Horror vor dem ganz Alltäglichen

© lassedesignen - Fotolia.com

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Wenn enge Räume, ein Hund oder eine Zahnbehandlung Panikgefühle erzeugen, handelt es sich vermutlich um eine Phobie. Bei dieser Störung lösen Situationen, die an sich ungefährlich sind, panische Reaktionen aus.

Meine Mutter galt in jungen Jahren als abenteuerlustig. Als Teenager streifte sie mit ihrem Vater durch die Ardennen-Wälder, um Wild zu jagen. Als 22-jährige lebte sie längere Zeit in Zentralafrika, wo sie mit Einheimischen auf Holzbooten den reissenden Kongo-Strom hinabfuhr, in dem sich Krokodile tummelten.
Kreuzte allerdings eine Maus ihren Weg, war es um sie geschehen: Sie begann laut zu kreischen und rettete sich auf den erstbesten Stuhl, den sie finden konnte. Denn sie hatte ein kleines Problem: Sie litt an einer sogenannten Musophobie – einer krankhaften Angst vor Mäusen, die bei ihr einen unwiderstehlichen Fluchtreflex auslöste.

Riesenpalette an Angstauslösern
Auch wenn es für Mitmenschen meist überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wie man sich vor harmlosen Mäusen, Spinnen (Arachnophobie) oder Impfungen (Vaccinophobie) fürchten kann: Die Betroffenen leiden unter körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Zittern, Atemnot, Übelkeit und Schwitzen. Auch wenn sie wissen, dass ihre Reaktion übertrieben ist und es keinen sachlichen Grund dafür gibt, können sie ihre Furcht weder kontrollieren noch unterdrücken.
Die Liste der Objekte und Situationen, die eine unangemessene Angst auslösen können – in der Fachsprache „Phobie“ genannt – ist riesenlang, lässt sich aber auf einen gemeinsamen Nenner zusammenfassen: Ob Akrophobie (Höhenangst), Klaustrophobie (Angst vor Enge) oder Kynophobie (Angst vor Hunden) – sämtliche Phobien sind voraussehbar, da sie an bestimmte Gegenstände oder Umstände gebunden sind. Phobiker können genau benennen, wovor sie sich fürchten. Manchmal reicht nur schon die Vorstellungskraft aus, um Horrorgefühle zu wecken. Dies führt dazu, dass die angstlösende Situation gemieden wird. Statt beispielsweise durch einen längeren Tunnel zu fahren, nehmen Betroffene lieber einen Umweg in Kauf.

Verbreitete Phobien
Zu den häufigsten Phobien zählt die Agoraphobie, auch als „Platzangst“ bekannt. Sie beginnt meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren und trifft mehrheitlich Frauen. Sie haben panische Angst, sich mitten in Menschenmengen und auf öffentlichen Plätzen aufzuhalten, Warenhäuser zu betreten, ins Kino zu gehen oder alleine mit dem Bus, Zug, Flugzeug zu reisen. Dahinter steckt die Furcht, den Ort im „Notfall“ nicht jederzeit und schnellstens verlassen zu können und auf peinliche Art in den Mittelpunkt zu geraten. Um solche Eventualitäten zu meiden, verlassen manche Betroffene ihre Wohnung überhaupt nicht mehr, wodurch sie ihren Lebensradius extrem einschränken.
Stark beeinträchtigend sind auch soziale Phobien, die oft im Jugendalter entstehen. Typisch dafür ist die übertriebene Angst, negativ aufzufallen und von anderen Menschen taxiert, verspottet, kritisiert oder abgelehnt zu werden. Sei es beim Sprechen mit unbekannten Leuten, sei es bei einer Geschäftssitzung, sei es beim Essen in der Kantine. Eine spezielle Form von Sozialphobie ist die Paruresis – die Unfähigkeit auf öffentlichen Toiletten zu pinkeln. Darunter leiden vorwiegend Männer.

Was steckt dahinter?
Forscher nehmen an, dass gewisse dieser Ängste – wie die Furcht vor Tieren, vor Blut (Haematophobie) oder vor Dunkelheit (Achluophobie) – in unseren Genen angelegt sind, weil sie unsere Urzeit-Vorfahren vor potentiellen Gefahren schützten.
Dass heutzutage nicht jeder Mensch unter solchen Phobien leidet, liegt vermutlich an der Art, wie man erzogen wurde, an schlechten Lebenserfahrungen oder an der persönlichen „Hirnchemie“.
Ob eine Phobie behandelt werden muss oder nicht, hängt davon ab, wie sehr man darunter leidet und wie stark sie den Alltag beeinträchtigt. Viele Phobien lassen sich mit Verhaltenstherapie und Desensibilisierung relativ gut in den Griff bekommen. Auch stimmungsaufhellende oder beruhigende Medikamente können vorübergehend hilfreich sein – in Absprache mit dem Arzt.

Infos und Anlaufstellen für Betroffene:
  • Angst- und Panikhilfe Schweiz: www.aphs.ch, Hotline: 0848 801 109 (Normaltarif)
  • Zentrum für Angst- und Depressionsbehandlung Zürich, www.zadz.ch
Wenig bekannte Phobien von A bis Z

• Ablutophobie: Angst vor dem Waschen
• Blennophobie: Angst vor Schleim
• Cleptophobie: Angst, etwas zu stehlen
• Dendrophobie; Angst vor Bäumen
• Euphobie: Angst vor guten Neuigkeiten
• Febriphobie: Angst vor Fieber
• Gamophobie; Angst vor Heirat
• Hobophobie; Angst vor Vagabunden
• Iatrophobie: Angst vor dem Arzt
• Keraunothentophobie; Angst vor herabstürzenden Satelliten
• Lachanophobie: Angst vor Gemüse
• Malaxiophobie: Angst vor Liebesspielen
• Nomophobie: Angst, nicht per Mobiltelefon erreichbar zu sein
• Olfactophobie: Angst vor Gerüchen
• Phasmophobie; Angst vor Geistern
• Rhytiphobie; Angst, Falten zu bekommen
• Selaphobie; Angst vor Lichtblitzen
• Triskaidekaphobie; Angst vor der Zahl 13
• Uranophobie: Angst vor dem Himmel
• Venustraphobie: Angst vor schönen Frauen
• Wiccaphobie: Angst vor Hexen
• Xanthophobie: Angst vor der Farbe Gelb
• Zelophobie: Angst vor Eifersucht

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy