Ein verschwiegenes Leiden

Es passiert nicht nur älteren Menschen, dass sie ungewollt Wasser lassen: Harninkontinenz kann jede und jeden treffen und ist viel verbreiteter, als man denkt. Es lohnt sich, Hilfe zu suchen.

© mikiradic - Fotolia.com

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Experten schätzen, dass in der Schweiz mindestens 400’000 Menschen aller Altersstufen unter Harninkontinenz leiden. Drei Viertel sind Frauen, ein Viertel Männer. „Obwohl Blasenschwäche weit verbreitet ist, suchen nur die wenigsten Hilfe, auch wenn sie sich in ihrer Lebensqualität drastisch eingeschränkt fühlen“, so Karin Kuhn, Leiterin der Schweizerischen Gesellschaft für Blasenschwäche – einer Beratungsstelle für Betroffene und Familienangehörige. „Blasenschwäche ist nach wie vor ein grosses Tabuthema“. Eine Umfrage vor ein paar Jahren hat ergeben, dass Inkontinenz in der Schweiz das Tabuthema Nr. 2 ist (das grösste Tabu sind sexuelle Probleme).

Die Angst, sich zu verraten

Aus Angst, das Wasser nicht halten zu können und durch dunkle Flecken an den Kleidern bzw. Uringeruch aufzufallen, verzichten Inkontinente oft auf Alltagsaktivitäten wie Theaterbesuch, ausgelassene Spiele mit Enkeln oder gesellschaftliche Anlässe. Zu gross ist die Angst, dass die Blase im falschen Moment versagt und man deswegen als „unsauber“ oder gar „vernachlässigt“ taxiert wird.
Auch wenn Blasenschwäche keine lebensbedrohliche Erkrankung ist, bedeutet dies keineswegs, dass man sie tatenlos ertragen muss. Es gibt heutzutage verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, der lästigen Behinderung entgegenzuwirken – sofern man sich dem Arzt anvertraut und offen über die Beschwerden spricht. So kann der Arzt abklären, was die genaue Ursache des Blasenproblems ist und welche Therapie zu empfehlen ist. Unterschieden wird zwischen folgenden Formen von Inkontinenz:

Stress- oder Belastungs-Inkontinenz: Davon betroffen sind vor allem Frauen, deren Beckenboden geschwächt ist, beispielsweise durch Geburten oder durch Hormonmangel nach den Wechseljahren. Die Harnröhre schliesst nicht mehr richtig, da Muskeln und Bindegewebe erschlaffen. Dies hat zur Folge, dass bei plötzlicher körperlicher Anstrengung, beim Heben schwerer Lasten oder beim Husten, Niesen und Lachen plötzlich kleine Urinmengen abgehen.

Das hilft: Um den geschwächten Schliessmuskel und den Beckenboden zu kräftigen, eignet sich konsequentes Beckenbodentraining. Nicht nur im fortgeschrittenen Alter, sondern bereits während / nach einer Schwangerschaft. In den Wechseljahren kann die dünn gewordene Schleimhaut zudem lokal mit östrogen- und fetthaltigen Präparaten regeneriert werden. Bei Blasen- oder Gebärmuttersenkung kann ein operativer Eingriff in Erwägung gezogen werden.

Hyperaktive Blase: Wer häufig (meist auch nachts) aufs Häuschen muss, einen unbezähmbaren Harndrang verspürt und ungewollt grössere Mengen an Urin verliert, leidet vermutlich an einem übererregbaren Blasenmuskel. Mögliche Ursachen sind Harnwegsinfektionen, Blasensteine oder Tumore, die das Fassungsvermögen der Blase einschränken, altersbedingte hormonelle Veränderungen oder eine vergrösserte Prostata beim Mann. Anfällig sind auch Menschen, die an Parkinson, Multipler Sklerose oder Diabetes erkrankt sind, da geschädigte Nerven die Steuerung des Blasenmuskels beeinträchtigen.

Das hilft: Die überaktive Blasenmuskulatur kann man medikamentös mit sogenannten Anticholinergica beruhigen. Bei Frauen in den Wechseljahren können auch östrogenhaltige Präparate von Nutzen sein.

Reflexinkontinenz: Erkrankungen oder Verletzungen des Gehirns oder des Rückenmarks können dazu führen, dass die Nervenimpulse zur Blasenentleerung nicht mehr funktionieren. Betroffene verspüren meist keinen Harndrang mehr, die Blase leert sich unkontrolliert.

Das hilft: Diese Inkontinenz-Form sollte von einem Facharzt behandelt werden. Erste Wahl ist meist ein Katheter, mit dem Betroffene ihre Blase mehrmals pro Tag entleeren.

Überlauf-Kontinenz: Sie ist die häufigste Form von Blasenschwäche bei Männern. Verengt sich die Harnröhre – beispielsweise wenn sich die Prostata altersbedingt vergrössert – staut sich der Urin in der Harnblase. Wegen der Überdehnung geht der Urin ständig tropfenweise ab. Dieses unerwünschte Phänomen können auch gewisse Medikamente, die aufs Herz oder die Nerven wirken, verursachen.

Das hilft: Diese Form von Inkontinenz kann medikamentös oder chirurgisch behandelt werden. Wichtig ist eine gründliche Abklärung durch einen Spezialisten.

Weitere Infos

Kostenloses Informationsmaterial und telefonische Beratung bietet die Schweizerische Gesellschaft für Blasenschwäche, Tel. 044 994 74 30, www.inkontinex.ch

Vorsicht bei diesen Getränken

Wer unter übermässigem Harndrang leidet, konsumiert anregende Getränke wie Kaffee, Schwarztee, Orangenjus und koffeinhaltige Getränke besser nur zu Hause als unterwegs, wenn man zuerst noch eine Toilette finden muss.

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy