Gefangen in der Game-Welt

Smartphone NerdZahlreiche Jugendliche verbringen heutzutage übermässig viel Zeit im Internet. Und werden dabei spielsüchtig. Woran liegt das? Und wie können Eltern oder gar Grosseltern helfen, dies zu durchbrechen?

Vor 40 Jahren sass noch kein einziger Teenager stundenlang vor dem Computer. Weil es damals schlichtweg noch keine Personal Computer (PC), Tablets oder Smartphones gab! Wer mit Freunden etwas erleben wollte, musste raus aus den eigenen vier Wänden: um in einem Verein Handball zu spielen, an einem «Fez» erstmals zu flirten oder mit dem Töffli durch die Gegend zu brettern.

2017 sieht es anders aus: Es gibt zunehmend Jugendliche, die lieber zu Hause vor dem Computer sitzen, um in der digitalen Gamewelt Punkte zu sammeln und virtuelle Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, als real Freunde zu treffen. Für Eltern, die beobachten, wie ihr Kind unzählige Stunden in dieser Scheinwelt verbringt, stellt sich irgendwann die Frage: Ist das noch gesund oder schon krankhaft? Muss ich eingreifen oder nicht? Um das herauszufinden, haben wir bei der Spielsuchtberatung des Kantons Aargau in Baden nachgefragt – beim Psychologen (MSc) Pascal Kröni sowie bei der Sozialarbeiterin FH und stv. Stellenleiterin Sharon Katz.

Was genau ist Computerspielsucht?

Pascal Kröni

Pascal Kröni

Pascal Kröni: Es gibt verschiedene Kriterien, um Online-­Sucht zu definieren. Charakteristisch ist eine lange Verweilzeit im Internet, die zeitlich stetig zunimmt. Gleichzeitig findet eine Einengung der Interessen statt, das heisst: Hobbys, soziale Kontakte oder Aufgaben in Schule oder Beruf werden zunehmend vernachlässigt, die Leistung lässt nach. Auch wenn Betroffene sich der negativen Konsequenzen bewusst sind, spielen sie weiter. Können sie nicht spielen, sind Nervosität oder Aggressivität typische Entzugssymptome. Wer ist dafür besonders anfällig? Grundsätzlich alle, jedoch besonders anfällig sind Kinder und Jugendliche bis etwa 25 Jahre, da der präfrontale Kortex – ein Teil des menschlichen Gehirns – bei ihnen noch nicht vollständig ausgereift ist. Der Frontalkortex reguliert Verhalten und Emotionen. Für Jugendliche bedeutet dies, dass sie besondere Mühe mit der Selbstdisziplin haben, bis dieser Gehirnteil fertig entwickelt ist.

Dennoch: Nicht jeder Jugendliche wird spielsüchtig …

Die Gründe sind vielfältig. Beispielsweise sind Jugendliche mit einer ADHS­Thematik oder einem verminderten Selbstwertgefühl häufiger betroffen.

Woran liegt es, dass Online-Spiele süchtig machen können?

Online­Spiele mit besonders hohem Suchtpotenzial sind die sogenannten «Massively Multiplayer Online Role ­Playing Games». Das sind Massen­-Online-­Rollenspiele mit mehreren Teilnehmern. Bekanntes Beispiel dafür ist «World of Warcraft». Die Spiele sind so aufgebaut, dass verschiedene menschliche Grundbedürfnisse beim Spielen angesprochen werden. Durch das Spielen mit mehreren Leuten zusammen in Gruppen beispielsweise das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bindung. Tückisch an diesen Spielen: Die Spielhandlung ist endlos, das Spiel läuft weiter, auch wenn man nicht online ist. Zudem hat man einen Avatar. Dies ist eine Online­Persönlichkeit, die man frei erfinden und nach eigenen Wünschen gestalten kann. Um schlau, sportlich, schön, usw. rüberzukommen, selbst wenn dies nicht der Realität entspricht.

Ab wie vielen Stunden wird es kritisch?

Viele haben den Wunsch, die Sucht auf Stunden herunterzubrechen. Die meisten Computerspielsüchtigen verbringen pro Woche 35 und mehr Stunden vor dem Bildschirm – ausserberuflich. Das ist aber nur ein Kriterium.

Was noch?

Viel wichtiger ist: Liegt eine kompensatorische oder eine komplementäre Nutzung vor? Bei der kompensatorischen Nutzung wird das Gamen zum Ersatz für das reale Leben, also für Hobbys und soziale Kontakte. Das heisst: Bedürfnisse, die im realen Leben nicht erfüllt werden, sollen möglichst durch das Spielen befriedigt werden. Das ist problematisch.  Bei der komplementären Nutzung wird zum Spass gespielt – als
Ergänzung zu den realen Lebens erfahrungen – und nicht, um negative Gefühle zu verdrängen. Das zu unterscheiden ist wichtig!

 

Wie helfen?

Sharon Katz

Sharon Katz, Sozialarbeiterin FH

Was können Eltern tun, deren Jugendliche zu oft gamen, zu wenig schlafen und die Schule vernachlässigen? Hier die wichtigsten Empfehlungen von Sharon Katz:

 

  • Reden Sie mit Ihrem Kind, lassen Sie es erzählen, was es an diesem Spiel so faszinierend findet. Zeigen Sie Interesse.
  • Versuchen Sie herauszufinden, wofür das Gamen stellvertretend steht. Betroffene wissen oft nicht, wie sie ihre Freizeit verbringen sollen. Direkte soziale Kontakte machen ihnen meistens eher Mühe.
  • Aushandeln statt bestimmen: Handeln Sie mit dem Kind Spielzeiten aus und achten Sie auf eine Balance zwischen realen Tätigkeiten und der virtuellen Welt. Tun Sie dies möglichst ohne Druck und Drohungen. Statt den Computer wegzunehmen: Zeigen Sie, dass Sie sich Sorgen machen.
  • Seien Sie Vorbild, was Ihren eigenen digitalen Medienkonsum und Ihr Freizeitverhalten betrifft. Pflegen Sie selber Hobbys und reale Kontakte.
  • Fördern Sie das Freizeitverhalten Ihres Kindes. Hobbys mit realen Kontakten (z. B. in einem Verein) stärken den Selbstwert. Wird ein Kind sich selbst überlassen, ist die Gefahr gross, dass es in die Computerwelt flüchtet – weil der Zugang niederschwellig ist.
  • Wenden Sie sich bei fortwährender Dauer der Spielproblematik an eine Fachstelle auch als Eltern. Spürt ein Kind, dass seine Eltern unsicher sind, nützt es dies gerne aus.

Für Personen im Kanton Aargau sind Beratung und Begleitung kostenlos. In jedem Kanton gibt es Fachstellen mit entsprechenden Beratungsangeboten.

Weitere Infos: Tel. 056 200 55 77 oder www.spielsucht-beratung.ch

 

Erschienen in: GlücksPost. Copyright: Marie-Luce Le Febve de Vivy