

  1. In der sogenannten Wachstumsphase – sogenannte Anagenphase – wachsen die Kopfhaare pro Tag 0,3 bis 0,5 mm, in einem Jahr rund 15 cm. Diese Phase dauert vier bis acht Jahre, abhängig von Geschlecht und Alter. Etwa 85 bis 90 % der Kopfhaare befinden sich in der Wachstumsphase.
  2. Danach durchlebt das Haar eine Übergangsphase (Katagenphase) von zwei bis vier Wochen, während der das Wachstum stoppt. Rund 1 % aller Kopfhaare ist jeweils betroffen.
  3. In der anschliessenden dreimonatigen Ruhephase (Telogenphase), die bis zu 18 % der Kopfbehaarung tangiert, fällt das Haar aus und macht Platz für ein neues Haar. Es ist deshalb völlig natürlich, pro Tag 50 bis 100 Haare zu verlieren. Das neue Haar wächst aus demselben Haarfollikel nach. In jedem Haarfollikel kann 10 bis 12 mal ein Haar nachwachsen.
hamamelis_virginianaHamamelis-Shampoo: auf Qualität achten!

Wildwachsende Virginische Zaubernuss (Hamamelis virginiana, Bild) wird von den Indianern Nordamerikas seit Jahrhunderten als wertvolles Heilmittel geschätzt. Bei der Wahl eines Hamamelis-Shampoos ist unbedingt auf die Qualität und Reinheit des Hamamelis-Extraktes zu achten. Ein hochwertiges Hamamelis-Shampoo zeichnet sich dadurch aus, dass es frei von Pestizid-Rückständen ist und keine Allergie fördernden Zusatzstoffe (wie Cocamide und Parabene) enthält, die die Kopfhaut zusätzlich irritieren.

 Erschienen in astreaAPOTHEKE. © Marie-Luce Le Febve de Vivy