Wandeln, ohne es zu wissen

© Anton Maltsev - Fotolia.com

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Während sich die Muskeln bewegen, bleibt das Gehirn im Tiefschlaf: Schlafwandeln ist vor allem bei Kindern verbreitet, kommt aber auch bei Erwachsenen vor. Die Schlafstörung ist häufig vererbt.

Filmszenen mit einem Schlafwandler sorgen in der Regel für Erheiterung und Erstaunen: Zuzuschauen, wie sich eine Person im Tiefschlaf im Kühlschrank bedient oder zusammenhanglos spricht, sorgt meistens für Lacher. Um die Welt ging kürzlich ein YouTube-Film eines Teenagers, der seine schlafwandelnde Mutter im rosaroten Baby-Doll in der Küche ertappte, während sie Tanzbewegungen ausführte und von einem Tomaten-Käfig erzählte.
Unvergessen bleibt auch das Heidi aus dem Kinderbuch von Johanna Spyri, das aus Einsamkeit schlafzuwandelnd durch die Strassen Frankfurts herumzuirrte. Sie litt an Heimweh und sehnte sich nach den Bergen und ihrem Alpöhi (Grossvater).

Zwei Bewusstseinszustände

Auch in der Schweiz gibt es mehrere Zehntausend Menschen, die schlafend herumwandern. Somnambulismus, wie Schlafwandeln im Fachjargon genannt wird, kann auftreten, wenn sich jemand im Tiefschlaf befindet – also etwa ein bis drei Stunden nach dem Einschlafen, im ersten Drittel der Nacht.
Auch wenn das Rätsel für dieses Phänomen noch nicht vollends aufgeklärt ist, weiss man heute: Das Gehirn eines Schlafwandlers ist wach und schläft zugleich. Messungen der Hirnströme und der Hirndurchblutung zeigen, dass beim Schlafwandeln die Gehirnareale, die für die Muskelaktivität und Bewegungen zuständig sind, erwachen. Die Areale für Bewusstsein und Erinnerung schlafen hingegen weiter.

Nachtspaziergang ohne Erinnerung

Schlafwandeln beginnt häufig mit einem plötzlichen Aufrichten im Bett – einfach so oder durch ein akustisches Signal verursacht, wie etwa Klopfen an der Tür. Bei diesem „verwirrten Aufwachen“ schaut der Betroffene offensichtlich ratlos und desorientiert umher, brabbelt sinnlose Sätze, zupft an der Decke oder schiebt das Bettzeug hin und her. In vielen Fällen war’s das schon, die Person legt sich wieder hin und schläft weiter. Der typische Schlafwandler, wie wir ihn uns vorstellen, verlässt aber das Bett und wandelt mit offenen Augen und starrem, fast maskenhaftem Gesicht zum Bad, in die Küche, in die Stube, öffnet Schränke, Fenster oder Türen, steigt Treppen hoch und hinab, kocht Essen, isst alles, was er findet, verlässt das Haus oder lässt sogar das Auto anspringen. Möglich sind auch absurde Handlungen, wie das Urinieren in einen Schrank. Während dieses „Nachtspaziergangs“ kann der Betroffene sogar sprechen und Fragen beantworten, auch wenn das, was er sagt, nicht unbedingt verständlich ist. Nach dieser Episode, die meist nur wenige Minuten dauert, kehrt der Schlafwandler ins Bett zurück oder legt sich an anderer Stelle nieder, um weiter zu schlafen. Am nächsten Morgen haben sie keine Erinnerung an ihre nächtlichen Eskapaden.

Familiäre Vorbelastung

Bei der Erforschung des Schlafwandels spielen auch Wissenschaftler des Universitätsspitals Lausanne eine Rolle. Sie haben ein Gen mitentdeckt, welches das Risiko, zum Schlafwandler zu werden, um das das Vierfache erhöht. Tatsache ist: Schlafwandeln tritt in manchen Familien gehäuft vor. 80 Prozent der Schlafwandler haben Schlafwandler in der Familie. Sind beide Eltern betroffen, steigt das eigene Risiko auf über 60 Prozent.
Häufig ist Schlafwandeln im Kindesalter. Experten schätzen, dass 10 bis 30 Prozent aller Kinder mindestens ein Mal in ihrem Leben schlafend herumirren. Meist beginnt es zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr und verliert sich in etwa 70 bis 80 Prozent der Fälle bis zur Pubertät. Grund ist gemäss Experten ein noch nicht voll ausgereiftes zentrales Nervensystem. Das Phänomen ist fast immer harmlos.
Dauert das Schlafwandeln bis ins Erwachsenenalter fort oder bricht es erst dann aus, kann es Anzeichen für eine neurologische oder seelische Störung sein. Es kann sich dann lohnen, sich fachärztlich abklären zu lassen oder einen Psychiater zu Rate zu ziehen. Hinter dem Schlafwandeln können sich unverarbeitete Konflikte verbergen.
Auslöser können auch bestimmte Medikamente sein, insbesondere solche, die auf das Seelenleben oder das Zentrale Nervensystem einwirken. Dazu zählen manche Antidepressiva, Neuroleptika und Beruhigungs-/Schlafmittel vom Typ der Benzodiazepine.
Eine eigentliche Heilung für Schlafwandler existiert nicht. Manchen Betroffenen hilft eine Kombination von Psychotherapie und Medikamenten, die den Tiefschlaf reduzieren.

Umgang mit einem Schlafwandler

Schlafwandler bewegen sich meistens geradeaus, auch wenn der Weg zu Ende ist. Sie können sich nicht konkret orientieren, worauf hin sie sich hinbewegen. Ist der Weg zu Ende, kann dies zu Unfällen führen, wie etwa einem Sturz vom Balkon, aus dem Fenster oder vom Steg. Befindet sich ein Schlafwandler in gefährlicher Umgebung, sollte man ihn möglichst nicht wecken, sondern versuchen, ihn behutsam, mit leichten Berührungen, zu steuern, damit er zum Bett zurückfindet. Das Wecken an sich ist nicht schädlich, kann aber schreckhafte oder irrationale Reaktionen auslösen.

Schutzmassnahmen
  • Gefährliche und zerbrechliche Gegenstände wegräumen
  • Fenster und Türen verriegeln
  • Scharfkantige Möbel abpolstern
  • Stolperfallen entfernen (z.B. Spielzeug am Boden)
  • Evtl. Bett in Bodenhöhe, um Stürze zu verhindern.
Schlafwandler als Mörder?

In der Regel gefährden sich Schlafwandler vor allem selber, kaum andere. In Ausnahmefällen können sie aber ungewollt gewalttätig werden – auch gegenüber Personen, die ihnen eigentlich helfen wollen oder ahnungslos im Weg stehen. Traurige Bekanntheit erlangte der Fall des Kanadiers Kenneth Parks. 1987 fuhr er schlafwandelnd mit dem Auto zu seinen Schwiegereltern und bedrohte sie mit einem Küchenmesser. Dabei tötete er seine Schwiegermutter. Als er aufwachte, konnte er sich an nichts mehr erinnern. Oder: Ein 32-jähriger britischer Schlafwandler brachte 2003 seinen Vater (82) um, obwohl er ihm sehr nahe stand. Solche spektakulären Fälle sind aber höchst selten.

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy