Lebensfreude geht auch anders

© Yeko Photo Studio - Fotolia

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Alkohol hebt die Laune. Deshalb trinken manche Menschen immer wieder über den Durst – und schaden ihrer Gesundheit. Was ist harmlos und wo beginnt Alkoholismus? Und was lässt sich dagegen tun?

Ob an der sommerlichen Grillparty, beim Apéro nach der Arbeit mit Kollegen oder zum runden Geburtstag: Ein Gläschen Wein gehört meist dazu. Doch wo genau liegt die Grenze zwischen freudigem Genuss, übermässigem Trinken und krankhafter Sucht?
Zuerst die gute Nachricht: Der Alkoholverbrauch – dazu zählen Wein, Obstwein, Bier und Spirituosen – pro Person ab 15 Jahren ist in der Schweiz rückläufig. Lag er zur Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert noch bei spektakulären 259 (!) Litern pro Person, liegt er aktuell bei rund 112 Litern pro Jahr. In reinen Alkohol umgerechnet sind dies gemäss „Sucht Schweiz“ (www.suchtschweiz.ch) rund 8,3 Liter pro Kopf. Dies entspricht rund 66 Litern Wein (12 %), 166 Litern Bier (5 %) oder knapp 21 Litern Schnaps (40 %) pro Person und Jahr. Die Schweiz liegt damit im europäischen Mittelfeld.
Die weniger gute Nachricht ist: Es handelt es sich dabei lediglich um Durchschnittswerte für die gesamte Bevölkerung ab 15 Jahren – abstinente Personen miteingerechnet. Tatsache ist, dass die Hälfte des Alkohols von einer Minderheit von 11 Prozent der erwachsenen Bevölkerung getrunken wird. Im Klartext bedeutet dies: Rund jeder neunte Erwachsene hierzulande hat ein echtes Alkoholproblem!

Ab wann ist man Alkoholiker?

Experten unterscheiden zwischen risikoarmem,  problematischem und abhängigem Konsum. Die Grenze zwischen Genuss und  übermässigem Alkoholgenuss ist fliessend und nicht einfach zu bestimmen. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO erhöhen sich die Gesundheitsrisiken, wenn eine Frau chronisch mehr als zwei Standardgläser trinkt. Beim Mann steigt das Risiko ab vier Standardgläsern.
Die Gefahr, dass auch Genuss Sucht wird, ist nicht bei allen Menschen gleich gegeben. Eine Person, die aus Liebeskummer oder Arbeitsfrust während einer gewissen Zeitspanne regelmässig über den Durst trinkt, ist noch lange keine Alkoholiker. Klare Anzeichen einer Alkoholabhängigkeit sind hingegen:

  • Kaum bezwingbares Verlangen nach Alkohol (sogenanntes „Craving“).
  • Man verträgt immer höhere Mengen an Alkohol.
  • Arbeit, Hobbies und soziales Leben werden zunehmend vernachlässigt.
  • Entzugssymptome (wie zitternde Hände, Unruhe), wenn man nicht trinkt.

Obwohl man weiss, dass man sich selber Schaden zufügt, kann man als Alkoholiker die Finger nicht von der Flasche lassen. Manche Trinker schaden auch anderen Mitmenschen, indem sie Unfälle bauen, gewalttätig werden oder Kinder vernachlässigen.

Eine echte Krankheit

Auch wenn der Hang zur Flasche verpönt ist, gibt es keinen Anlass, mit dem Finger auf Betroffene zu zeigen. Denn Alkoholsucht ist offiziell eine Krankheit und kein Zeichen von Willensschwäche. Wieso einige Menschen süchtig werden und andere nicht, hängt von zahlreichen Faktoren ab – von den Genen über eine niedrige Stresstoleranz, ernsthafte Probleme in der Kindheit, kulturelle Trinksitten (man stösst mit Alkohol auf etwas an), Arbeitslosigkeit bis hin zur Verfügbarkeit des Alkohols. Eine typische  „Alkoholikerpersönlichkeit“ gibt es nicht.
Für Menschen, die übermässig trinken oder schon alkoholabhängig geworden sind, gibt es keinen Grund, sich zu schämen oder minderwertig zu fühlen. Aber sehr viele Gründe, sich rasch möglichst Hilfe zu holen, denn je länger und je mehr Alkohol konsumiert wird, desto grösser die Gesundheitsschäden und desto heftiger die Persönlichkeitsveränderungen, die bis zur Verwahrlosung führen können.

In der Schweiz gibt es zahlreiche ambulante und stationäre Therapie-Möglichkeiten, die von der Grund-Krankenkasse übernommen werden. Besteht bereits eine Alkoholabhängigkeit, sollte der Entzug unbedingt unter ärztlicher Kontrolle in einer Klinik durchgeführt werden. Die eigentliche Entzugsphase dauert rund zwei Wochen und dient dazu, den Körper zu entgiften. Während der anschliessenden Entwöhnungsphase (stationär und/oder ambulant) lernt man in Einzel- und Gruppengesprächen, was hilft, trocken zu bleiben. Dazu gibt es Sport, Entspannungsübungen und kreatives Schaffen (wie Malerei, Töpfern usw.).

Trocken bleiben

Ziel der Therapie ist in der Regel, lebenslang abstinent zu bleiben. Es gibt auch Angebote, mit denen man lernen kann, kontrolliert zu trinken – was aber oft scheitert.
Die wahre Herausforderung folgt nach der Therapie, denn Alkoholgenuss wird nicht nur im Familien- und Freundeskreis, sondern auch in zahlreichen Spielfilmen und in der Werbung zelebriert. Zudem vergeht kaum eine Woche ohne unzählige (Wein-)Aktionen.

Eine neue wissenschaftliche Untersuchung von Sucht Schweiz belegt, dass höhere Preise den Alkoholkonsum (von jungen Menschen) erheblich senken könnten. „Mit dem Wertverlust des Euros sind auch die Preise für Importbiere weiter gesunken. Die billigsten Halbliter-Büchsen kosten heute nur mehr 45 Rappen“. Gemäss der Studie würden 53 % der Konsumenten und Konsumentinnen weniger Bier trinken, wenn der Mindestpreis bei CHF 1.50 liegen würde. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen wären es gar 64 %. Würden die allgemeinen Alkoholpreise um 25 % erhöht, wäre dies für die Hälfte der Befragten ein Grund, weniger zu trinken.

Definition Standardglas

Ein Standardglas Alkohol enthält in der Regel zwischen 10 und 12 Gramm reinen Alkohol. Dies entspricht:

  • 1 Stange Bier (3 dl)
  • 1 Glas Wein (1 dl)
  • 1 Gläschen Schnaps (4 cl)
  • 1 Whisky (4 cl)
  • 1 Alcopop (3 dl mit 5 %)
  • 1 Martini (1 dl)

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy