Mit fünf Nadeln zur inneren Ruhe

© belahoche - Fotolia.com

© belahoche – Fotolia.com

Die Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll ist eine einfache, aber verblüffend wirksame Behandlung, um Stress zu reduzieren und die Seele zu stärken. Sie ist in der Schweiz noch wenig verbreitet.

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt Stress als grösste Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts. Typische Folgeerkrankungen sind Angststörungen, Burnout, Depressionen und Süchte, aber auch Schmerzen und Schlafstörungen. Eine kostengünstige, komplementärmedizinische Behandlungsmethode, um diesem Stress entgegenzuwirken, ist die sogenannte Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll.

Ende der 1960er-Jahre machte der Hongkonger Neurochirurg Dr. Wen eine zufällige Entdeckung: Behandelte er Opiatabhängige mit Akupunktur, litten sie weniger unter Entzugssymptomen. Diese Erkenntnis veranlasste den New Yorker Psychiater Dr. Michael Smith dazu, ein einfaches Behandlungskonzept zu entwickeln, bei dem fünf ausgewählte Punkte in der Ohrmuschel mit Akupunkturnadeln behandelt werden. Er nannte seine Methode Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll (NADA steht für

„National Acupuncture Detoxification Association“, auf Deutsch: Nationaler Verband für Entgiftungs-Akupunktur). Mittlerweile belegen zahlreiche Studien die  Wirksamkeit der NADA-Behandlung: sie reduziert den Drogenhunger, mindert Ängstlichkeit sowie Schlafstörungen und hilft, weniger Beruhigungstabletten zu schlucken. Da die unkomplizierte Therapie oft schon nach wenigen Minuten tiefe Entspannung ermöglicht, wird sie nicht mehr ausschliesslich beim Alkohol- oder Drogenentzug angewendet, sondern zunehmend auch bei psychisch Kranken sowie Stress- und Trauma-Opfern. Beim 9/11-Attentat beispielsweise hat man Feuerwehrleute und andere Betroffene in Gruppen behandelt und gemerkt, dass sie Traumatisierendes dadurch besser verarbeiten konnten.

Dr. Jacqueline ShirahamaHierzulande wird die Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll seit rund zehn Jahren praktiziert. Zu den Experten zählt Dr. med. Jacqueline Shirahama (Bild), Oberärztin des internistischen Dienstes in der Klinik Clienia Schlössli in Oetwil am See. Sie ist eine der wenigen NADA-Trainer in der Schweiz und bildet regelmässig Ärzte und Pflegefachpersonen aus.

Wie funktioniert eine NADA-Behandlung?

Dr. Jacqueline Shirahama: Die Behandlung erfolgt normalerweise in einer Gruppe von mehreren Personen. Es gibt aber auch stationäre Patienten, die sich eine Einzelbehandlung im Zimmer wünschen, beispielsweise vor dem Schlafengehen. Der NADA-Therapeut bringt an jedem Ohr fünf Akupunktur-Nadeln an, die während 30 Minuten drin bleiben. Der Behandelnde sitzt still in einem Sessel, im Hintergrund läuft Musik.

Was sind das für fünf Punkte?

Der erste Punkt, das Vegetativum, wirkt auf das vegetative Nervensystem, es ist ein psychisch sehr beruhigender Punkt. Der zweite ist das Shen-Men, das Tor der Seele. Er ist mit dem Herz verbunden, beruhigt ebenfalls stark. Die anderen Punkte – Niere, Leber und Lunge – sind Organpunkte. Diese Organe sind gemäss der chinesischen Medizin sogenannte Yin-Organe. Sie werden behandelt, um den Yin-Mangel auszugleichen, d.h. Energie zu geben.

Was versteht man unter Yin-Mangel?

Wir bestehen aus Yin und Yang. Yin ist das Standhafte, das Ruhende und Yang das Bewegende, das Feurige. Ist man gesund, sind Yin und Yang in Harmonie. Konsumiert man beispielsweise jahrelang Drogen, wird Yin verbraucht und das Gleichgewicht zerstört. Wird das Yin weniger, überwiegt das Yang. Betroffene sind oft sehr unruhig, können nicht schlafen, haben Wutausbrüche usw. Das Problem ist aber nicht das Yang, sondern der Mangel an Yin. Diese Menschen haben ein leeres Feuer in sich, d.h. sie haben Feuer, aber nicht das richtige Feuer. Durch das Stechen der drei Organpunkte wird das Yin wieder gefüllt. Die Patienten spüren, wie sie wieder Kraft bekommen.

Kommt Yin-Mangel auch bei Nicht-Süchtigen vor?

Die Traditionelle Chinesische Medizin geht nicht von Krankheitsbildern aus, wie wir sie im Westen kennen, sondern vom Energiezustand eines Menschen. Allgemein kann man sagen, dass jede chronische Erkrankung zu einem Yin-Mangel führt – sei es jahrelanger Stress, eine andauernde Depression, ein Trauma oder ständige Schlaflosigkeit.

Was verändert sich, wenn man die NADA-Punkte regelmässig stechen lässt?

Man wird ruhiger, gelassener, kann besser schlafen, ist körperlich und seelisch stabiler. In der Ausbildung haben wir auch Raucher erlebt, die keine Lust mehr hatten, eine Zigarette anzuzünden. Man muss die Behandlung selber erleben, um nachvollziehen zu können, wie entspannend, stärkend und harmonisierend sie wirkt. Da der Körper bei der Behandlung Endorphine ausschüttet, wirkt sie zudem auch schmerzlindernd.
Ich finde, dass man die Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll in Zukunft vermehrt auch ambulant anbieten sollte, weil es der Psyche einfach gut tut und die Selbstheilungskräfte anregt. Es gibt zwar schon einige Ambulatorien, etwa in Winterthur oder Männedorf, die das anbieten, aber es sind noch viel zu wenige.

Gibt es keine Kontraindikationen?

Das Schöne daran ist: Es gibt eigentlich keine Kontraindikationen, es ist auch für Menschen mit Blutverdünner oder Schwangere sicher – ausser kurz vor der Geburt, weil es die Wehen hemmen kann. Das einzige „Problem“ ist: Die Nadeln können, müssen aber nicht wehtun.

 

NADA in der Schweiz

In der Klinik Clienia Schlössli (www.clienia.ch) wird die Ohrakupunktur nach dem NADA-Protokoll  seit 2006 angeboten, zuerst nur auf der Suchtstation, mittlerweile auf allen zwölf Stationen – bei Patienten mit Depressionen, Stressfolgeerkrankungen usw.

Schweizweit gibt es rund 800 Ärzte und Pflegefachpersonen, die in der Methode geschult sind. Besitzen sie keine weitere Ausbildung in TCM, dürfen sie NADA allerdings nur innerhalb einer Institution anwenden – sei es in einer Klinik oder in einem Ambulatorium.

Weitere Infos sowie eine Liste der Kliniken und TCM-Therapeut/-innen, die die NADA-Akupunktur anbieten, findet man auf www.nada-acupuncture.ch.

 

Erschienen in: GlücksPost: © Marie-Luce Le Febve de Vivy