Winzlinge im Vormarsch

(c) Paulista - Fotolia

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Klitzekleine Nanoteilchen ermöglichen, neuartige Produkte in Medizin, Körperpflege, Ernährung und Bekleidung herzustellen. Sie sollen den Alltag erleichtern. Ihre Wirkung auf unsere Gesundheit ist aber nicht klar.

Ob Sonnencreme, Lippenstift, Zahnpasta, Kochsalz, Suppenpulver, Nahrungsergänzungsmittel, PET-Flaschen, Lebensmittelverpackungen, Sportkleider, Tennisschläger, Reinigungsmittel, Medikamente, Implantate, Brillengläser, Wandfarben oder Autoreifen: Immer mehr Produkte des täglichen Lebens werden mit winzig kleinen Nanopartikeln bestückt. Ohne dass wir es gross bemerkt haben, hat die sogenannte Nanotechnologie unser Alltagsleben still und leise erobert. Den wenigsten Menschen ist dies bewusst, denn im Gegensatz zur Gentechnik oder Atomenergie wird kaum öffentlich über Nanotechnologie diskutiert. Obwohl noch unklar ist, wie sich ihre Anwendung langfristig auf unsere Gesundheit auswirken wird.

Was genau sind Nanopartikel?

Mittels Nanotechnologie werden aus Werkstoffen wie Silber, Titanoxid, Eisen, Diamanten, Siliziumdioxid, Industrieruss, Fullerene oder Cellulose synthetisch winzig kleine Nanopartikel produziert – in Form von Stäbchen, Plättchen oder Mini-Kugeln. Sie messen ungefähr ein Fünfhundertstel vom Durchmesser eines Haares. Das Besondere an diesen Winzlingen ist: Durch die Nanotechnologie verändern die verwendeten Materialien ihre Eigenschaften. Sie reagieren chemisch und physikalisch anders, schneller oder wirksamer als grössere Teilchen des gleichen Materials. Keramik beispielsweise wird in Nanogrösse bieg­sam. Manche Stoffe wiederum können plötzlich Strom leiten. Und Nano-Medikamente können zielgenau transportiert werden.

Die neue Technik gilt als revolutionäre Zukunftstechnologie des 21. Jahrhunderts, da sich damit völlig neuartige Produkte herstellen lassen. Wie Socken, die nie stinken, Tischtücher von denen Rotwein abperlt, Wundpflaster mit desinfizierenden Silber-Nanoteilchen, Frischhalteboxen für Lebensmittel, unzerbrechliche Tennisschläger oder Anti-Falten-Cremes, deren verjüngende Wirkstoffe in tiefere Hautschichten vordringen können.

Gefahr für die Gesundheit?

So spannend und vielversprechend diese Anwendungen klingen: Die Wissenschaft weiss noch wenig darüber, was mit den Nanoteilchen aus Aluminiumoxid oder Silber passiert, wenn sie in unseren Körper gelangen. Aufgrund ihrer winzigen Grösse ist es für sie einfach, in unseren Körper einzudringen und biologische Schutzbarrieren zu durchdringen. Sie können über die Atmung tief in die Lunge und von dort ins Blut gelangen, sich in Organen anreichern und sogar Barrieren wie die Blut-Hirn-Schranke über­winden. Oder über bestimmte Nahrungs­mittel via Magen-Darm-Trakt ins Blut- und Lymph­system übergehen und sich im Körper verteilen.

Die Risiken, die sich (langfristig) daraus ergeben, sind noch unerforscht. Es gibt aber zunehmend Hinweise, dass die neuen Materialien erhebliche Gesundheits- und Umweltrisiken bergen. Weil sie Entzündungen, chronische Erkrankungen oder Krebs auslösen bzw. genetische Schäden hervorrufen können. Im Tierversuch löste Nano-Titandioxid nach Aufnahme hoher Dosen über die Atemwege Lungenkrebs aus. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation stuft Nano-Titandioxid deshalb auch als möglicherweise krebserregend für den Menschen ein. Zudem gibt es verschiedene wissenschaftliche Studien, die zum Schluss kommen, dass Nano-Titandioxid und Nano-Zinkoxid freie Radikale produzieren. Diese können DNA-Schäden in menschlichen Zellen verursachen. Eine Herausforderung für die Umwelt sind keimtötende Silberpartikel, die in Kleidern, Reinigungsprodukten oder Seifen stecken und ins Abwasser gelangen. Sie schaden nicht nur Pflanzen und Wasserorganismen, sondern können auch die Bildung von resistenten Stämmen schädlicher Mikroorganismen begünstigen. Dadurch können Antibiotikaresistenzen entstehen.

Gemäss Experten geht die Gefahr grund­sätzlich eher von Produkten aus, die freie Nanop­artikel enthalten, wie etwa Reinigungs­sprays oder Sonnenschutzmittel. Fest in einem Material gebundene Nanoteilchen wie Kohlenstoff-Nanoröhrchen im Velorahmen oder Fassadenfarben gelten eher als sicher, wenn­gleich deren umweltgerechte Entsorgung noch nicht geklärt ist.

Wo ist Nano drin?

In der EU müssen kosmetische Artikel und Lebensmittel, die künstlich hergestellte Nanomaterialien enthalten, entsprechend gekennzeichnet werden. In der Schweiz hingegen existiert bisher keine Deklarationspflicht. Hierzulande gilt der Grundsatz, dass nur sichere Mittel auf den Markt gebracht werden dürfen. Experten halten es derzeit für unwahrscheinlich, dass Nanoprodukte der Gesundheit von Endverbrauchern schaden könnten. Schützen müssen sich hingegen Arbeiter, die mit solchen Materialien hantieren.

Weitere Infos:

 

Ausstellung «Chancen und Risiken der Nanotechnologie»

Die mobile Ausstellung “Expo Nano” zum nationalen Forschungsprogram NFP 64 befasst sich mit den Chan­cen und Risi­ken, die mit der Her­stel­lung, dem Ein­satz und der Ent­sor­gung von Nano­ma­te­ria­lien ver­bun­den sind. Der Eintritt ist frei.

Zürich, Kan­tons­schule Zürich Enge, bis 31. Januar 2016
Chur, Bünd­ner Natur­mu­seum, 2. Februar bis 3. April 2016
Brugg, High­tech Zen­trum Aar­gau, 4. April bis 15. Juli 2016
Weitere Infos: www.exponano.ch

 

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy