Wenn Hoffnung heilt

© fotoknips - Fotolia.com

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Was genau unterstützt das Gesundwerden? Tatsache ist: Auch Pillen ohne medizinischen Wirkstoff, sogenannte Placebos, können dies tun, wenn man an ihre Wirkung glaubt. Umgekehrt können Medikamente aber auch krank machen, wenn man Angst hat oder negativ eingestellt ist.

Wer kennt das nicht: Voller Hoffnung bezieht man in der Apotheke das neue Medikament, das der Arzt soeben verschrieben hat. Doch kaum liest man den Beipackzettel, fragt man sich, ob man diese Medizin überhaupt schlucken will. Denn die lange Liste der möglichen Nebenwirkungen löst Angst aus.

© Niels P. Jørgensen

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Neueste Forschungen zeigen: Wie gut oder schlecht ein Medikament wirkt, hängt nicht nur von seinen Wirkstoffen ab. Sondern ebenso von unserer Erwartungshaltung. Aufgrund persönlicher Leidenserfahrungen ist die deutsche Medizin-Autorin Antje Maly-Samiralow (Bild) der Frage nachgegangen, welche Rolle allfällige positive oder negative Einstellungen spielen, wenn es darum geht zu gesunden. Sie kam zum Schluss: „Die heilsame Wirkung so mancher Tablette und so manchen Eingriffs geht zu einem guten Teil auf des Konto des Placebo-Effekts“.
Konkret: Experten gehen davon aus, dass bis zu 70 Prozent eines Therapie- bzw. Heilungserfolgs davon abhängt, mit welchen Gefühlen, Überzeugungen und welcher Einstellung wir Pillen schlucken oder eine Operation begrüssen.

Placebo-Effekt oder Nocebo-Effekt?

Heutzutage gibt es unzählige wissenschaftliche Studien, die belegen, welch prominente Rolle unsere Erwartungshaltung spielt, wenn es um Gesundung geht. Die Forschung unterscheidet zwischen sogenannten Placebos und Nocebos. „Unter dem Placebo-Effekt werden körperliche wie auch psychische Reaktionen von Patienten verstanden, die ihre Situation deutlich verbessern und die nicht auf einen spezifischen Wirkstoff eines Medikaments zurückgeführt werden können“, so Maly. Vom Nocebo-Effekt ist die Rede, wenn Scheinmedikamente negative Nebenwirkungen auslösen oder krank machen, obwohl keine Wirkstoffe im Spiel waren. Ursache sind dann Angst und negative Einstellungen.

Wozu Placebos?

Der Einsatz von „Scheinmedikamenten“ (wie beispielsweise Zuckerpillen oder Kochsalzlösungen) ist nichts Neues und wurde bereits in der Antike praktiziert. Tatsache ist: Im Zweiten Weltkrieg mangelte es an schmerzstillendem Morphin. Deshalb wurde den verwundeten Soldaten stattdessen eine Kochsalzlösung eingespritzt. Und die wirkte. Dies veranlasste den Militärarzt Henry Beecher, mit der Placebo-Forschung zu starten.

Heutzutage werden sogenannte Placebos vor allem in der Forschung eingesetzt – beispielsweise in sogenannt doppelblinden Studien, wenn es darum geht, die Wirkung von neu entwickelten Medikamenten mit wirkstofffreien Scheinmedikamenten zu vergleichen.

Ohne Hoffnung keine Heilung

Als Mediziner ihre Medikamente noch selber herstellten, fragte niemand danach, was sie enthielten. Hauptsache, sie wirkten. Schon damals lag die Genesung womöglich daran, dass die Worte des Arztes die Kraft hatten, die Heilung zu fördern. „Worte sind das mächtigste Werkzeug, über die ein Arzt verfügt. Worte können allerdings – wie ein zweischneidiges Schwert – sowohl tief verletzen als auch heilen“, erklärt die Autorin. Die Erwartungshaltung eines Patienten hängt stark davon ab, ob der Arzt ihm Hoffnung macht. Oder ob er ihn mit Worten abserviert, die (Todes-)Angst auslösen. Wie beispielsweise: „Sie haben nur noch fünf Monate zu leben“.

Damit der positive Placebo-Effekt eintritt, muss sich der Arzt dem Patienten zuwenden und sich Zeit für ihn nehmen. Dies gilt auch für Angehörige und Freunde. „Was Patienten brauchen sind Hoffnung und Menschen, die willens und in der Lage sind, ihnen Hoffnung zu geben und sie zu unterstützen.“

Was kann ich selber machen?

Das Gelingen einer medizinischen Therapie hängt selbstverständlich nicht nur vom kommunikativen Können und Einfühlungsvermögen der Ärzte ab. Sondern genauso von der Bereitschaft, sich für die eigene Gesundheit zu engagieren. Basierend auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Placebo-Forschung rät Antje Maly-Samiralow:

  • Vertrauen Sie Ihrem Arzt und befolgen Sie die besprochenen Therapien mit ganzem Herzen und voller Überzeugung.
  • Falls Sie von der Richtigkeit der Behandlung nicht überzeugt sind, sollten Sie Ihre Zweifel mit dem Arzt besprechen. Verlassen Sie seine Praxis nicht mit einem schlechten Gefühl.
  • Betrachten Sie die Medikamente als etwas Wertvolles, das Ihnen hilft. „Zelebrieren“ Sie die Einnahme, indem Sie die Pillen beispielsweise auf einem kleinen Silbertablett bereitlegen.
  • Wenn Sie gläubig sind: Beten Sie für Ihre Gesundung.
  • Aktivieren Sie Ihre innere Apotheke bzw. Ihre Selbstheilungskräfte, indem Sie sich (regelmässig) bildlich vorstellen, wie es sich anfühlt, wieder gesund zu sein. Je intensiver Sie in diese Bild- und Gefühlswelt eintauchen, desto besser.
  • Falls Sie eher ängstlich oder hypochondrisch veranlagt sind: Ersparen Sie sich, die Nebenwirkungsliste auf dem Beipackzettel eines Medikamentes zu lesen! Im Zweifelsfalle besprechen Sie sich besser mit dem Arzt oder der Apothekerin Ihres Vertrauens.
Maly-Samiralow, Das Prinzip Placebo_webDas Buch zum Thema

„Das Prinzip Placebo. Wie positive Erwartungen gesund machen“ von Antje Maly-Samiralow ist im Verlag Knaur Mens Sana erschienen und kostet CHF 27.90. Die Autorin präsentiert spannende Beispiele für den Placebo- bzw. Nocebo-Effekt.

 Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy