Endlich eine neue Niere!

FOTO: TOINI LINDROOS

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Niere, Leber, Lunge, Herz, Bauchspeicheldrüse: In der Schweiz warten rund 1370 Menschen auf ein Spenderorgan. Oft jahrelang. Eine von ihnen war Sandra Schilling – bis der entscheidende Anruf kam.

Um 4 Uhr in der Nacht erreicht mich die Nachricht: „Bin im Spital, sie haben eine Niere für mich. Bin total hysterisch und ahnungslos. Wünsche mir Glück und denk an mich“. Absenderin der SMS ist meine Freundin Sandra Schilling (49), die seit sieben Jahren dreimal pro Woche jeweils für 3,5 Stunden zur Dialyse muss.
Wie ihr Vater leidet sie an polyzystischen Nieren – einer genetischen Erkrankung, bei der sich mit Flüssigkeit gefüllte Zysten bilden, die das Nierengewebe zerstören. „Ich war anfangs 20 als ich davon erfuhr. Doch erst vor ein paar Jahren machte sich die Krankheit bemerkbar. Ich fühlte mich ständig müde und suchte den Arzt auf“. Die Laborergebnisse zeigen, dass ihre Kreatinin-Werte viel zu hoch sind. Kreatinin ist ein Abbauprodukt des Stoffwechsels, das normalerweise über die Nieren ausgeschieden wird. Steigt die Kreatinin-Konzentration, ist das ein Zeichen, dass die Filterfunktion der Nieren stark nachgelassen hat.

Der Arzt verordnet ihr deshalb eine Hämodialyse, ein Blutreinigungsverfahren, das bei Nierenversagen eingesetzt wird. Die zeitintensive Therapie stellt das Leben der allein erziehenden Mutter komplett auf den Kopf, sie muss ihre Stelle als Sekretärin aufgeben. „Der Dialyse-Arzt riet mir, mich auf die Warteliste für eine Spenderniere eintragen zu lassen, denn ich sei viel zu jung für eine lebenslange Dialyse“. Obwohl der Gedanke an eine Transplantation ihr Angst macht, lässt sich Sandra Schilling vor fünf Jahren auf die Liste setzen – nach zahlreichen Untersuchungen, die erforderlich sind.  „Von da an musste ich Tag und Nacht telefonisch erreichbar sein.“

Ständig in Bereitschaft

Am 6. Juni, um 2.40 Uhr nachts, kommt dann der Anruf vom Universitätsspital Zürich: „Da ist die Transplantationskoordinationsstelle, wir haben eine passende Niere für Sie. Bitte kommen Sie umgehend ins Spital. Können Sie um 4.00 oder um 4.30 Uhr da sein?“. Die sonst schlagfertige Frau ist sprachlos, fühlt sich komplett desorientiert: „Ich tätigte zuerst noch meine Zahlungen per Online-Banking und packte dann meine Siebensachen in die nächstbeste Badi-Tasche, bevor ich meinen Sohn weckte, um mich zu verabschieden.“
Im Transplantationszentrum folgt eine Untersuchung der nächsten – von Fiebermessen über Lungenröntgen, EKG bis zum Abtasten des unteren Bauchraums (die Spenderniere wird vorne rechts oder links ins kleine Becken eingesetzt). „Das ging alles recht zackig.  Darum hatten sie gefragt, wann genau ich im Spital sein kann. Denn das Spenderorgan wird erst entnommen, wenn der Empfänger operationsbereit ist, weil es rasch transplantiert werden muss.“ Bis auf sehr seltene Ausnahmen stammen die gespendeten Organe immer aus der Schweiz. Da die Niere aus einem anderen Spital nach Zürich hertransportiert wird, muss Sandra etwas warten, bis sie gegen 14 Uhr in den Operationssaal kommt. Die Transplantation dauert rund zweieinhalb Stunden.

Viel mehr Energie als früher

Wie bei jeder Transplantation gibt es keine Erfolgsgarantie, da der Körper den „Fremdkörper“ abstossen kann. Im Fall von Sandra hätte das bedeutet, dass die Niere wieder entfernt wird und sie weiterhin zur Dialyse muss.
„Am dritten Tag, als die Ärzte zur Visite kamen, strahlten sie und sagten, ich hätte einen Kreatininwert von 137 (normal ist etwa 115-120).  Ich dachte, sie würden spassen, denn vor der Operation lagen meine Werte bei 700.“ Da die neue Niere problemlos funktioniert und auch die anderen Werte gut sind, darf sie nach drei weiteren Tagen nach Hause. „Ich konnte es kaum fassen, dass sich mich nach einer derart schweren Operation bereits wieder ‚loswerden‘ wollten…“, schmunzelt Sandra.

Ihr Befinden hat sich seit der Operation enorm verändert: „Ich habe viel mehr Energie und Lebensfreude, fühle mich frisch, motiviert und unternehmungslustig. Den körperlichen Unterschied habe ich bereits im Spital verspürt: Mein Blut ist nicht mehr so vergiftet. Mein Körper ist sauber. Ich bin nicht mehr so erschöpft. Früher musste ich mich nach der Dialyse zuerst eine Stunde hinlegen. Es war als würde ich im ersten Gang mit 25 km/h fahren. Jetzt fahre ich wie alle anderen im dritten Gang.“ Sandra geniesst es, wieder aktiv am Gesellschaftsleben teilzunehmen und ist bereits auf Arbeitssuche.

Einige Einschränkungen

Bis zu ihrem Lebensende wird sie Immunsuppressiva einnehmen müssen, um ihr Immunsystem zu unterdrücken, damit sie die Spenderniere nicht abstösst. Derzeit schluckt sie täglich noch 20 Tabletten (nach der Operation 26) –  darunter auch Medikamente für Blutdruck, Cholesterin sowie Vitaminpräparate.
Wegen Bakteriengefahr tabu sind rohes Fleisch, Rohmilch(käse), Sushi oder Tiramisu (rohe Eier). „Auch wenn ich Tartar und blutiges Fleisch über alles liebe, verzichte ich lieber darauf, als zur Dialyse zu müssen“, grinst sie. Verboten sind zudem Grapefruits (weil sie die Wirkung von Medikamenten beeinträchtigen können), Schwimmbadbesuche (Keime) sowie Kampfsport (wegen der Schläge).

 

Spender werden

In der Schweiz mangelt es an Spenderorganen. Für Sandra Schilling steht fest: „Auch wenn man es als Spender leider nicht mehr erlebt, kann man einem anderen Menschen eine Riesenfreude machen und ihm das Leben enorm erleichtern. Wäre dies den Menschen bewusst, hätte vermutlich jeder eine Spendekarte im Hosensack!“
Weitere Infos zur Spendekarte (neu auch für Smartphones):  www.swisstransplant.org

 

Situation in der Schweiz

2014 wurden in der Schweiz insgesamt 404 Organe transplantiert.

  • 181 Nieren (durchschnittliche Wartezeit bis zur Transplantation: 39 Monate)
  • 108 Lebern (Wartezeit: 8 Monate)
  • 36 Herzen (Wartezeit: 13 Monate)
  • 56 Lungen (Wartezeit: 16 Monate)
  • 24 Bauchspeicheldrüsen (Wartezeit: 18 Monate)

Quelle: http://www.swisstransplant.org

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy