«Juckreiz ist immer ein Zeichen für empfindliche Haut»

© Piotr Marcinski - Fotolia.com

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Es lohnt sich, jeden Tag ein paar Minuten für die Hautpflege zu reservieren und sich von Kopf bis Fuss einzucremen – so die Meinung des Hautspezialisten Dr. Albert Ganz. Ansonsten wird die Haut zunehmend empfindlich, was sich wiederum auf das psychische Wohlbefinden auswirken kann.

Dr. Albert GanzDr. Albert Ganz, Apotheker FPH und Inhaber der Limmatplatz Apotheke in Zürich, zertifizierte medinform Hautapotheke

Was genau ist empfindliche Haut?

Dr. Albert Ganz: Unsere Haut ist grundsätzlich immer empfindlich. Das muss sie sein, damit sie ihre Schutzfunktion wahrnehmen kann. Sie enthält Nerven, die auf äussere Reize – ob chemisch, thermisch oder physikalisch – reagieren. Sie spricht auch auf ganz leichte Reize ein, wie etwa auf Streicheln. Wie stark der einzelne Mensch auf diese Reize reagiert, ist sehr individuell.
Definitionen für empfindliche Haut gibt es zahlreiche, massgebend ist letztendlich der Patient. Wer sich in seiner Haut nicht mehr wohl, weil sie juckt, beisst oder schmerzt, wenn man irgendwo anstösst, leidet mit Sicherheit an empfindlicher Haut.

Was sind typische Merkmale?

Es ist eine Haut, die schnell auf äussere Reize reagiert und sehr schnell einen Sonnenbrand bekommt. Juckreiz ist immer ein Zeichen, dass die Haut etwas braucht. In der Regel juckt die Haut, weil sie zu trocken ist. Es kann sich aber auch um Neurodermitis oder eine Allergie handeln. Ein weiteres Merkmal ist schuppende Haut.

Wie viele Menschen sind davon betroffen?

Es gibt mehr Personen, die an empfindlicher Haut leiden, als solche die sich beraten lassen. Oder anders gesagt: Viele Betroffene realisieren nicht, dass sie eine empfindliche Haut haben. Sie nehmen den Juckreiz einfach hin. Sie warten viel zu lange, bis sie in der Apotheke Rat holen.

Weshalb ist empfindliche Haut auf dem Vormarsch?

Vermutlich ist es eine Folge unseres Lebensstils. Wir leiden vermehrt unter Stress, verbringen den Grossteil unserer Zeit in geschlossenen Räumen, tragen Kleidung, die unsere Haut von natürlichen Reizen (wie Sonnenstrahlen) abschirmt.
Bei Naturvölkern oder Menschen in Afrika, die kaum Kleider tragen und sich viel draussen aufhalten, ist trockene Haut selten. Über ihrer Haut bildet sich eine schützende Hornhaut-Schicht.
Ein weiterer möglicher Grund ist übertriebene Hygiene. Auch das kann die Haut reizen. Wer beispielsweise seine Haut regelmässig mit Alkohol abreibt, trocknet sie extrem aus und zerstört die natürliche bakterielle Hautflora, die Teil unseres Hautschutzes ist. Mögliche Folge sind dann Hautpilze.
Auch bestimmte Medikamente sowie Krankheiten (wie Neurodermitis oder Atopische Dermatitis) können die Haut dünner und empfindlicher machen.

Was ist bei der Pflege besonders wichtig?

Wichtig ist, sich jeden Tag ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um sich einzucremen. Der grösste Fehler ist, die Haut NICHT zu pflegen – sei es, weil man es vergisst, unter Zeitdruck steht oder zu müde ist.
Unsere Haut braucht Feuchtigkeit und nährende Substanzen. Pflegt man sie nicht, wird sie noch empfindlicher. Mangelnde Pflege kann auch auf die Psyche schlagen. Dünne Haut korreliert oft mit einer sensiblen Seele. Die Haut ist unser grösstes Organ und es existiert tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Haut und Psyche sowie dem Gefühl, aus der Haut fahren zu wollen.

Worauf ist bei der Wahl eines Pflegeproduktes zu achten?

Richtig schlechte Produkte gibt es eigentlich nicht mehr, das kann sich mittlerweile selbst ein Supermarkt nicht mehr leisten. Unterschieden wird heutzutage zwischen guten und besseren Produkten. Auf keinen Fall sollte man empfindliche Haut mit selbst gemachten Salben pflegen.

Weshalb?

Die Rezepturen enthalten häufig Zutaten, die der Haut nicht unbedingt bekommen, wie etwa Wollfett – ein sehr starkes Allergen. Oft werden auch pflanzliche Öle beigemischt, die nicht hautgeprüft sind. Pflanzenextrakte, etwa aus Arnika oder Kamille, können der Haut schaden. Vorsicht gilt zudem bei der Wahl der Parfümstoffe.
Bei empfindlicher Haut empfehle ich, lieber kommerzielle Produkte zu verwenden, deren Zutaten geprüft sind.

Was macht ein sehr gutes Hautpflegeprodukt aus?

Grundsätzlich gilt: Die Haut muss angeschaut werden, um das passende Produkt zu finden. Den Hauttyp genau bestimmen kann nur ein Facharzt oder eine dafür geschulte Apotheke.
Eine empfindliche Haut, die sehr trocken ist, braucht in erster Linie sehr viel Feuchtigkeit. Da kann es gut sein, ein wenig Urea beizugeben, damit die Feuchtigkeit besser aufgenommen wird. Für Neurodermitiker ist Urea hingegen tabu. Es gilt deshalb auf die Inhaltsstoffe zu achten, insbesondere auf

  • Emulgatoren (die braucht es immer, um Öl und Wasser zu vermengen und zu stabilisieren)
  • Duftstoffe (spenden Wohlgefühl, sind aber kein Muss. Gewisse Parfümstoffe können Ausschläge auslösen, wie etwa Bergamotte-Öl.)
  • Konservierungsstoffe (ganz ohne geht es nicht, weil das Pflegeprodukt sonst oxidiert und hautreizende Peroxide bilden kann).

Gute (Haut-)Apotheken verfügen über Listen der allergen-geprüften Emulgatoren, Duftstoffe und Konservierungsstoffe. Wer Hautprobleme hat, sollte sich nicht auf irgendein Hautprodukt verlassen, auch wenn die Werbung gut klingt, sondern sich vorerst beraten lassen.

Ihr persönlicher Spezial-Tipp?

In unseren Breitengraden braucht die Haut tägliche Pflege, da wir ¾ des Jahres drinnen leben und unsere Haut deswegen weniger abgehärtet ist – im Gegensatz zu Menschen, die sich oft draussen aufhalten und eine schützende Hornschicht entwickeln.
Ausserdem: Bester Garant für eine schöne Haut ist eine gesunde Lebensführung mit genügend Bewegung und ausgeglichenem Essen.

Checkliste: Pflege der empfindlichen Haut

Die Haut verändert sich im Laufe des Lebens kontinuierlich. Bei der Wahl eines typgerechten Pflegeproduktes spielt deshalb auch das Hautalter eine massgebende Rolle.

  • Babyhaut: Babys haben IMMER eine sehr empfindliche Haut. Sie brauchen im ersten Lebensjahr unbedingt spezielle Baby-Pflege.
  • Kinder-/Jugendhaut: Ab dem zweiten Lebensjahr lässt die Haut-Empfindlichkeit langsam nach. Die Körperhaut von Kindern und Jugendlichen ist in der Regel feucht genug und braucht keine Extra-Pflege.
  • Erwachsene Haut: Im Alter zwischen 30 und 60 Jahren gilt grundsätzlich: Der Körper sollte jeweils nach dem Duschen eingecremt werden, um den Feuchtigkeitsverlust auszugleichen.
  • Haut im Alter: Die Altershaut wird immer dünner, ein natürlicher Prozess, der sich nicht aufhalten lässt. Ausgleichen lässt sich der starke Wasserverlust, der die Haut spröd, papierartig, schuppig und extrem empfindlich macht. Menschen über 60 Jahren sollten ihren Körper deshalb zweimal pro Tag eincremen – sprich: morgens und abends.

Zur Grundausstattung von Erwachsenen gehören:

  • Körperpflege: eine hochwertige Körpermilch für empfindliche Haut, die höchstens leicht parfümiert ist. Ein gutes Produkt erhöht das Wohlbefinden der Haut, entspannt sie auch nachts und mindert Juckreiz sowie Kratzattacken.
  • Tagescreme: wird am Morgen auf das Gesicht aufgetragen
  • Reinigen / Abschminken: mit einem hautfreundlichen Produkt, beispielsweise einem seifenfreien Syndet. Bei krankhafter Haut sollte man Produkte verwenden, die darauf zugeschnitten sind.
  • Nachtcreme: Nährstoffreiche Nachtpflege ist vor allem mit zunehmendem Alter wichtig, wenn die Haut dünner wird und austrocknet. Jüngere Frauen sollten nachts nicht übertreiben, zu reiche Cremen können die Poren verstopfen und Hautunreinheiten fördern.
  • Peelings: Normalerweise erneuert sich die Haut von selber, man muss nicht forcieren. Peelings machen die Haut empfindlicher, weil sie die schützende Hornhaut entfernen.
 Erschienen in: astreaAPOTHEKE. © Marie-Luce Le Febve de Vivy