Kein Grund zur Scham

© Africa Studio - Fotolia.com

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Ungewollter Stuhlabgang zählt zu den peinlichsten Leiden – und kommt viel häufiger vor als vermutet. Kaum jemand wagt, offen über dieses Tabuthema zu reden, obwohl so viele Betroffene dringend Hilfe benötigten.

Stuhlinkontinenz trifft Frauen und Männer in jedem Alter, besonders häufig aber ältere Menschen. Gemäss einer Studie aus den USA, leiden über 15 Prozent der über 70-Jährigen unter Stuhlinkontinenz. Die Betroffenen bemerken den Stuhldrang entweder gar nicht oder sie können den Stuhl nicht lange genug halten, um das WC zu erreichen. Aus Scham trauen sie sich nicht, über ihr Problem zu sprechen und versuchen, allein mit der Situation fertig zu werden – mit der Folge, dass sie sich immer mehr zurückziehen und vereinsamen.

Barbara BurleinBesser wäre, offen mit dem Hausarzt darüber zu sprechen. Die GlücksPost hat bei Dr. med. Barbara Burlein (Bild) in St. Gallen, nachgefragt, was in solchen Fällen hilft. Die Fachärztin FMH für Allgemeinmedizin und Komplementärmedizin mit Weiterbildung in F.X.Mayr-Entgiftung hat schon zahlreichen Menschen mit Stuhlinkontinenz geholfen.

GlücksPost: Wie lebt es sich mit einer Stuhlinkontinenz?

Dr. med. Barbara Burlein: Der unkontrollierte Abgang von Stuhl und die damit verbundenen Gerüche sind für alle Betroffenen und Beteiligten äusserst peinlich und erzeugen Scham und Ekel. Trotz des unabdingbaren Tragens von Windeln können sich die Betroffenen nicht entspannen, denn beim geringsten Abgang von Stuhl zwingen die auftretenden Gerüche zu einem sofortigen Windelwechsel.
Der Kontrollverlust wird als äusserst einschränkend empfunden und hat weitreichende Folgen im beruflichen wie auch privaten Umfeld. Die gesamte Spontanität weicht einem zunehmenden Kontrollzwang. Zudem wird die Haut durch den oft sehr sauren Stuhl gereizt, was unangenehmes Brennen und Juckreiz erzeugen kann.

Was hindert daran, die Stuhl-Ausscheidung zu kontrollieren?

Die Ursachen sind vielfältig. Sie reichen von Schlaganfall, Alzheimer, Gehirntumor, Diabetes, Multiple Sklerose über Querschnittslähmung, Darmentzündungen bis hin zu muskulären Störungen und Verletzungen der Schliessmuskel. Oder als unerwünschte Nebenwirkung von Medikamenten (Psychopharmaka, überdosierte Abführmittel).

Wie sieht es mit chronischem Durchfall aus?

Chronische Durchfälle dauern mehrere Wochen bis Monate, mitunter auch jahrelang. Sie können schwere gesundheitliche Folgen haben und gehören unbedingt medizinisch abgeklärt. Mögliche Ursachen sind: Laktose-/Fruktoseintoleranz, Glutenunverträglichkeit (Zöliakie), Sorbitol, Abführmittel, Reizdarmsyndrom, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Darmkrebs, Überfunktion der Schilddrüse oder diabetische Nervenschädigungen.

Was empfehlen Sie?

Zu allererst eine medizinische Abklärung. Ziel ist, die individuellen Auslöser zu finden, um den Patienten von seinen Qualen zu erlösen. Der Mensch ist ein komplexes Wesen und es reicht nicht aus, sich einfach ein Medikament verschreiben zu lassen – wie etwa bei einem Auto, das man in die Reparaturwerkstatt bringt, um defekte Teile auszutauschen.
Im Laufe der letzten 20 Jahre habe ich sehr viele Menschen mit Stuhlunregelmässigkeiten behandelt und eines ist allen gemein: Sie leiden extrem. Stellen Sie sich einen Banker vor, der die Windeln 10 bis 20 Mal während der Arbeitszeit wechseln muss. Oder einen Busfahrer, der nicht sofort ein WC aufsuchen kann.
Kommt dazu: Die Betroffenen verlieren ständig lebenswichtige Mineralstoffe und Vitamine. Die Hormondrüsen und Nebennieren können nicht mehr richtig funktionieren, die Vitalität nimmt ab und viele Folgeerkrankungen können eintreten.

Was hilft?

Äusserst wichtig ist, die Darmflora wieder aufzubauen sowie Leber und Bauchspeicheldrüse zu stärken. In meiner Praxis teste ich Patienten zudem auf mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeiten, was zentral ist, um vermehrte Gasansammlungen im Darm rasch möglichst zu reduzieren.
Für alle gilt es, ein paar einfache, aber äusserst hilfreiche Essensregeln zu beherzigen:
– Möglichst basisch essen (mehr Gemüse, Früchte, frische Kräuter) und saure Nahrungsmittel (wie Fleisch, Wurst, Zuckerhaltiges, Süssmittel, Fertigprodukte usw.) minimieren.
– Wärmendes essen: nicht alles kalt oder gekühlt aus dem Kühlschrank essen. Sondern frisch zubereitete warme Speisen geniessen, evtl. mit wärmenden Gewürzen wie Ingwer, Kardamom, Koriander, Nelken, Zimt, Kurkuma oder Kreuzkümmel.
– Langsam essen: Enorm wichtig ist gründliches Kauen (mindestens 20 bis 30 Mal pro Bissen), bis die Nahrung im Mund flüssig wird.
– Das altbekannte Sprichwort „Kaiser – König – Bettler“ ist für den Darm entscheidend. Abends sollte man auf schwer Verdauliches verzichten, wenig essen (z.B. basische Gemüsesuppen), oder öfters das Abendessen ganz ausfallen lassen, denn nachts verfügen wir nur über minimale Verdauungskraft. Morgens hingegen verdauen unsere Bauchorgane bestens, daher können wir uns ein „kaiserliches“ Frühstück gönnen.
– Täglich mindestens 2 bis 3 Liter (kohlensäurearmes bzw. -freies)Wasser  oder basische Kräutertees trinken – möglichst warm, denn dies erhöht die Verdauungskräfte.
– Jeglicher Stress vermehrt die Gasansammlung im Darm. Um zu Entschleunigen sollten immer wieder Momente der Stille eingeschaltet werden.  Bewusste Atemzüge bis in den Bauch hinab, helfen, den Dünndarm-Inhalt zu durchmischen und werden elastischer Lungenzug genannt.

 

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy