Kneippen Sie doch mal wieder!

Copyright: Bad Wörishofen

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Armbad statt Akupunktur, Ringelblumentee statt Ingwerwasser, heisser Heublumensack statt einer Massage mit warmem Sesamöl: Die traditionelle europäische Medizin ist heute wieder gefragt – insbesondere auch die Anwendungen des „Wasserdoktors“ Sebastian Kneipp.

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gesunde so nahe liegt? Nicht nur bei der Ernährung, sondern auch bei der ganzheitlichen Medizin besinnen wir uns zunehmend wieder auf regionale Werte. Auch wenn die asiatische Heilkunst (wie TCM, Ayurveda oder traditionelle Tibetische Medizin) unbestritten eine wertvolle Ergänzung zur westlichen Schulmedizin darstellt, rückt die traditionelle europäische Medizin – kurz TEM genannt – wieder ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit.

Pfarrer Kneipp

Pfarrer Kneipp

Dazu zählen etwa die mittelalterliche Klostermedizin oder die Kneipp-Kur, die im 19. Jahrhundert von Pfarrer Sebastian Kneipp (1821 – 1897) im deutschen Bad Wörishofen entwickelt wurde. Im Alter von 28 Jahren erkrankte Kneipp, der ursprünglich aus einer bedürftigen Familie stammte, an Tuberkulose, der gefürchteten Arme-Leute-Krankheit. Durch kalte Winterbäder in der Donau heilte er sich selbst.
Obwohl er immer wieder angefeindet und angeklagt wurde, entwickelte der Pfarrer seine (Wasser-)Heilkunst weiter. Über die Jahre strömten im Sommer zunehmend Heilsuchende nach Wörishofen. Der „Wasserdoktor“ wurde mit seinem Heilwissen in ganz Europa bekannt. Selbst Papst Leo XIII. liess sich von ihm behandeln.

Die goldenen Regeln des Pfarrers

Ähnlich wie die traditionelle chinesische Medizin TCM umfasst die Kneipp-Therapie fünf Elemente. Es sind

  1. Wasser
  2. Heilkräuter
  3. Ernährung
  4. Bewegung
  5. Innere Ordnung.

Dass wir beim Wort „Kneippen“ unweigerlich an eiskalte Wasseranwendungen denken, kommt nicht von ungefähr: Die Hydrotherapie spielt bei der Kneipp-Medizin die Hauptrolle – mit über 120 verschiedenen Wickeln, Waschungen, Bäder, Güsse und Wassertreten, die den Kreislauf anregen und die Abwehrkräfte stärken. Und dazu beitragen, Stress abzubauen und die Muskulatur zu entspannen. Um Kopfschmerzen abzuleiten oder ein unruhiges Herz zu beruhigen empfiehlt Kneipp beispielsweise Armbäder.
Tipp: In der Schweiz gibt es quer durchs Land zahlreiche (kostenlose) Kneippanlagen, mitten in schöner Natur (siehe: www.kneipp.ch).

Kräuter, Getreide und Schweiss

Der einst umstrittene Pfarrer Kneipp, der heutzutage zu den Galionsfiguren der TEM zählt, beschränkte seine ganzheitliche Gesundheitslehre nicht nur auf Wasseranwendungen. Grossen Wert legte er auch auf die Heilkraft von Kräutern, die er selbst zubereitete und kostete. „Mit Wasser und Pflanzen wird man verbessern können, was an der Gesundheit der Menschen verdorben wurde“, liess der Pfarrer 1892 in einem Vortrag wissen.
Tipp: Ob entspannende Badezusätze, vitalisierende Kräutertees, pflegende Salben oder Vitamin-Tabletten – fixfertige Kneipp-Produkte gibt es heutzutage bei Migros, Coop und online (www.kneipp-schweiz.ch).

Kneippen SalattellerWeniger bekannt sind Kneipps Ansätze im Bereich Ernährung, Bewegung und Seelen-Balance. Beim Essen empfahl er bodenständige, einfache, regionale Kost. Zu einer vollwertigen Ernährung zählten für ihn Vollkorngetreide, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, täglich rund 650 Gramm saisonales Gemüse und Obst (möglichst roh) sowie Milch bzw. milchsaure Produkte. Gleichzeitig empfahl er, sich bei Fleisch, Alkohol, Koffein, Salz und Zucker zu mässigen. Und das bereits vor 150 Jahren!
Tipp: Lieber mit Kräutern als mit Salz würzen!

Kneipp Fahrrad fahrenBezüglich natürlicher Bewegung und frischer Luft: Gold wert waren für den „Wasserdoktor“ die Schweissperlen, die durch körperliche Anstrengung wie Gymnastik oder Wandern entstanden. Als weniger wertvoll erachtete er den Schweiss aus einer Badestube (heute würde man von Sauna sprechen).
Tipp: Gemäss Kneipp sind die besten Bewegungsübungen diejenigen, die viel Sauerstoff erfordern, grössere Muskelgruppen beanspruchen, während allermindestens 3 bis 5 Minuten durchgeführt werden und zum Schwitzen bringen. Dazu zählen Waldläufe, Skiwandern, Velofahren, Schwimmen.

Kneipp: „Vergesst mir die Seele nicht“

Kneipp interessierte sich auch für die innere Balance, obwohl Stress und Burnout vor 150 Jahren noch absolute Fremdwörter waren. Für den Pfarrer stand aber fest, dass der Mensch eine Leib-Seele-Einheit bildet. Und dass nebst körperlicher Gesundheit auch auf das Wohlbefinden der Seele zu achten ist. Die Religion, die Verbindung zum Göttlichen erachtete er als besonders zentral für das Seelenglück. Wie richtig er das sah, belegt die moderne Wissenschaft: Studien zeigen, dass gläubige Menschen Lebenskrisen leichter meistern und weniger selbstmordanfällig sind.

Kneipp MeditierenTipp: Heutzutage würde Sebastian Kneipp beispielsweise auch Meditation,  Gespräche mit Nonnen oder eine Auszeit in einem Kloster empfehlen. Oder das Wandern auf dem neuen Glücksweg in Bad Wörishofen, dem Geburtsort der Kneipp-Methode. Der etwa fünf Kilometer lange Weg vorbei an der Glücksinsel im Kurpark, erfrischenden Kneippbecken und -brunnen sowie Heilkräutergärten erzählt die Geschichte mystischer und heilender Orte mit Anekdoten und Gedichten rund um das Leben des Pfarrers.

Infos: www.bad-woerishofen.de

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy