Kleine Helferlein im Körper

© William Berry - Fotolia.com

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Ohne sie könnten wir nicht leben: Enzyme sind die „Zündkerzen“ in unserem Körper. Sie steuern und kontrollieren unseren gesamten Stoffwechsel. Eine besonders prominente Rolle spielen sie bei der Verdauung, indem sie dafür sorgen, dass wir Vitalstoffe überhaupt aufnehmen können.

Obwohl sie unendlich klein sind, spielen Enzyme die Hauptrolle im Stoffwechsel aller Lebewesen. In unserem Körper finden jede Sekunde zigtausend biochemische Reaktionen statt, die ohne aktivierende und beschleunigende Enzyme nicht möglich wären. Wir brauchen diese Biokatalysatoren nicht nur, um die tägliche Nahrung zu verdauen und die darin enthaltenen Vitamine aufzunehmen, sondern auch um zu atmen, zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken, uns zu bewegen, Krankheiten zu bekämpfen und Erbinformationen zu kopieren.
Die klitzekleinen Stoffwechsel-Wunderwerke, von denen rund 25’000 verschiedene Variationen existieren, sitzen in unseren Zellen und bestehen aus Aminosäuren (Eiweissmolekülen). Jede Zelle baut sich die Enzyme, die sie für ihre Aufgaben braucht – sei es um eine Schürfwunde zu heilen, sei es, um das Essen chemisch aufzuspalten, sei es um Abfall- und Giftstoffe abzutransportieren. Kurzum: Enzyme sind die Substanzen, die das Leben möglich machen und unseren Körper steuern und in Schwung halten. Ohne sie würde unser Stoffwechsel schlichtweg stillstehen.

Kann man an Enzym-Mangel leiden?

Eine mangelhafte Enzymtätigkeit kann gesundheitliche Beschwerden auslösen. Bei manchen Menschen ist eine verminderte Enzym-Produktion angeboren. Dazu zählen einerseits schwere Stoffwechselstörungen wie Phenylketonurie (PKU), die eine strenge Diät erfordern; andererseits Nahrungsunverträglichkeiten, wie beispielsweise die Laktose-Intoleranz. Betroffenen mangelt es am Enzym Laktase, das den Milchzucker spaltet, damit der Körper ihn verwerten kann. Die Folge sind Verdauungsbeschwerden. In Asien wiederum vertragen zahlreiche Menschen keinen Alkohol, weil ihnen das nötige Enzym fehlt, ihn abzubauen. Ein weiteres Beispiel sind sogenannte Albinos, denen das Enzym fehlt, die Haut und Haare mit Farbstoffen versorgen.
Weit verbreiteter sind heutzutage Enzym-Mängel, die nicht genetisch bedingt sind, sondern sich erst im Laufe des Lebens manifestieren. Sie spielen sich hauptsächlich im Verdauungstrakt ab.

Schaltstelle Verdauung

Für unseren Organismus hat die ausreichende Versorgung mit vitalisierenden Nährstoffen höchste Priorität, damit alle Körpersysteme gut funktionieren können. Dies setzt allerdings eine intakte Verdauung voraus. Mangelt es uns an Verdauungsenzymen, sind wir nicht in der Lage, die lebenswichtigen Nährstoffe, Vitamine und Mineralstoffe vollständig aus der Nahrung herausfiltern. Erhält unser Organismus nicht das, was er für sein gesundes Funktionieren braucht, sehnt er sich so lange nach mehr Nahrung – bis seine Bedürfnisse gedeckt werden. Das heisst, wir essen grössere Mengen, was zu Übergewicht führen kann.
Der Mangel an Verdauungsenzymen manifestiert sich durch Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Völlegefühl, Übelkeit, Winde, Krämpfe, Durchfall oder Verstopfung. Ein langanhaltender Enzymmangel kann Beschwerden wie Arthritis, Fettsucht, Migräne auslösen.

Ursachen für den Mangel

Unsere Verdauungsenzyme werden von den Speicheldrüsen, dem Magen, der Bauchspeicheldrüse und dem Dünndarm abgesondert. Unser Verdauungstrakt könnte auch von aussen unterstützt werden: in Form von Enzymen, die naturgemäss in frischen, rohen, ungekochten Lebensmitteln vorhanden sind. Wenn wir eine reife Frucht oder saisonales Gemüse essen, das lebendige Enzyme enthält, nutzt unser Organismus diese Enzyme zusammen mit den körpereigenen Enzymen, um die Nahrung möglichst vollständig zu verdauen und auszuwerten.
Industrielle Anbaumethoden und industrielle Lebensmittelverarbeitung mindern oder zerstören allerdings die wertvollen Enzyme in Gemüsen, Salaten und Obst, die uns zuvor jahrhundertelang natürlich zur Verfügung standen. Dies zwingt unseren Körper, allen voran die Bauchspeicheldrüse, mehr eigene Verdauungsenzyme herzustellen. Das kostet ihn viel Energie und erklärt, warum immer mehr Menschen unter Verdauungsproblemen, Nahrungsunverträglichkeiten und chronischer Müdigkeit leiden.

Was hilft?

Ideal ist eine ausgewogene Ernährung mit viel frischem Gemüse, Obst, Vollkorn- und Milchprodukten. Gute Enzymquellen sind Rohkost, Milchsäurevergorenes und Keime. Denn Enzyme sind hitzeempfindlich: ab 45 Grad Celsius nehmen ihre enzymatischen Aktivitäten stark ab. Je weniger gekocht, desto enzymreicher. Beim Fleisch gilt: wird es „medium“ oder „englisch“ (innerer Kern noch roh) genossen, enthält es noch einige Enzyme. Gepökeltes und Geräuchertes hingegen belasten den Enzym-Haushalt. Bei Eiern sind weichgekochte oder pochierte Eier am besten.
Wahre, verdauungsfördernde Enzym-Pakete sind Ananas uns Papayas. Das wussten bereits die Indianer in Mittel- und Südamerika vor Jahrhunderten, als sie Früchte und Blätter der Ananas auf Wunden legten, um den Heilungsprozess zu fördern.

Ergänzend Enzyme einnehmen?

Bei bestimmten Enzym-Mangel-Krankheiten kann man die fehlenden Enzyme als Tabletten einnehmen, wie zum Beispiel bei der Milchzucker-Unverträglichkeit. Die Komplementärmedizin bietet zudem sogenannte Enzymtherapien an, insbesondere bei rheumatischen Schmerzen, Infektionen, Entzündungen sowie bei Krebserkrankungen (während der Chemo-/Strahlentherapie).  Die Enzyme werden einzeln oder kombiniert eingenommen – in Form von Tabletten oder Spritzen. Am häufigsten verwendet werden die pflanzlichen Enzyme Papain (aus Papaya) und Bromelain (Ananas) sowie tierische Enzyme wie Trypsin und Chymotrypsin.
Ergänzende Enzyme-Präparate sind auch als Nahrungsergänzungsmittel in Drogerien und Apotheken erhältlich. Ihnen wird nachgesagt, dass sie das Immunsystem stärken, Krankheiten vorbeugen, die Auswirkungen des Alterns reduzieren, die Verdauung verbessern sowie den Heilungsprozess nach operativen Eingriffen beschleunigen.

Enzyme in der Medizin

In der Medizin spielen Enzyme eine wichtige Rolle. Viele Arzneimittel hemmen Enzyme oder verstärken ihre Wirkung, um eine Krankheit zu heilen. Prominentester Vertreter solcher Arzneistoffe ist wohl die Acetylsalicylsäure, die das Enzym Cyclooxygenase hemmt und somit unter anderem schmerzlindernd wirkt.

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy