Todesangst aus heiterem Himmel

(c) Gina Sanders / Fotolia

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Panikattacken treten meist von einer Sekunde auf die andere auf und fühlen sich lebensbedrohlich an. Was steckt hinter dieser intensiven Angst ohne erkennbaren Auslöser? Und was hilft, damit umzugehen?

Krankhafte Angst zählt zu den unsichtbaren Behinderungen, über die man kaum spricht, obwohl sie weit verbreitet sind. Gemäss aktuellen Untersuchungen sind in der Schweiz rund 800’000 Menschen betroffen – also jede zehnte Person. Als krankhaft gilt Angst, wenn sie den Alltag beeinträchtigt. Weil man Situationen meidet, die Angst auslösen könnten – wie die Fahrt durch einen langen Tunnel, die Teilnahme an einer Geschäftssitzung, die Behandlung beim Zahnarzt, den Einkauf in einem grossen Warenhaus oder die Flugreise in die Ferien. Die unangenehmste und bedrohlichste Form krankhafter Angst sind sogenannte Panikattacken: Sie treten unerwartet auf und lösen zudem körperliche Alarmreaktionen wie Atemnot, Herzrasen, Schweissausbrüche, Zittern oder Ohnmachtsgefühle aus – bis hin zu Todesangst oder dem Gefühl, sich aufzulösen. So grauenhaft sich solche Panikattacken anfühlen: Angst kann man – Schritt für Schritt – auch wieder loswerden oder zumindest mindern. Wie das geht, weiss der tiefenpsychologische Coach und Bestseller-Autor Andreas Winter (www.andreaswinter.de), den wir befragt haben.

Heutzutage leiden viele Menschen an krankhaften Ängsten? War das immer so?

Andreas WinterAndreas Winter: Menschen haben zwar schon seit Urzeiten Ängste, aber die Zahl der Angststörungen nimmt seit Jahren zu. Es häufen sich Symptome, die sich letztlich immer auf eine versteckte Form der Angst zurückführen lassen: Übergewicht, Depression, Krebs, Rauchen, Trinken, Partnerschaftsprobleme, Schulden, Haut-, Lungen- und Gefäßerkrankungen. Hinzukommen natürlich die offensichtlichen Angststörungen wie etwa Angst vor Krieg, Krankheit oder Terror. Dass die Angst immer mehr um sich greift, liegt meiner Ansicht nach an zwei Gründen. Zum wissen viele Menschen noch immer nicht, wie und warum Ängste genau entstehen und wie man sie loswird. Zum anderen gibt es genug professionelle Angstmacher, die zunächst Ängste schüren, um uns dann das Gegenmittel zu verkaufen. Die Angstindustrie, so nenne ich das, versorgt uns mit Versicherungen, Medikamenten und Waffen, nachdem man uns zuvor von Kindheit an Glauben gemacht hat, wir bräuchten so etwas unbedingt.

Wie entstehen Ängste?

Angst hat immer einen einfachen Grund, der nie direkt mit dem Auslöser zu tun hat, sondern mit etwas, was man in der frühen Kindheit erlebt hat. So hat beispielsweise die Spinnenangst nie mit Spinnen zu tun, sondern mit dem was sie bedeuten: Wir lernen nämlich Spinnen seien eklig, im Gegensatz zu Marienkäfern. Sitzt die Spinne in der Ecke, lauert also das „Böse“ auf uns. So hat auch niemand Angst vor Bienen oder Wespen, sondern vor ihrem Stich. Warum? Weil wir nach der Geburt für die Blutentnahme ohne Vorwarnung gestochen werden. Hausgeburten haben diese Phobie nämlich meistens gar nicht. Ebenso die Angst vor Höhe: Nach der Geburt hält man das Baby an den Füßen hoch und klatscht ihm auf den Po. Höhe und Bedrohung wird verknüpft. Fallen wir dann vom Wickeltisch oder verlangt man von uns einen Sprung vom Sprungbrett ist die Höhenangst fertig. Fahrstuhlangst hat immer mit erlebter Enge in Lebensgefahr bei der Geburt zu tun. Eigentlich ist Angst immer die Angst vor Kontrollverlust.

Wer ist betroffen? Gibt es Menschen, die besonders anfällig sind für krankhafte Ängste?

Nein, die gibt es nicht. Ein Mensch ist grundsätzlich angstfrei. Doch bereits während der Embryonalentwicklung bekommen wir über die Nabelschnur Neurotransmitter, also chemische Botenstoffe, die im Gehirn Gefühle erzeugen können. Wir lernen also unsere Gefühle von der Mutter. Wenn die sich dann ungeliebt fühlt, oder arm, bedroht, im Stich gelassen oder ausgenutzt, dann fühlen wir das gleiche und schlussfolgern, dass das Leben nun einmal so ist. Wenn dann diese Eindrücke durch irgendwelche Erlebnisse in der Kindheit oder Jugend bestätigt werden, dann wird unser Angstmuster gestartet. Wer also bereits während der Schwangerschaft Stress erlebte, wird anfällig für Stress, weil er glaubt, es gäbe keinen Ausweg. Wenn man dann mit diesem Wahrnehmungsmuster die Nachrichten mit ihren täglichen Katastrophenmeldungen sieht, fühlt man sich ja fast zwangsläufig machtlos und bedroht.

Wie finde ich heraus, was hinter meinen Ängsten steckt?

Ich gehe davon aus, dass Angst ein Schutz vor der Wiederholung einer bereits erfahrenen Traumatisierung ist. Mittels tiefenpsychologischer Verfahren lässt sich herausfinden, worin das ursächliche Trauma besteht, und wie man mit der Reife eines Erwachsenen mit einer möglichen Wiederholung umgehen könnte. Die drei Schlüsselfragen zur Angstfreiheit sind: Wovor genau hast Du Angst? Was musst Du für das Ziel in Kauf nehmen? Wofür lohnt es sich? Wie das Ganze dann individuell umgesetzt wird, hängt stark vom Wesen des Einzelnen ab. Die einen beseitigen Angst innerhalb von Minuten, die anderen brauchen etwas mehr Zeit und Sicherheit.

Besonders beeinträchtigend sind Panikattacken: Was hilft hier? 

Bei Panik wird der wache Verstand, ähnlich wie bei einer Hypnose, nicht mehr angesprochen. Durchbrechen kann man eine Panikattacke nur durch Ablenkung von der befürchteten Gefahr. Das muss nicht unbedingt eine Ohrfeige sein, sollte aber eine ähnlich irritierende Wirkung haben. Das gelingt mithilfe eines anderen Menschen natürlich am besten.
Aber man kann Anti-Panik-Muster auch selbst trainieren, in dem man sich immer wieder kontrolliert in Situationen bringt, die bei einem normalerweise Panik auslösen. Je öfter man das tut, desto mehr verschaltet man entsprechende Gehirnzellen. Man lernt automatisch, dass man zwar vielleicht  sterben kann, aber nicht zwangsläufig muss. Dazu brauchen Sie sich übrigens nicht wirklich in einen Sarg oder auf den OP-Tisch zu legen, sondern können es imaginär tun – in Gedanken. Je konkreter Sie sich die vermeintlich bedrohliche Situation vorstellen, desto größer ist der Trainingseffekt. Es geht dabei nicht um Zweckpessimismus, also insgeheim zu hoffen, dass alles gut wird und gleichzeitig zu befürchten, frustriert zu werden, sondern ganz gezielt etwas Negatives in Kauf zu nehmen und eine mögliche Traumatisierung zu kontrollieren.
In diesem Zusammenhang sei auf Menschen mit Nahtod-Erfahrungen verwiesen. Durch die Erfahrung, dass die Existenz irgendwie weitergeht – egal, was geschieht, verschwand die Neigung zu Panikreaktionen. Wissen macht Mut und Mut ersetzt Symptome sage ich immer. Angstfrei werden ist machbar.

 

Cover Was deine Angst dir sagen willBuch-Tipp

In seinem neuen Ratgeber «Was deine Angst dir sagen will» zeigt Andreas Winter auf, was hinter Angstattacken steckt und wie man sie durchbrechen kann (Mankau Verlag, Fr. 14.90. Auch als Coaching auf Audio CD erhältlich).

 

Erschienen in: GlücksPost. © Marie-Luce Le Febve de Vivy

 

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