Den Alltag wieder meistern

Nina Karvonen (links) im Gespräch mit Manuela R. (c) Marie-Luce Le Febve de Vivy

Nina Karvonen (links) im Gespräch mit Manuela R.
(c) Marie-Luce Le Febve de Vivy

Kaum jemand weiss davon, obwohl es diese Dienstleistung seit rund 20 Jahren gibt: Die psychiatrische Spitex hilft psychisch kranken Menschen, Schritt für Schritt wieder ganz eigenständig zu leben.

Ein sonniger Sommermorgen an einem lauschigen Spazierweg entlang der Sihl: Die Psychiatrie-Pflegefachfrau Nina Karvonen (42) sitzt mit Manuela R. (46) auf einer Bank unter einem grossen, schattenspendenden Baum. Die beiden plaudern miteinander; zu ihren Füssen liegen der Labrador Julius und das Welpenmädchen Emma. Was aussieht wie ein Schwatz zwischen zwei Freundinnen ist faktisch ein Betreuungsgespräch im Rahmen der psychiatrischen Spitex. Die ehemalige KV-Angestellte Manuela leidet seit ihrer Kindheit an einer bipolaren Störung, früher auch manisch-depressive Störung genannt. Mit 18 Jahren wurde sie zweifach vergewaltigt. Als sie den Alltag nicht mehr ertrug, rutschte sie in die Drogensucht ab, später in den Alkoholismus. Als eine Freundin in Luzern ein Bordell eröffnete, stieg sie als Domina ein.

Krankheit ist nicht ersichtlich

Wer Manuela heute sieht, ahnt nicht, wie es ihr innerlich wirklich geht. Denn äusserlich sieht sie gut aus, hat lebendig-warme Augen und ein gewinnendes Lächeln. Manuela hat ihr altes Leben hinter sich gelassen und ist heute suchtfrei, sie braucht auch kein Methadon mehr. Als Folge ihres früheren Lebens leidet sie aber an einer schweren körperlichen Organerkrankung. Vergangenes Jahr erlitt sie zudem eine schlimme Psychose. Die lebhafte Frau fühlt sich oft einsam und unverstanden: «Du siehst doch nicht krank aus», hört sie immer wieder. Dabei muss sie wegen ihrer Krankheit bis ans Lebensende Medikamente einnehmen, damit ihr Körper überhaupt genügend Nährstoffe aufnehmen kann und sie nicht noch weiter abmagert. Um das «Chaos in ihrem Kopf» zu ertragen und schlafen zu können, braucht sie ausserdem Antidepressiva und Schlafmittel.

Neuen Boden finden

Seit drei Monaten hilft ihr die freiberuflich tätige Psychiatriefachfrau Nina Karvonen (www.knowledge-nursing.com) nun, den Alltag wieder in den Griff zu bekommen. Manuelas nächstes Ziel ist, eine eigene Wohnung zu finden, da sie derzeit noch in einer betreuten Wohnsituation lebt. Und sich dann weiterbilden: «Es sind immerhin schon 16 Jahre her, seit ich letztmals in einem Büro gearbeitet habe», so Manuela. «Ich bin sehr froh, dass es die psychiatrische Spitex gibt und dass ich mich einmal pro Woche mit Frau Karvonen austauschen kann und mit ihr besprechen kann, was mich im Alltag bewegt. Gute Freundinnen habe ich keine mehr, die sind
mittlerweile alle verstorben.»

Was tut die psychiatrische Spitex?

Seit einigen Jahren gibt es hierzulande nicht nur die klassische Spitex für körperliche Krankheiten, sondern auch eine Spitex für Menschen mit psychischen Problemen. Obwohl dieses Angebot bisher kaum bekannt ist, ist die Nachfrage gross. «Die psychiatrische Spitex unterstützt Menschen mit psychischen Einschränkungen, ihren Alltag wieder zu bewältigen», so Nina Karvonen. Im Gegensatz zu Psychiatern, Hausärzten und Psychologen, die ihre Patienten in der Praxis empfangen, besucht Nina die Betroffenen direkt zu Hause. Oder trifft sie auch mal um die Ecke für einen Spaziergang, wie etwa heute Manuela. Ihre Aufgabe ist, Betroffenen zu helfen, die eigenen Stärken (Ressourcen) zu erkennen und zu fördern, damit sie den Alltag wieder eigenständig bewältigen können.

«Psychisch Kranke leiden oft am Gefühl, nichts wert zu sein und nichts zu können», so die Fachfrau. Für eine depressive Person kann es bereits ein grosses Erfolgserlebnis sein, wenn sie es schafft, morgens vor 10 Uhr aufzustehen und sich einen frischen Kaffee zu machen. Für einen Angstpatienten kann der Erfolg darin liegen, wieder Zug zu fahren oder in einen Lift zu steigen. «Oft begleite ich Angstpatienten bei Expositionsübungen. Ich übe mit ihnen Zugfahren oder begleite sie in einen Supermarkt – je nachdem, was bei ihnen Panikattacken auslöst.»

Wie lange oder wie kurz jemand Unterstützung braucht, lässt sich nicht voraussagen: Bei einigen reichen drei Monate, bei anderen kann es Jahre dauern, bis sie wieder Fuss fassen. Dies hängt auch vom sozialen Netz ab: «Manche Patienten haben weder Angehörige noch Freunde und sind ihrer Krankheit völlig ausgeliefert.»

Hilfe auch für die Angehörigen

Nina Karvonen besucht ihre Klienten normalerweise einmal pro Woche, für etwa eine bis anderthalb Stunden. Dies reicht in der Regel aus: «Da meine Patienten wissen, dass sie mich im Notfall tagsüber jederzeit erreichen können, gibt dies ihnen genug Sicherheit, ihren Alltag wieder selbstständig anzugehen.» Die Fachfrau betreut auch die Angehörigen. «Vielfach sind auch sie in Not. Entweder weil
sie sich grosse Sorgen machen oder weil sie nicht verstehen, was die Krankheit bedeutet», so Nina Karvonen. «Ich coache sie, wie sie
damit umgehen können.»

Ihre Hunde als Begleiter

Julius und Emma

Auch wenn Nina Karvonen teilweise mit schweren Schicksalen konfrontiert wird, kann sie gut damit umgehen: «Zu erleben, wie ein Patient wieder Kontrolle über sein Leben bekommt, beglückt auch mich sehr. Kraft tanke ich zudem bei ausgedehnten Waldspaziergängen mit meinen beiden Hunden.» Stimmt es für ihre Patienten, nimmt sie ihre Hunde zum Termin mit: «Ich erlebe immer wieder, wie es manchen Menschen leichter fällt, ihre Probleme zu erzählen, wenn sie sich auch an meine Hunde wenden können.»

 

Psychiatrische Spitex beanspruchen

Wird die psychiatrische Spitex vom Hausarzt oder der Psychiaterin verordnet, werden die Kosten – bis auf einen kleinen Tagesbetrag von 8 Franken – von der Grundversicherung der Krankenkasse und der Gemeinde übernommen.
Ambulante psychiatrische Hilfe in Ihrer Region finden Sie unter: www.vapp.ch

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