Tickende Zeitbombe

© bennyartist

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Ohne es zu ahnen leiden viele Menschen an einer Insulinresistenz. Je früher die stille Stoffwechsel-Entgleisung erkannt wird, desto besser lässt sich eine drohende Zuckerkrankheit abwenden – durch einfache, natürliche Massnahmen.

Diabetes ist in den vergangen 40 Jahren zur weltweiten Epidemie avanciert – meist gepaart mit Übergewicht. Zwischen 1993 und 2008 hat sich die Zahl der Personen, die weltweit an Diabetes erkrankt sind, von 35 Millionen auf 240 Millionen versiebenfacht! Aktuell sind es bereits 336 Millionen (davon rund 500’000 in der Schweiz), darunter zunehmend auch Kinder. Gemäss Schätzungen der Internationalen Diabetes Föderation (www.idf.org) werden bis zum Jahr 2030 bereits 552 Millionen Menschen an Diabetes und seinen Gesundheitsfolgen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Schäden an der Augennetzhaut, Nervenschäden, Nierenschäden oder diabetischer Fuss (inklusive Amputation) erkranken.
Was viele nicht wissen: Die grassierende Gesundheitsstörung beginnt mit einer sogenannten Insulinresistenz. Und lässt sich, je frühzeitiger erkannt, desto besser abwenden.

Störung im Zuckerstoffwechsel

Im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes, der angeboren ist, entsteht Typ-2-Diabetes (früher auch Altersdiabetes genannt) nicht von heute auf morgen – sondern über viele Jahre – als Folge eines ungesunden Lebensstils. Erstes Anzeichen der Stoffwechsel-Entgleisung ist die Insulinresistenz, auch Prädiabetes genannt. Es handelt sich um eine Störung im Zuckerstoffwechsel.
Vereinfacht gesagt: Unsere Körperzellen brauchen täglich Energie, um gut zu funktionieren. Das Hormon Insulin sorgt dafür, dass die Energie, die wir über die Nahrung aufnehmen, vom Blut in die Zellen gelangen kann. Insulin ist sozusagen der Türöffner zu den Zellen. Zudem ist es dafür zuständig, dass genügend, aber nicht zu viel Zucker im Blut zirkuliert. Ist der Blutzuckerspiegel nach dem Essen wieder auf ein normales Niveau gesunken, werden die Insulin-Tore geschlossen. Produziert wird Insulin in der Bauchspeicheldrüse – einem höchst empfindlichen Organ.

Erschöpfung der Bauchspeicheldrüse

Bei Menschen, die viel Zucker, Süssigkeiten, Softgetränke oder Weissmehlprodukte konsumieren, gelangen in kurzer Zeit immer wieder grosse Mengen an Zucker (Glukose) ins Blut. Wird diese Energie nicht umgehend für körperliche Arbeit oder sportliches Training verbraucht, muss die Bauchspeicheldrüse vermehrt Insulin ausschütten, um die Zuckerflut in den Griff zu bekommen. Unser Körper ist aber nicht darauf programmiert, dauernd überhöhte Mengen an Insulin auszuschütten. Auf die Dauer reagieren die Zellen – insbesondere die Leber-, Muskel- und Fettzellen – nicht mehr so gut auf die Signale des Insulins, sie werden insulinresistent. In der Folge braucht es immer mehr Insulin, um den Zucker im Körper zu verarbeiten.
Auch wenn Blutzuckerwerte in der Prädiabetes-Phase noch über Jahre hinweg normal erscheinen, sind die Insulinwerte bereits erhöht. Zur Diabetes-Erkrankung kommt es, wenn die überlastete Bauchspeicheldrüse nicht mehr fähig ist, genügend Insulin bereit zu stellen.

Anzeichen einer Insulinresistenz

Wer an Insulinresistenz leidet, neigt zur Gewichtszunahme: Kann der Organismus den Zucker nicht mehr verwerten, ist die Leber gezwungen, den Überschuss in Fett umzuwandeln. Die Kombination von Diabetes Typ 2 und Fettleibigkeit (auf Englisch „Obesity“), die daraus entsteht, wird in den USA als „Diabesity“ bezeichnet. Im deutschen Sprachraum redet man von „Diapositas“. Typisch sind Bauchfett („Rettungsring“-Syndrom), Fettstoffwechselstörungen (niedriges HDL, hohes LDL und hohe Triglyceride), Bluthochdruck, hoher Blutzucker sowie eine Tendenz zur Bildung von Blutgerinnseln.
„Diapositas“ beschränkt sich übrigens nicht auf fettleibige Personen, sondern trifft zunehmend auch normalgewichtige Menschen und Kinder. Obwohl sie schlank sind, sind sie „metabolisch fettleibig“, d.h. ihr Stoffwechsel tickt so, als wären sie übergewichtig. Sie haben zu wenig Muskelmasse, dafür zu viel Fett um die Körpermitte. Umgekehrt leidet nicht jede übergewichtige Person an Insulinresistenz.

Mögliche Anzeichen für „Diapositas“ sind:
  • Verlangen nach Zucker, vor allem nach den Mahlzeiten
  • Das Essen von Süssigkeiten stillt das Zuckerverlangen nicht
  • Müdigkeit nach dem Essen
  • häufiges Wasserlassen
  • vermehrter Durst und Appetit
  •  Schwierigkeiten abzunehmen
  • verlangsamte Magenentleerung
  • sexuelle Störungen
  • Sehstörungen
  • Taubheit und Kribbeln in den Extremitäten.

Als Hauptursachen der Insulinresistenz gelten klassischerweise eine stark zucker- und fetthaltige Ernährung, mangelnde Bewegung sowie dauerhafter Stress. Jüngste Untersuchungen legen nahe, dass zudem eine chronische Entzündung eine Rolle spielen könnte, die durch verschiedene Faktoren (mit-)ausgelöst wird, wie

  • Nahrungstoxine (v.a. raffinierter Weizen, Fruktose, industrielle Pflanzenfette)
  • Umweltgifte (wie Bisphenol A, Pflanzenschutzmittel oder Schwermetalle)
  • Mikronährstoffmangel (v.a. Magnesium und Vitamin D)
  • veränderte Darmflora
Insulinresistenz durchbrechen

Die gute Nachricht ist: Bei den meisten Menschen reichen einfache, dennoch sehr wirksame Massnahmen, um den Stoffwechsel wieder ins Gleichgewicht zu bringen und die Körperzellen wieder empfänglicher zu machen für das körpereigene Insulin. Der Arzt Dr. Mark Hyman, Autor des Ratgebers „Hoher Blutzucker – übergewichtig und mangelernährt“, rät

  • Richtig testen lassen: Die meisten Ärzte konzentrieren sich auf den Nüchtern-Blutzucker. Dies ist ein schlechter Indikator. Besser ist ein oraler Glucose-Toleranztest.
  • Lassen Sie sich nicht von Trenddiäten blenden. Die Grundlagen einer gesunden Ernährung sind einfach: Streichen Sie Zucker, raffinierte Kohlenhydrate und Fertigprodukte. Und essen Sie natürliche Lebensmittel wie Gemüse, mageres Eiweiss (Poulet oder Fisch), Nüsse, Samen, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte.
  • Ergänzen Sie Ihre Nahrung mit einem guten Multivitaminprodukt, Vitamin D sowie Omega-3-Fettsäuren. Hilfreich sind auch Biotin, Zimt und Grüntee.
  • Entspannen Sie sich mit tiefer Atmung, Yoga oder Visualisierungen. Stress ist ein verkannter Mitauslöser von  Insulinresistenz.
  • Bewegen Sie sich, gehen Sie jeden Tag mindestens 30 Minuten.

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy