Mysterium Cholesterin

Copyright: Sagittaria/Fotolia

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Erhöhte Cholesterinwerte gelten als ungesund und gefährlich fürs Herz. Deshalb wurde stets empfohlen, tierisches Fett im Essen zu reduzieren. Doch neuerdings sind Speck, Koteletts und Eier wieder erlaubt. Wieso denn das?

Herzkreislauf-Krankheiten sind in der Schweiz nach wie vor die häufigste Todesursache. In den vergangenen Jahren diskutiert die medizinische Fachwelt allerdings intensiv darüber, welche Rolle Cholesterin bei der Entstehung von Herzerkrankungen wirklich spielt.
Um den Gesamt-Cholesterinspiegel und den Anteil des schlechten Cholesterins (LDL) zu senken, galt jahrelang: Hände weg von Nahrungsmittel voller tierischer Fette bzw. Cholesterin – wie Würste, Speck, Vollfett- und Doppelrahmkäse, Butter oder Eier.
Neuerdings gibt es rund um den Erdball Ärzte und Ernährungswissenschaftler, die an dieser Theorie zweifeln. Und davon ausgehen, dass unser Stoffwechsel immer noch so funktioniert, wie derjenige unserer Jäger-Ahnen. Sie raten deshalb zu einer Ernährung aus viel Fleisch, Fisch, Gemüse, Beeren und Nüssen. Und empfehlen, Getreide, Milchprodukte sowie Zucker möglichst zu verbannen.

Zwei Meinungen

Die Forschungsergebnisse zahlreicher aktueller Studien deuten zunehmend darauf hin, dass Cholesterin nicht einfach so für die Herz-Probleme moderner Menschen verantwortlich gemacht werden kann. Die Studien der Kardiologin Dr. Christie Ballantyn vom Baylor College of Medicine zeigen, dass Personen, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten, in über 50 % der Fälle keine erhöhte Cholesterinwerte aufwiesen.
Die medizinische Fachwelt teilt sich derzeit (vereinfacht gesagt) in zwei Lager: Auf der einen Seite sind die „Cholesterin-Gläubigen“, die Cholesterin als üblen Nährstoff sehen, der möglichst gemieden werden sollte. Auf der anderen Seite findet man „Cholesterin-Skeptiker“, die der Meinung sind, Cholesterin habe nichts mit Herzerkrankungen zu tun. Wer hat nun recht?

Was genau bewirkt Cholesterin?

Cholesterin ist grundsätzlich kein Übeltäter, sondern ein wichtiger Bestandteil des Stoffwechsels. Unser Körper bzw. unsere Zellen brauchen  Cholesterin:

  • um die Zellwände stabil und in Form zu halten. Cholesterin ist ein wichtiges Element, um  Zellschäden infolge verschiedener Entzündungen zu reparieren. Es ist immer im Kreislauf vorhanden und es konzentriert sich besonders an Stellen, wo Gewebe beschädigt ist –  als normale Reaktion des Organismus.
  • als Baustein zahlreicher Hormone (wie Testosteron, Östrogen und Progesteron)
  • zur Produktion von Gallensäuren
  • für eine gesunde Hirnaktivität, weil Serotonin-Rezeptoren im Gehirn nicht ohne Cholesterin funktionieren. Eine italienische Untersuchung kam zum Schluss, dass Menschen mit niedrigen Cholesterinwerten eher zu Selbstmord neigen.
Ist Zucker der Übeltäter?

Aktuell steht fest, dass das Risiko für Herzerkrankungen bei älteren Menschen auch bei normalem oder niedrigem Gesamtcholesterin besteht. Darum ist interessant zu wissen, dass Studien der letzten Jahre darauf hindeuten, dass Entzündungsprozesse bzw. Ablagerungen in den Blutgefässen mit einer grossen und überhöhten Aufnahme von Zucker (und einfachen Kohlenhydraten, die schnell in Zucker umgewandelt werden) zusammen hängen könnten.
Anthropologen haben berechnet, dass die Menschheit mehr als 150‘000 Generationen ohne sogenannte schnelle Zucker gelebt hat. Es sind erst sechs Generationen her, seit Zucker und raffiniertes Getreide (wie Weissmehl, Teigwaren und Fertig-Müeslis) eine Hauptrolle in der täglichen Ernährung spielen. Innert kurzer Zeit haben wir von einer zuckerarmen Ernährung zu einer Ernährung gewechselt, die übertriebene Mengen an Zucker enthält (Kuchen, Eis, Süssigkeiten, Fertigprodukte, Säfte usw). Dass unser Stoffwechsel damit überfordert ist und entgleist, liegt auf der Hand.

Was gilt nun?

Was die wenigsten wissen: Zu 80 Prozent wird Cholesterin im Körper selber gebildet. Die Ernährung spielt also „nur“ 20 Prozent. Wie cholesterinreiche Nahrungsmittel den Stoffwechsel beeinflussen, ist aufgrund der aktuellen Forschungsergebnisse noch nicht ganz klar. In Nordindien beispielsweise essen die Bewohner durchschnittlich 17 Mal mehr tierische Fette als die Bewohner aus den südlichen Gebieten Indiens. Trotzdem haben sie im Durchschnitt 7 Mal weniger Patienten mit Herzerkrankungen.

In unserem Nachbarsland Frankeich, wo Butter, Eier, Käse oder Enten- und Gänseleber regelmässig auf den Teller kommen, erleiden  80 von 100‘000 Menschen einen Herzinfarkt. Im Unterschied zu den USA, wo das Verhältnis 315 zu 100‘000 Menschen beträgt, obwohl der Fettgehalt in allen Lebensmitteln systematisch reduziert wurde.

Aufgrund der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse gilt: Sind die Cholesterin-Werte zu hoch, geht es weniger darum, tierische Fette zu meiden, als vielmehr den Verzehr von raffinierten Kohlenhydrate – wie Weissmehl und Fabrikzucker – zu reduzieren.

Um die Blutfettwerte zu senken, hilft zudem:

  • Regelmässige Bewegung
  • Viel Gemüse essen. Und immer wieder zu Zwiebeln und Knoblauch greifen, die schädliches LDL-Cholesterin mindern.
  • Eine Wohltat für die Gesundheit und das Herz sind auch ein paar Nüsse pro Tag – naturbelassen und ungesalzt.

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy