Was steckt hinter Hashimoto?

© ruigsantos

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Sie trifft vor allem Frauen ab 40. Die Autoimmunerkrankung Hashimoto-Thyreoiditis, eine Schilddrüsenentzündung mit Unterfunktion der Schilddrüse, ist zwar unheilbar – aber sie lässt sich gut und behandeln.

Beat MüllerWas die Autoimmunerkrankung Hashimoto auslöst, ist bisher noch nicht ausreichend erforscht. Fest steht, dass Frauen sehr viel häufiger davon betroffen sind als Männer. Gemäss Prof. Dr. Beat Müller, Chefarzt Medizinische Universitätsklinik am Kantonsspital Aarau, sind hierzulande rund zehn Prozent der älteren Frauen betroffen – also rund 200‘000 Frauen.
Die GlücksPost hat beim Endokrinologie-Experten nachgefragt, woran dies liegt und wie die unheilbare Autoimmunerkrankung behandelt wird.

Was genau ist eine Hashimoto-Thyreoiditis?

Prof. Dr. Beat Müller: Es handelt sich um eine Entzündung der Schilddrüse, die erstmals vor etwa 100 Jahren vom japanischen Arzt Hakaru Hashimoto beschrieben wurde. Zu seiner Zeit ging es um vergrösserte Schilddrüsen, die entzündet waren. In der Schweiz dominieren heutzutage sogenannt atrophe (verkleinerte) Schilddrüsen, die durch eine fehlgeleitete Autoimmunfunktion zerstört werden. Dadurch kommt es zu einer Unterfunktion der Schilddrüse.

Was sind Beschwerden, die auf eine mögliche Erkrankung hindeuten?

Die Entzündung selber bemerkt man nicht. Es ist eine schleichende Entzündung, die man erst bemerkt, wenn die Schilddrüse als Organ nicht mehr richtig funktioniert, da nicht genügend Schilddrüsenhormone produziert werden.
Schilddrüsenhormone sind der Brennstoff des Körpers. Mangelt es an diesem Brennstoff, fährt der ganze Organismus ein wenig herunter. Man neigt zu Verstopfung, hat schneller kalt, die Haut ist eher trocken, der Puls langsamer, die Haare sind struppiger. Da der Energieverbrauch des Körpers sinkt, nimmt man zu, wenn man gleichviel wie bisher isst.
Viele dieser Symptome kommen auch in der Allgemeinbevölkerung vor.  Das heisst: nicht jede Frau, die verstopft ist, kalt hat oder zunimmt, leidet an einer  Unterfunktion. Dennoch ist die Krankheit relativ häufig.

Man hört immer wieder von Patienten, die eine Arzt-Odyssee hinter sich haben, bis ihre Hashimoto-Krankheit erkannt wurde. Ist die Diagnose so schwierig?

Der Test ist ziemlich einfach. Es geht mehr darum, dass der Arzt daran denkt, diese Untersuchung zu machen. Bei unspezifischen Symptomen, die nicht einzuordnen sind, machen Hausärzte heutzutage aber meistens einen Test, um das TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon) im Blut zu messen. Das ist der Botenstoff, der anzeigt, ob eine Unterfunktion der Schilddrüse vorliegt.

Wieso sind vor allem Frauen betroffen?

Frauen neigen grundsätzlich häufiger zu Autoimmunerkrankungen. Ihr Immunsystem, das von aussen eindringende Viren, Bakterien und Parasiten abwehrt, greift plötzlich die eigenen Organe an. Sind die Gelenke betroffen, nennt man das Rheuma. Wird die Schilddrüse angegriffen, nennt man das Hashimoto.
Schwangerschaften gelten als eine mögliche Hypothese dafür, dass Frauen häufiger betroffen sind. Während der Schwangerschaft ist das Immunsystem der werdenden Mutter herabgesetzt, damit sie das Kind nicht abstösst, denn es handelt sich um ein genetisch fremdes Individuum, das sich in ihrem Körper einnistet.
Nach der Schwangerschaft wird das Immunsystem wieder hochgefahren. Darum entstehen Autoimmunerkrankungen oft nach einer Geburt. Befinden sich noch fötale Zellen oder fremde Keime im Blut der Mutter, werden diese nun bekämpft. Haben diese Fremdstoffe zufällig die gleiche Oberflächenstruktur wie die Schilddrüse, greift das Immunsystem auch die Schilddrüse an.
Hashimoto tritt auf, wenn die Schilddrüse zu etwa 90 Prozent zerstört ist. Das ist ein Prozess, der in der Regel 15 bis 20 Jahre dauert. Darum erhalten Frauen diese Diagnose meistens nach dem 40. Lebensjahr.

Ist Hashimoto vererbbar?

Es ist tatsächlich so, dass Autoimmunerkrankungen eine gewisse erbliche Komponente aufweisen. Nebst der genetischen Veranlagung braucht es aber einen Auslöser – wie eine Schwangerschaft, einen Infekt oder sonst ein Ereignis, das dazu führt, dass das Immunsystem anfängt zu reagieren.

Hashimoto gilt als unheilbar. Wie sieht die Therapie aus?

Die Entzündung selber könnte man unterdrücken. Aber die hochpotenten Mittel (z.B. Kortisonpräparate), die man dazu bräuchte, stehen wegen ihrer Nebenwirkungen in keinem Verhältnis zum Nutzen.
Die Unterfunktion der Schilddrüse wird mit einer täglichen Tablette therapiert. Sie enthält das genau gleiche, natürliche Schilddrüsenhormon, wie der Mensch es auch selber produziert. Die Therapie hat null Nebenwirkungen, weil dem Körper nur das gegeben wird, was er selber nicht mehr hat.

Was passiert, wenn man keine Hormone einnimmt?

Dann hat man Nebenwirkungen, weil die Unterfunktion bestehen bleibt. Die Hirnanhangdrüse bildet dann weiterhin zu viel TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon). Das TSH ist mit einer Peitsche vergleichbar: Es peitscht die Schilddrüse an, Hormone zu produzieren. Und weil die Schilddrüse nicht mehr genügend Hormone bilden kann, produziert der Körper noch mehr TSH, um noch heftiger zu peitschen.
Nimmt man die Hormone hingegen ein, merkt der Körper: „Aha, jetzt kommen wieder genügend Schilddrüsenhormone“. Der TSH-Spiegel sinkt, da nicht mehr gepeitscht werden muss.

Muss das immer wieder gemessen werden?

Die Hormondosis hängt vom Körpergewicht und der Restfunktion der Schilddrüse ab. Ist die passende Dosis bestimmt, bleibt sie über Jahre sehr konstant. Die Kontrolle (THS) erfolgt nur noch einmal pro Jahr.

Gibt es Lebensstilveränderungen, die Sinn machen?

Wenn, dann mit dem Rauchen aufzuhören. Unter all den schädigenden Inhaltsstoffen im Zigarettenrauch gibt es auch solche, die die Schilddrüse und die Wirkung des Schilddrüsenhormons hemmen.

 © Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy