Wie gestresst sind wir?

Beruf, Kinder, Mann und Haushalt: Mehrfachbelastete Frauen sind besonders stressgefährdet.

Eine neue Umfrage zeigt: Etwa jede siebte Person in der Schweiz fühlt sich übermässig gestresst. Und fast jede zweite kämpft mit Schlafproblemen. Wie wirkt sich das im Alltag aus? Und wie gehen wir damit um?

Auch wenn das Wort Stress heutzutage in aller Munde ist, gibt es eine gute Nachricht: Rund 40 % der Schweizer Bevölkerung empfinden keinen oder kaum Stress (siehe Grafik unten). So das Ergebnis der repräsentativen Trendforschung 2018 des Schweizer Naturheilmittelherstellers Weleda (www.weleda.ch), die durch das Marktforschungsinstitut GfK durchgeführt wurde.

Die schlechte Nachricht ist: 13% fühlen sich extrem gestresst und sind somit gefährdet, in ein Burnout zu schlittern – einen Krisenzustand völliger Überforderung und emotionaler Erschöpfung, der zu Depression, Arbeitsunfähigkeit oder gar Suizid führen kann.

Wodurch wird Stress ausgelöst?

Vereinfacht gesagt: (Negativer) Stress entsteht dann, wenn wir in eine Situation kommen, die wir als bedrohlich erleben, weil wir nicht wissen, ob und wie wir sie bewältigen können. Dabei geht es um die sogenannten Ressourcen: Habe ich die Kraft, damit umzugehen, und weiss ich, wie ich die Herausforderung meistern kann? Die wichtigsten Stressauslöser sind gemäss der Weleda-­Untersuchung: Überlastung im Beruf oder im Studium, zu hohe Ansprüche an sich selbst, finanzieller Druck sowie soziale Konflikte wie Streit mit dem Partner, der Familie oder Freunden.

«Diese Überforderung äussert sich am häufigsten durch Schlafstörungen, Nervosität und hohe Reizbarkeit. Auch unspezifische physische Auswirkungen wie Nackenschmerzen, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen können ein Zeichen von Überforderung sein», sagt Prof. Ulrike Ehlert (Bild), Leiterin Klinische Psychologie und Psychotherapie am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Die Weleda-­Studie präsentiert ähnliche Ergebnisse. Bei den befragten Personen machte sich zu viel Stress insbesondere folgendermassen bemerkbar:

  • 49% fühlten sich erschöpft
  • 47% fühlten sich tagsüber müde
  • 46% hatten Schlafstörungen
  • 38% waren nervös und unruhig.
  • Alarmierend ist, dass 52% der Befragten, die im Berufsleben oder Studium stehen, selbst nach Feierabend noch über Aufgaben grübeln und deshalb schlecht abschalten können.

Perfektion: ein unterschätzter Stressor

Ein Phänomen, das möglicherweise typisch schweizerisch ist, sind hohe Ansprüche an sich selbst – sei es im Beruf, sei es im Familienleben. «Ein hoher Anspruch an sich ist zunächst nichts Falsches, da er leistungsmotivierend wirkt und bei erzielten Erfolgen die Persönlichkeit positiv stärkt», erklärt Prof. Ehlert. «Kritisch werden die hohen Ansprüche an sich selbst aber dann, wenn aus ihnen Überforderung resultiert und man die hohen Ansprüche und Erwartungen nicht erfüllen kann.» Will man gleichzeitig in mehreren Rollen punkten – etwa als perfekte Mutter, attraktive Ehefrau, erfolgreiche Berufsfrau und engagierte Person in einem Verein – steigt das Risiko der Überforderung. «Mehr als drei Rollen sind kritisch», so Ehlert. Sie rät zu überdenken, welche zu hohen Ansprüche frau sich selbst stellt, die dann überfordern.

Zu viel Stress macht auch dick

Das Gemeine an übermässigem Stress ist nicht nur, dass er auslaugt und müde macht. Die Wissenschaft zeigt, dass er auch das Immunsystem beeinträchtigt und zudem hungrig macht. Laut Prof. Ehlert unterdrückt das Stresshormon Cortisol die Sexualhormone. Sinkt dadurch der Spiegel des Hormons Östrogen, isst man mehr, weil das Hungerhormon Ghrelin nicht mehr gebremst wird und dies Heisshungerattacken auslösen kann.

Was hilft, Stress abzubauen?

Was hilft nun, dem Kräfteraub entgegenzuwirken? Laut der Weleda­-Studie greift die Schweizer Bevölkerung zu folgenden «Rezepten», um sich zu erholen:

  • Fernsehen, Internet­-Surfen und soziale Medien (49 %)
  • Zeit für sich selbst, wie nichts tun oder Buch lesen (37 %)
  • Zeit in der Natur verbringen (35 %)
  • Zeit mit Familie und Freunden verbringen (35 %)
  • Sport (33 %)
  • Hobbys (33 %)
  • Genussmittel wie Zigaretten, Alkohol und Süssigkeiten (24 %).

Was tatsächlich hilft, den Pegel an Stresshormonen zu senken, ist von Person zu Person verschieden. Dies zu erkennen, ist sehr wichtig, denn es gibt keine Allgemeinrezepte, die für alle gültig sind! Was die eine Person entspannt, kann für eine andere zum Stressfaktor werden. Zum Beispiel: Manche Menschen kommen in einem Wellness­Spa zur Ruhe. Für andere wiederum löst die Vorstellung, im Bademantel rumzulaufen und mit fremden Personen in einer Sauna zu schwitzen, völliges Unbehagen aus. Manche schalten dann ab, wenn sie abends noch durch den Wald joggen oder ins Yoga gehen. Für andere bedeutet dies zu viel Anstrengung, was dann wiederum stresst. Wichtig ist herauszufinden, was einem persönlich guttut!

 

Medikamentöse Unterstützung

Ob Stress oder Schlafstörungen: Bevor man zu rezeptpflichtigen Medikamenten wie Benzodiazepinen greift, die auf Dauer abhängig machen, lohnt es sich, auf sanfte Naturheilmitteln zu setzen. Gemäss der Weleda­-Studie setzt jeder zehnte Gestresste auf natürliche Arzneimittel.
Zur Wahl stehen einerseits pflanzliche Medikamente, die Baldrian, Hafer, Hopfen, Melisse, oder Passionsblume enthalten und direkt entspannen.
Gefragt sind heutzutage aber zunehmend auch Naturheilmittel, die das Nervensystem von innen her stärken und die Selbstheilungkräfte aktivieren – mit Wirkstoffen wie Gold und Kalium phosphoricum, wie beispielsweise Neurodoron.
Umfassende Beratung dazu gibt’s in der Drogerie oder Apotheke.

 

Stress ist ein uraltes Phänomen

Stress ist nichts Neues. Auch unsere Vorfahren kannten Situationen, die sie stressten und als bedrohlich erlebten. Die Auslöser waren damals aber ganz andere als heute – etwa Hungersnöte, körperliche Überbeanspruchung durch harte (Land­)Arbeit oder eine Schwangerschaft, da die Geburtensterblichkeit hoch war. In der heutigen Zeit setzen uns andere Stressoren zu, wie

  • Informationsüberflutung durch soziale Medien – und dies mit zunehmendem Tempo
  • Selbstverwirklichung und damit gekoppelt Versagensängste
  • die Anti­-Aging-­Bewegung, die ewiges Jungsein propagiert und nicht mehr «erlaubt», mit Falten, Pigmentflecken oder Bäuchlein zu altern.

 

Dieser Artikel erschien am 20. Dezember 2018 in der Zeitschrift GlücksPost. Copyright: Marie-Luce Le Febve de Vivy