Die zehn häufigsten Mythen

© Dirima - Fotolia.com

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Kopfschmerzen sind eine weit verbreitete Volkskrankheit. Manche Betroffene leiden sogar täglich daran. Trotzdem wissen viele Menschen zu wenig übers Thema und es gibt eine Reihe populärer Irrtümer, die sich um Kopfschmerzen ranken.

 

Irrtum 1:

„Migräne ist die häufigste Art von Kopfschmerzen.“

Tatsache ist: Spannungskopfschmerzen sind häufiger als Migräne. Nahezu 40 Prozent der  erwachsenen Bevölkerung leiden unter dieser Art von Kopfschmerzen, die von der Halswirbelsäule, Fehlhaltungen, Muskelverspannungen oder Schlafmangel ausgehen. Von Migräne-Attacken betroffen sind etwa 10 Prozent der Bevölkerung. Einseitige, äusserst schmerzhafte Cluster-Kopfschmerzen im Bereich von Auge und Schläfe sind eher selten und beeinträchtigen weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Nebst übermässigem Alkohol- oder Nikotingenuss kann auch der zu häufige Griff zu Schmerzmitteln einen Brummschädel verursachen.

Irrtum 2:

„Nur Erwachsene bekommen Kopfschmerzen.“

Tatsache ist: Für Kinder ist es nicht immer einfach, ihre Beschwerden in Worte zu fassen und als Kopfschmerzen zu definieren. Dennoch sind Migräne und chronischer Kopfschmerz bei Kindern und Jugendlichen dramatisch auf dem Vormarsch: Klagten in den 70er-Jahren nur 14 Prozent von ihnen über Kopfschmerzen, sind es heute 60 bis 80 Prozent! Etwa zwölf Prozent leiden an Migräneanfällen, oft chronisch. Kopfschmerzen zählen heute zu den häufigsten Gesundheitsstörungen in der Schule. Als mögliche Auslöser gelten nicht nur volle Terminkalender oder Erfolgsdruck, sondern u.a. auch Reizüberflutung durch (aggressive) Computerspiele, Fernsehen und laute aufpeitschende Musik, zu wenig Schlaf, mangelnde Bewegung oder falsche Ernährung.

Irrtum 3:

„Hinter chronischen Kopfschmerzen stecken psychische Probleme.“

Tatsache ist: Wer am Arbeitsplatz oder in der Schule öfters wegen Kopfschmerzen fehlt, wird leichtfertig als empfindliche Mimose oder Drückeberger betitelt. Zu Unrecht, denn Kopfschmerzen sind das Ergebnis von biochemischen Veränderungen im Gehirn. Wird das Nervensystem gestresst – sei es chemisch, biologisch, emotional oder psychologisch – können Kopfschmerzen die Folge sein. Andauernd Kopfweh zu ertragen und nicht in den Griff zu bekommen, kann psychisch belasten. Psychische Herausforderungen sind hingegen selten die Ursache von Kopfschmerzen.

Irrtum 4:

„Migräne-Patienten sind häufig depressiv.“

Tatsache ist: Migräne, Depression und Angststörungen können gemeinsam auftreten. US-Forscher haben sich damit befasst, woran dies liegen könnte. Sie fanden heraus, dass Migräne mit Aura zu 96 Prozent vererbt wird und häufig mit Depressionen gekoppelt ist. Ob die Schwermut angeboren (genetisch) ist oder Folge des Migräne-Leidensdruck ist, muss gehirnchemisch noch genauer erforscht werden. Nicht jeder, der an Depression erkrankt, wird von Migräne-Attacken geplagt. Und nicht jeder Migräne-Patient geht bedrückt durchs Leben. Ob wirklich ein Zusammenhang besteht, ist noch unklar. Klar ist bisher nur, dass Antidepressiva bei Migräne nicht unbedingt helfen. Und Migränemittel umgekehrt keine Depression lindern.

Irrtum 5:

„Sehe ich keine blinkenden Lichter oder eine Aura, ist es keine Migräne.“

Tatsache ist: „Aura“ ist ein weiter Begriff, wie sich Migräne-Symptome vor oder während einer Attacke auf die Sinne auswirken können. Manche Menschen sehen blinkende Lichter, Farbpunkte oder wellige bzw. gezackte Linien. Die „Aura“ kann aber auch andere Sinne aktivieren und beispielsweise die Ohren „klingeln lassen“ oder den Geschmacks-, Geruchs- oder Tastsinn verändern. Das „komische Gefühl“ kann 15 bis 60 Minuten dauern.

Irrtum 6:

„Das Wetter ist schuld an meinen Kopfschmerzen.“

Tatsache ist: Ob Föhn oder Temperaturschwankungen – viele Kopfschmerz- und Migränepatienten nehmen an, dass das Wetter ihre Beschwerden auslösen. Auch wenn es wenig aussagekräftige Studien dazu gibt, heisst das nicht, dass Betroffene nicht richtig spüren. Ein Übermass an sogenannten „positiven Ionen“ in der Luft – bei Föhn, herannahenden Sturmfronten oder in Stadtzentren – kann Kopfschmerzen und Verspannungen fördern. Entspannung bringen „negative Ionen“, die die Luftatmosphäre waschen – sei es durch einsetzenden Regen, ein entladendes Gewitter oder einen kräftigen Wasserfall.

Irrtum 7:

„Nur Medikamente bringen Erleichterung.“

Tatsache ist: Kopfschmerzen sind das Resultat zahlreicher Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen. Schmerzmittel sind oft nötig, um Kopfschmerzen zu behandeln, sie sind aber nur selten die vollständige Lösung. Bei chronischen Kopfschmerzen braucht es eine Analyse durch den Arzt. Es gibt über 100 Behandlungs- und Präventionsmethoden. Zu den neuesten Hilfsmitteln zählt beispielsweise das futuristisch anmutende Anti-Migräne-Elektrogerät „Cefaly®“, das von belgischen Wissenschaftlern entwickelt wurde und die Hirnnerven stimulieren soll.
Für eine Therapie reichen Medikamente oftmals nicht aus, es braucht zusätzlich Änderungen im Lebensstil (Ernährung, Bewegung, Schlaf, Umgang mit Genussmitteln).

Irrtum 8:

„Migränemittel helfen auch bei Spannungskopfschmerzen.“

Tatsache ist: Rezeptfreie Arzneien, die Spannungskopfschmerzen lindern, können auch bei Migräne helfen.  Umgekehrt ist dies kaum der Fall: Migränemittel bringen in der Regel keine Entlastung bei anderen Arten von Kopfschmerzen.

Irrtum 9:

„Frauen sind anfälliger für Migräne, weil sie emotionaler sind.“

Tatsache ist: Drei von vier Personen, die eine Migräneattacke erleiden, sie Frauen. Dies hat aber nichts mit extremer Gefühlsbetontheit zu tun, sondern hängt von Hormonen ab. Gemäss epidemiologischen und klinischen Studien spielt das weibliche Sexualhormon Östrogen eine Hauptrolle. Das (plötzliche) Absinken des Östrogenspiegels kann Migräne auslösen.
Interessant ist, dass

  • Migräne vor der Pubertät bei Jungen und Mädchen gleich häufig vorkommt.
  • Bei vielen Betroffenen Migräneattacken erst mit der Pubertät auftreten.
  • Einige Frauen erst dann Migräne bekommen, wenn sie die Anti-Baby-Pille schlucken.
  • Bei vielen Frauen die Attacken während einer Schwangerschaft wie durch ein Wunder verschwinden.
  • Viele Frauen erleben, dass sich ihre Migräne mit der Menopause deutlich bessert.

Irrtum 10:

„Kopfschmerzen sind harmlos und niemals lebensbedrohend.“

Tatsache ist: Die meisten Kopfschmerzen sind ungefährlich. Die „schlimmsten Kopfschmerzen Ihres Lebens“ oder neurologische Symptome wie verschwommene Sicht bzw. Schwäche können aber Warnzeichen sein, die medizinischer Soforthilfe bedürfen. Einen Arzt aufsuchen sollte man auch, wenn das Kopfweh einen veränderten Schmerzcharakter hat und extrem stark pocht. Oder Kopfschmerzen regelmässig auftreten und Schmerzmittel nicht ausreichend helfen. Wer monatlich mehr als 8 bis 10 Mal Schmerzmittel schluckt ist ebenfalls gut beraten, zum Doktor zu gehen. Denn Schmerzmittel-Übergebrauch ist löst Kopfschmerzen aus…

 

Erschienen in: astreaAPOTHEKE. © Marie-Luce Le Febve de Vivy