Wenn Hungern heilt

(c) BillionPhotos.com / Fotolia

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Fasten liegt im Trend und ist eine beliebte Wellness-Methode, um Körper und Seele zu «entschlacken». Der vorübergehende Verzicht auf Nahrung regt zudem die Selbstheilungskräfte an und kann chronische Krankheiten heilen.

Christentum, Islam, Judentum oder Buddhismus: Sämtliche grossen Religion kennen seit Jahrhunderten eine Fastenzeit. Am kommenden Aschermittwoch beginnt die christliche Fastenzeit, die 40 Tage lang bis zum 26. März 2016 dauert – als Vorbereitung auf Ostern. Ob aus religiösen Gründen oder zur körperlichen Regeneration: Auch dieses werden in der Schweiz wieder Zehntausende mit einer Fastenkur in den Frühling starten. Obwohl die meisten Schulmediziner davon abraten und Fasten gar als gefährlich erachten. Zu Recht? Dazu ein paar Fakten:

Staatlich gefördertes Fasten

Im sibirischen Burjatien dürfen sich kranke Menschen kostenlos einer Fastenkur unterziehen. Im Sanatorium Goryachinsk am Baikalsee haben in den vergangenen 20 Jahren bisher über 12’000 Patienten gefastet. Sie litten unter Diabetes, Asthma, Bluthochdruck, Rheumatismus oder Allergien. Bei zwei Dritteln von ihnen verschwanden die Symptome nach einer oder mehreren Fastenkuren. Und das indem sie durchschnittlich zwölf Tage Wasser und nur Wasser tranken – unter ärztlicher Leitung. Bei chronischen Leiden konnten sie die Medikamente oft nach 2 bis 3 Tagen absetzen.
Grundlage dieser Gesundheitserfolge sind kaum bekannte Studien aus der Ex-Sowjetunion. Durch «Zufall» entdeckte der Psychiater Dr. Yuri Nikolayev, der an der Korsakov-Klinik in Moskau arbeitete, dass Fasten nicht nur die psychischen, sondern auch körperlichen Selbstheilungskräfte aktiviert. Da seine Erkenntnisse von der Ärzteschaft abgelehnt wurden, startete Nikolayev ein umfassendes Forschungsprojekt, das über 30 Jahre dauerte. Insgesamt liess er über 8000 Patienten fasten. Bei über 70 % von ihnen bewirkte die Therapie eine deutliche Verbesserung, die auch sechs Jahre später noch bei 47 % der Patienten anhielt.

Heilfasten wirkt

Das russische Gesundheitsministerium stand den Ergebnissen kritisch gegenüber und liess sie deshalb ab 1973 von zwei renommierten Militärärzten – Prof. Alexey Kokosov und Valery Maximov – überprüfen. Dafür wurde alles unter die Lupe genommen – von der Sekretion des Magens, der Leber, der Bauchspeicheldrüse und des Darms über die Immunabwehr bis zum Vitaminstoffwechsel. Und siehe da: Es stellte sich heraus, dass Dr. Nikolayev Recht hatte. Und dass Fasten bei Erkrankungen von Bronchien, Herzkreislauf, Magen-Darm, Gelenken, Haut sowie Hormonstörungen die Heilung fördern kann.

Spektakuläre Genesung

Die wundersame Wirkung des Fastens erlebte auch der deutsche Militärarzt Dr. Otto Buchinger vor bald 100 Jahren. Schweres Gelenkrheuma zwang ihn in den Rollstuhl. Nach zwei Fastenkuren war er vollständig geheilt und gründete 1920 darum eine eigene Fastenklinik (www.buchinger.de).

Was passiert beim Fasten?

Erhält der Körper keine Nahrung mehr von aussen, schlägt er «Alarm». Hormonelle Veränderungen ermöglichen, die körpereigenen Reserven anzuzapfen, um die benötigte Energie zu erzeugen. Skelettmuskulatur, Herz und Nieren können ihren Stoffwechsel sehr schnell umstellen und ihre Energie aus Ketonkörpern (Nebenprodukt der Fettverbrennung) decken. Gehirn und Nerven brauchen etwas länger, bis sie in diesen Modus kommen und bedienen sich in den ersten Tagen vorerst beim Körpereiweiss. Während der anschliessenden Plateauphase zehrt der Organismus hauptsächlich von den Fettreserven und nur ganz sparsam vom Körpereiweiss. Erst wenn die Fettreserven aufgebraucht sind – bei einem normalgewichtigen, gesunden Menschen etwa nach 40 Tagen – beginnt der übermässige Abbau der Körperproteine, was zu gefährlichem Muskelschwund führen kann.

Weshalb aktiviert Fasten die Selbstheilungskräfte?

Genau weiss man das noch nicht. Nach rund zwei Tagen erfolgt eine «Fastenkrise», die sich durch Schwächegefühl, Migräne oder Übelkeit zeigt. Fehlt die Nahrung, fährt der Organismus seinen Energieverbrauch herunter, die Atmung verlangsamt sich, die Verdauung ruht. Da auch im Tierreich gefastet wird – z.B. bei den Kaiserpinguinen – vermuten Wissenschaftler, dass es sich um einen uralten Anpassungsvorgang handelt, der unseren Ahnen das Überleben von Hungerperioden ermöglicht hat.  Fest steht: Fasten verbessert zahlreiche Werte wie Blutzucker, Insulinspiegel, Cholesterin. Und hellt die Stimmung auf.

Wieso tut sich die Schulmedizin so schwer?

Gerne wird ins Feld geführt, dass es kaum wissenschaftliche Studien übers Fasten gäbe. Wie wir gesehen haben, stimmt das nicht. Das Problem ist aber, dass der Westen wegen des Eisernen Vorhangs nichts von diesen Forschungen wusste. Kommt dazu, dass das umfangreiche Material bisher noch nie aus dem Russischen übersetzt wurde.

In Deutschland gibt es heutzutage einige Universitätskliniken, die sich wissenschaftlich mit dem Fasten beschäftigen. Der Wunsch nach grossangelegten Fastenstudien bei Patienten mit Bluthochdruck, Diabetes oder Rheuma ist da. An Forschungsgelder zu kommen ist allerdings nicht ganz einfach. Denn chronische Krankheiten sind ein lukratives Geschäft für die Pharma-Industrie. Wer daran erkrankt, muss meist lebenslang Medikamente schlucken.

Darf jeder fasten?

Ob Nullfasten, Saftfasten, Basenfasten, Molkenfasten, Fastenwandern oder Fasten nach F.X. Mayr: Gesunde Menschen können problemlos eine Woche lang fasten – allein oder mit einer Gruppe. Längerdauerndes Heilfasten zur Linderung chronischer Krankheiten hingegen gehört unbedingt unter medizinische Kontrolle bei einem spezialisierten Fastenarzt.
Nicht fasten sollten: Schwangere, Stillende, Kinder, Menschen mit Essstörungen (Magersucht, Essattacken), Untergewichtige, Typ-I Diabetiker.

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy