Von starken Emotionen geplagt

Copyright: pathdoc / Fotolia

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Traumatische Erlebnisse und emotionale Vernachlässigung in der Kindheit können zu einer Borderline-Störung führen. Betroffene neigen zu Impulsivität und Selbstverletzungen. Hilfe bringt ein neuer Therapie-Ansatz.

In der Schweiz leiden 1,5 Prozent der Bevölkerung, d.h. rund 120’000 Menschen, an einer sogenannten Borderline-Störung. Im Gegensatz zu anderen Menschen fällt es Betroffenen sehr schwer, adäquat mit ihren Gefühlen und Gedanken umzugehen. 60 % aller Patienten haben mindestens einen schweren Suizidversuch hinter sich.
Eine neue Borderline-Therapie, die zunehmend in der Schweiz angeboten wird, ist die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT). Sie wurde in den achtziger Jahren von der US-Psychologin Marsha M. Linehan begründet, die selber an Borderline litt. Zu den führenden Schweizer DBT-Experten zählt der Psychiater Dr. med. Peter Peiler, stv. Chefarzt und Leiter der Station für Stressfolgeerkrankungen und Emotionsregulation an der Privatklinik Clienia Schlössli AG in Oetwil am See. Wir haben bei ihm nachgefragt, worum es in dieser Therapie geht.

Was genau ist Borderline?

Dr. Peter Peiler: Es handelt sich um eine Persönlichkeitsstörung, die bereits im Jugendalter beginnt. Das innere Erleben und die Impulsivität der Betroffenen weicht von den gesellschaftlichen Erwartungen ab. Dies gilt vor allem für Gedanken, Gefühle sowie zwischenmenschliche Beziehungen. Sie leiden unter schnellen und intensiven Stimmungsschwankungen, die sie als unerträglich erleben. Gleichzeitig empfinden sie eine anhaltende chronische innere Leere. Aus diesem Leidensdruck heraus neigen sie zu impulsivem und selbstverletzendem Verhalten – bis hin zu Suizidversuchen. Typische Symptome sind auch Promiskuität (häufig wechselnde Sexualpartner), Alkohol- und Drogenmissbrauch oder Essstörungen.

Was für unerträgliche Gefühle sind das?

Zum Beispiel Scham, Trauer oder Wut. Was Menschen mit Borderline das Leben schwer macht ist das Gefühl, die eigenen Gedanken und das eigene Verhalten nicht kontrollieren zu können. Ihre Selbstwahrnehmung ist stark von Selbstentwertung geprägt. Sie durchbrechen diesen inneren Leidensdruck mit impulsivem Verhalten – häufig in Form von Selbstverletzungen wie Ritzen oder Ausdrücken von Zigaretten auf dem Körper. Sie tun dies allerdings nicht, um andere Menschen zu provozieren, sondern um sich Erleichterung vom inneren Druck zu verschaffen. Da das Selbstbild von Borderline-Patienten sehr instabil ist und davon abhängt, wie die Umwelt auf sie reagiert, können auch paranoide Vorstellungen entstehen. Betroffene haben dann das Gefühl, dass gewisse Menschen bewusst Böses gegen sie vorhaben. Es kann auch vorkommen, dass Borderline-Patienten bei starkem Stress dissoziative Symptome entwickeln und das Gefühl haben, «nicht mehr in der Realität zu sein».

Was für Menschen leiden an Borderline?

Es kann Menschen aus allen Gesellschaftsschichten betreffen. Entscheidend ist, dass die Störung schon im Jugendalter beginnt und stark durch Umweltfaktoren wie Missbrauch, Misshandlung oder emotionale Vernachlässigung in der Kindheit beeinflusst ist. Eine Borderline-Störung entsteht durch Traumatisierungen, die dem Kind von seinem Lebensumfeld zugefügt wurden.

Wie äussert sich die Krankheit im Alltag?

Borderline-Patienten leiden unter der anhaltenden Angst, verlassen und ausgegrenzt zu werden und dann allein zu sein. Ihr Mangel an innerer Sicherheit wirkt sich in alle Lebensbereiche aus, auch in der Schule und im Beruf. Betroffene schwanken in Beziehungen stark zwischen dem Bedürfnis nach (symbiotischer) Nähe und extremer Ablehnung bzw. Rückzug.

Borderline galt bisher als schwer zu therapieren. Was bringt die neue DBT-Therapie?

Ein zentraler Punkt ist das sogenannte Achtsamkeitstraining, dessen Basis im Zen-Buddhismus liegt. Patienten lernen damit, im Hier-und-Jetzt zu leben und sich in wertschätzender Weise zu akzeptieren. Der Therapeut seinerseits begegnet dem Patienten mit bedingungsloser Wertschätzung. Seine Aufgabe ist es, den Patienten nicht zu verurteilen, sondern ihm aktiv beizustehen, seine Therapieziele zu erreichen. Diese Ziele sind nicht vorgegeben, sondern werden vom Patienten individuell und gemeinsam mit seinem Therapeuten bestimmt.

Wie sehen diese Ziele aus?

An oberster Stelle steht das Überleben, wo es darum geht, Suizidalität und selbstschädigende Selbstverletzungen abzubauen. Als nächstes geht es darum, neue Wege im Umgang mit den eigenen Gefühlen in zwischenmenschlichen Beziehungen zu entdecken und sie Schritt für Schritt umzusetzen. Wichtig ist, dass die Ziele so formuliert sind, dass sie erreichbar sind.

Auf dem Programm stehen auch «Skills». Was ist das?

Skills sind Fertigkeiten, die der Patient erlernt, um seine Spannungszustände und Emotionen zu regulieren, ohne sich selber zu schaden. Statt unangenehme Gefühle mit Selbstverletzungen, Drogenmissbrauch oder Sex-Eskapaden zu betäuben, lernen Betroffene, ihre Spannung mit neuen Methoden abzubauen. Was wirkt, ist von Mensch zu Mensch verschieden: Die Palette reicht von scharfen Gewürzen über Knetbälle bis hin zu mentalen Bilderreisen.

DBT in der Schweiz

Eine ambulante DBT-Therapie dauert rund 2 bis 3 Jahre, eine stationäre Therapie in einer Klinik 8 bis 10 Wochen.

Weitere Infos:

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy