Immer wieder Alarm im Darm

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Ständig Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung und keine Ahnung, was dahintersteckt? Neue Erkenntnisse zeigen: Eine spezielle Diät kann Reizdarm-Beschwerden mindern.

Bei manchen Menschen ist der Darm derart überempfindlich, dass sie ständig von drückenden Schmerzen, Blähbauch, Übelkeit, Unwohlsein sowie Verdauungsproblemen gequält werden. Grummelt es chronisch in den Gedärmen, gilt es vorerst abzuklären, ob dahinter eine Krankheit wie Zöliakie, Morbus Crohn, Colitis Ulcerosa, Tumore oder eine Nahrungsmittelntoleranz steckt. Kann dies ausgeschlossen werden, wird der Arzt die Diagnose «Reizddarmsyndrom» stellen. So lautet der Sammelbegriff für schmerzhafte Verdauungsbeschwerden, die sich mit herkömmlichen Untersuchungsmethoden nicht einordnen lassen und für die man keine körperliche Ursache findet.

Ursache bisher unbekannt

Typisch für einen Reizdarm sind folgende Symptome:

  • Bauchschmerzen, Druckgefühl im (Unter-)Bauch, Völlegefühl
  • Blähbauch, Blähungen
  • Durchfall und / oder Verstopfung, oft auch beides im Wechsel. Der Durchfall tritt nachts nur selten auf.
  • Gefühl der unvollständigen Darmentleerung
  • Starker Stuhldrang
  • Psychische Belastungen wie Nervosität, Ärger oder Kummer können die Beschwerden verstärken.

Die gute Nachricht ist: Ein Reizdarm ist weder gefährlich noch verkürzt er die Lebenserwartung. Die «schlechte» Nachricht ist: Man weiss immer noch nicht, was einen Reizdarm auslöst. Experten gehen heutzutage davon aus, dass es sich um verschiedene Erkrankungsarten handeln könnte, die sich mit ähnlichen Darmbeschwerden äussern, aber ungleiche Ursachen haben. Bisher existieren aber noch keine klinischen Tests, um dies zu unterscheiden.

Überaktives «Bauchhirn»

Sicher ist: Reizdarm-Patienten bilden sich ihr Unwohlsein nicht ein und leiden auch nicht an einer psychischen Krankheit, wie man vor 20 Jahren teilweise noch behauptete. Heute weiss man, dass es sich um eine Störung des Darm-Nervensystems handelt. Das enterische Nervensystem (ENS), auch „Bauchhirn“ genannt, steuert unter anderem den Transport der Nahrung und der Flüssigkeiten im Darm. Bei Reizdarm-Patienten befindet sich die Darmnerven in Dauererregung. Ihr überaktiver Darm bewegt sich stärker als bei gesunden Menschen. Stress kann die Störung verstärken.

Silberstreifen am Horizont

Da die Ursachen nicht bekannt sind, lässt sich das Reizdarmsyndrom nicht heilen, wohl aber lindern. Ob Stressabbau oder Wärme auf den Bauch: Was hilft, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Eine Hauptrolle spielt sicherlich die Ernährung.
Die australische Ernährungswissenschaftlerin Dr. Sue Shepherd und Dr. Peter Gibson, Professor für Gastroenterologie, führten 2010 eine klinische Untersuchung mit Reizdarm-Patienten durch. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Beschwerden stark lindern lassen, wenn man sich an eine FODMAP-arme Ernährung hält. «FODMAP“ ist die Abkürzung für „fermentable oligo-, di- and monosaccharides and polyols“ (dt. „fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide sowie Polyole“). Es handelt sich um bestimmte Zuckerarten, die in gewissen Nahrungsmitteln vorkommen und nicht vom Dünndarm aufgenommen werden. Wenn sie in den Dickdarm gelangen und von den Darmbakterien verstoffwechselt werden, entstehen typischerweise Gase und reizende Flüssigkeiten. Einem gesunden Darm machen diese Gärungsprozesse nichts aus. Bei einem Reizdarmpatienten hingegen kommt es zu Blähungen und Durchfall. Reduziert man die FODMAPS während einer mehrwöchigen Diät konsequent, erleben die meisten Reizdarm-Patienten grosse Erleichterung.

Zu den Nahrungsmitteln, die (vorübergehend) gestrichen werden sollten, zählen unter anderen etwa:

  • Kohl, Knoblauch, Zwiebeln, Lauch, Pilze
  • glutenhaltiges Getreide
  • Kichererbsen, Linsen
  • Pistazien
  • Honig, künstliche Süssstoffe
  • Kuh- und Sojamilch, Joghurts, Hüttenkäse, Rahm
  • Äpfel, Birnen, Wassermelone, Orangensaft, Avocado

 

Low-FODMAP-DiätEin Buch zum Thema

Dr. Sue Shepherd und Dr. med. Peter Gibson erklären in ihrem Ratgeber „Die Low-FODMAP-Diät“ (TRIAS Verlag, CHF 27.90), warum FODMAPs vielen Menschen Probleme bereiten und wie Betroffene gut mit ihrer Unverträglichkeit zurechtkommen können.

 

Wenn Weizen reizt

Reagiert jemand mit Blähungen und Durchfällen auf Getreideprodukte, muss es nicht unbedingt am Gluten liegen. Es kann sich auch um eine sogenannte Weizensensitivität handeln – wie der Mediziner und Biochemiker Prof. Dr. Detlef Schuppan 2012 entdeckte: Auslöser dieser Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität sind sogenannte Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs). Das sind Eiweissstoffe, die in Weizen, Gerste und Roggen vorkommen und dem Getreide als natürliches Pestizid dienen, das vor Parasiten schützt. Um bessere Ernteerträge zu erzielen werden gezielt moderne Weizensorten gezüchtet, die weit mehr ATIs enthalten als uralte Getreidesorten.
Bei empfindlichen Menschen können diese ATIs entzündliche Veränderungen im Darm verursachen. Prof. Schuppan vermutet, dass die Reizstoffe darüber hinaus bei einer Reihe von (Auto-)Immunerkrankungen eine Rolle spielen könnten.

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy